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Walters Unfall
Es
war schon sieben Uhr fünfzehn, als wir in der Tankstelle ankamen. Die
Mechaniker standen vor der Werkhalle. Die Alte, wie wir unsere Mutter nannten, stoppte mitten in der Einfahrt
und schrie aus dem Fenster, habt Ihr nichts zu tun? Eure Arbeitszeit hat vor
fünfzehn Minuten begonnen. Einer der Mechaniker sagte, Walter sei noch nicht
da, der hatte ja die Schlüssel. Sie sperrte die Türen auf, ich fing an den
Boden zu putzen, und sie versuchte Walter anzurufen - keine Antwort. Dann rief
sie Walters Nachbarn an und brüllte ins Telefon, die sollen nachschauen, ob
Walter weggefahren ist - kein Erfolg. Sie nahm die Autoschlüssel, fluchte,
dem werde ich es schon zeigen, zu spät in die Arbeit zu kommen und fuhr los.
Zuvor kommandierte sie, was ich alles erledigt haben musste, bis sie wieder
kam.
Sie
war zurück, und der Alte (mein Vater) war dann auch da, ich konnte nur hören, dass Walter
einen Unfall hatte und seine Frau im Krankenhaus war. Sie sagte, ihm aber ist
nicht soviel passiert, er könne, wenn er wolle, arbeiten. Walters Frau wurde
nach Nürnberg ins Krankenhaus verlegt, weil ihr Gesicht total von der
Glasscheibe zerschnitten war. An einem Samstag nachmittag sagte die Alte zu
mir, Du ziehst Dich um und fährst mit Walter ins Krankenhaus und bringst
seiner Frau ein paar Blumen und sagst, dass ich auch mal komme, wenn ich Zeit
habe. Ich tanzte innerlich vor Freude, aber ich sagte nur ja. Als Walter um
vierzehn Uhr mit der Arbeit fertig war, sagte sie noch so scheinheilig zu mir,
aber sehr bestimmt, Du bringst Grüsse von der Familie und lässt wissen, wie
traurig wir über das Geschehene sind. Vor allem gehorchst Du Walter, Du
machst alles was er sagt.
Es
war schlimm, wie die Frau von Walter aussah, und sie war doch so schön. Das
Gesicht voller Narben und die Nase krumm. Ich erinnerte mich, dass sie immer
freundlich war und mir sogar ihren Bikini geschenkt hatte. Gegen Abend
verließen wir das Krankenhaus, und Walter fragte, ob ich Hunger hätte. Da
fiel mir ein, dass ich ja den ganzen Tag noch nichts gegessen hatte. Die Alte
gab mir fünf Mark mit, aber drei Mark hatten ja schon die Blumen gekostet.
Nun werde ich schon etwas für zwei Mark zu essen finden. Das brauchte ich
nicht. Walter lud mich zum Essen ein. Als wir aus der Gaststätte kamen, war
es schon dunkel, und ich machte mir Gedanken, was die Alten denken, denn wir
brauchten ja noch zwei Stunden um nach Hause zu kommen. Ich war sehr müde,
blieb aber wach. Irgendwo hat Walter angehalten, weil er auf die Toilette
musste.
Als
er wieder ins Auto stieg, fragte er mich, kannst Du Dich erinnern, was Deine
Mutter gesagt hat? Im Moment wusste ich
nicht, was er meinte, aber er wiederholte ihre Worte: "Du machst alles
was Dir Walter sagt." Es ging mir der ganze Tag wie Windeseile durch den
Kopf, und ich konnte nichts Unrechtes an meinem Benehmen finden, was ich ihm
auch sagte. Das meine ich auch nicht, sagte er. Was er wirklich meinte, zeigte
er mir auch gleich. Dieses Schwein war in Sekunden in meinem Unterhöschen.
Ich weiß heute nicht mehr ob etwas geschehen ist oder nicht. Ich weiß nur,
dass ich mich mit aller Gewalt gewehrt habe.
Je
näher wir nach Harburg kamen, desto weniger fiel mir ein, was ich machen
könnte, dass niemand mir den Vorfall anmerkte. Was sollte ich tun? Wir
erreichten das Haus und Gott sei Dank, alles war dunkel. Mir fiel ein Stein
vom Herzen. Walter sagte noch, glaube ja nicht, dass Dir irgendjemand glaubt.
Deine Mutter kann mich viel zu gut leiden.
Leise
schlich ich mich ins Haus und die Treppe hoch. Da hörte ich den Pfiff, und
das Licht ging im Schlafzimmer an. Ich klopfte an die Tür und streckte nur
meinen Kopf hinein. Wo kommst Du her mitten in der Nacht? Total verdattert
glaubte ich, dass die Alte vergessen hatte, ihm zu sagen, wo sie mich
hingeschickt hatte. Falsch, die Anschuldigung war, niemand glaubt Dir, dass Du
die ganze Zeit mit Walter zusammen warst. Ängstlich und kleinlaut sagte ich,
bitte frage ihn doch morgen selbst. Ich war so froh, dass er mir nicht
angesehen hat, dass etwas passiert war.
Erleichtert
ging ich in mein Zimmer. Das Licht weckte mich wieder auf, es war circa eine
Stunde später, und meine Mutter sagte, ich solle ins Schlafzimmer kommen. Oh
Gott, hilf mir! Ich musste mich in die Mitte legen, meine Mutter deckte mich
mit ihrer Decke zu. Er wollte haargenau wissen, wie der Tag verlief und ob
Walter etwas gemacht hätte. Ich erzählte an es sehr ausführlich bis auf den
Zwischenfall. Er bohrte und drohte und wollte wissen, was auf der Heimfahrt
gewesen sei. Ich log und beteuerte, dass ich den ganzen Weg geschlafen hätte
und nichts anderes wüsste.
Jetzt
wurde er drohend. Flehend und Hilfe suchend schaute ich meine Mutter an, die
nur sagte, Du musst die ganze Wahrheit sagen. Ich werde Dich morgen zu Dr.
Fuchs bringen, was mich aber in dieser Nacht nicht rettete. Gut, sagte er.
Wenn Du nichts sagen willst, ich werde es herausfinden. Er setzte sich auf,
knallte mir eine, schlug die Bettdecke meiner Mutter zurück, spreizte meine
Beine und fing an mich zu untersuchen ob ich noch Jungfrau sei. Er befummelte
mich mit den Fingern im Schambereich. Ich versuchte mich zu wehren, hatte aber
keinen Erfolg damit, also schloss ich die Augen vor Scham und biss auf die
Zähne vor Wut. Als er an einer bestimmten Stelle war, fragte er mich, ob dies
mir gut täte.
Alle meine Antworten waren immer nein, bitte hör' auf. Wenn Du mir nichts
sagen willst, muss ich es selbst herausfinden, und er schob mir einen Finger
in die Vagina. Da schnappte ich aus und wurde ohnmächtig. Was er herausfand
oder nicht, weiß ich heute noch nicht, es wurde nie mehr darüber gesprochen.
Von
diesem Tag an empfand ich nur noch Schande und Scham, und ich wollte nie mehr
das Gesicht meines Vaters sehen. Sein Verhalten veränderte sich auf eine
Weise, die mir mehr Angst machte als Prügel. Er versuchte bei jeder
Gelegenheit mit mir alleine zu sein, aber irgendwie schaffte ich es, ihm aus
dem Wege zu gehen. Seit dieser Zeit verschloss ich nachts meine Türe, was
aber nicht viel half. Wenn die Alte nicht zu Hause war, musste ich ihm immer
Fragen beantworten, die sehr peinlich waren und dann zeigen, ob meine Brüste
schon gewachsen waren. Er wollte wissen, warum ich ihm nicht erzählt hatte,
dass ich schon die Periode hätte. Wenn ich nicht antwortete schlug er zu.
Langsam
verlor ich die Balance, die mir sagte was richtig oder falsch war. Mein
natürliches Gefühl für Recht und Unrecht wurde durch solche extreme
Situationen in Frage gestellt. Dann sagte ich mir, vielleicht bin ich doch
nicht so intelligent wie ich glaubte, vielleicht haben meine Eltern wirklich
das Recht all dies zu tun. Vielleicht haben Kinder wirklich kein Recht, weil
Eltern sie in diese Welt brachten und sie deshalb auch das Recht beanspruchen
mit ihren Kindern zu tun was sie für 'Recht' halten. Es wurde mir bewusst,
dass Erwachsene ständig nach der sogenannten Wahrheit suchen und sich doch
nicht einigen können; wie soll ein Kind dann rissen, was richtig oder falsch
ist? Die Gesetze wurden von sogenannten intelligenten Erwachsenen gemacht und
sind trotzdem fehl bar und widerlegbar. Wie wichtig kann dann mein 'Gefühl'
für Recht und Unrecht sein, wenn jeder glaubt alles zu wissen.
12
Ins Rektorat
Rektor
Fielechner ermahnte mich zum zweiten Mal, mich richtig auf meinen Stuhl zu
setzen. Ich versuchte es, aber es schmerzte zu sehr. Dabei kamen mir die
Gedanken und eine Lösung. Immer wenn ich mich über den Waschküchentisch
legen und mit meinen Händen am anderen Ende festhalten musste, und er (Vater
-OD) immer an meiner linken Seite steht, weil er ja den Gummischlauch mit der
rechten hält, immer schlägt er auf meine rechte Seite. Ich war sowieso
überall geschwollen vom Treppensturz.
Wie
könnte ich einen Unfall für ihn vorbereiten, damit er sich die rechte Hand
bricht oder wirklich arg verletzt, damit er mit der linken Hand schlagen muss
und somit auf meiner rechten Seite steht? Dann würde vielleicht meine linke
Seite mehr abbekommen und meine rechte vielleicht abheilen.
Ich
kam nicht mehr dazu einen Plan auszuarbeiten, da der Rex schon neben mir stand
und mich mit der Hand auf den Rücken schlug. Ich schloss die Augen, biss mir
auf die Zähne und versuchte, die gewünschte Sitzhaltung einzunehmen. Ich
hörte hinter mir den Bauer Werner schreien, Herr Rektor, jetzt blutet sie.
Der
Rex war ganz schön geschockt, weit er glaubte, er hätte mir etwas zugefügt.
Ich musste ins Rektorat, und mehrere Lehrer waren um mich und fragten. Meine
Lieblingslehrerin, Frau Böhm, fragte mich, ob ich meine Bluse ausziehen
würde und ihr zeigen, wo ich blutete. Ich wehrte mich mit allen Ausreden, es
sei nichts, und ich hätte mich nur gestoßen. Ich wusste, wenn die das sehen,
gibt's Ärger. Die reden dann mit meinem Vater, und dann gibt's mehr Prügel,
weil ich Familienangelegenheiten aus dem Haus getragen habe. Es waren soviele
Stimmen im Rektorat; die zuerst lauter und dann immer leiser wurden, bis ich
nichts mehr hörte.
Ich
wachte auf und sah Dr. Fuchs, unseren Hausarzt, der mich zur Welt brachte, und
im nächsten Moment war ich in einem Krankenwagen, auf dem Weg nach
Donauwörth ins Rot Kreuz Krankenhaus. Nicht da hin, bitte, ich will heim; die
pure Angst und Panik erfasste mich. Der Chefarzt, war der Ex-Chef meiner
Mutter. Die waren zusammen im Lazarett in Riga, und alte Schwestern kannten
meine Mutter. Irgendwas machte mich sehr müde, und als ich aufwachte, war ich
in einem Zimmer allein. Noch sehr benommen suchte ich meine Kleider; ich
konnte nur eines denken: Raus bevor die Alte oder Er kommt.
Immer
wenn eine Schwester ins Zimmer kam, schaute sie mich sehr mitleidig an, und
der Arzt, der nicht der Chefarzt war, stellte sehr unangenehme Fragen.
Irgendwann, ein paar Tage später, wurde ich von meiner Mutter abgeholt, und
sie erzählte mir, dass ich eine Kur machen müsste und mehr essen sollte.
Dein
Vater hat auch mit dem Chefarzt gesprochen. Er war sehr ärgerlich, weil er
sich als Fremder in Familienangelegenheiten mischen wollte.
Du
musst verstehen, sagte sie, das, was in unserem Haus los ist, geht niemanden
etwas an. Ich kann mir auch gar nicht vorstellen, wo Du eine
Gehirnerschütterung her hattest. Da wollte ich ihr ins Gesicht hauen.
Statt
dessen stellt ich mich schlafend und dachte über die Fragen nach, die mir der
andere Arzt stellte. Warum wollte er wissen, wann ich zum letzten Mal gegessen
hatte und ob ich weiß, was ein Hungerödem ist. Ob ich schon immer auf dem
Bauch schlafen würde. Ich wollte ihm antworten, wenn Du Striemen am Rücken,
Arsch und an den Oberschenkeln hättest, würdest Du diese blöde Frage nicht
stellen. Anstatt dessen lag ich einfach da und sagte, ich wüsste es nicht.
Dann fragte er mich, wieviele Freundinnen ich hätte und wo wir spielten.
Spielen ist für faule Kinder; ich muss im Geschäft arbeiten. - Ob ich
sonntags zur Kirche ginge. Ich dachte nur, der hat meine Alte noch nicht
gehört, wenn sie sagt, Kirche ist für die Scheinheiligen, Faulen,
Bigottischen eine Entschuldigung am Sonntag nicht zu arbeiten. Die tragen das
ganze Geld den Pfaffen hin. Der wird davon fett, und dafür zahlt er den
faulen voll gefressenen Köpfen zwei Stunden einen Schmarrn.
Jetzt
hörte ich die Alte sagen, dass wir gleich zu Hause sind und mein Vater seit
ein paar Tagen mit seiner Forschungsarbeit zu tun hätte. Du weißt schon
welche - den Schallfrequenzanalysator. Gott sei dank, dass der nicht da ist.
Ich hatte nämlich schon wieder das flaue Gefühl im Magen. Eines Tages, sagte
ich zu mir selbst, überfährt ihn hoffentlich jemand. Er kommandiert alle
Menschen herum, und vielleicht hat ja einer den Mut und schlägt ihn tot.
Lieber Gott, Jesus hat gesagt: Lasset die Kindlein zu mir kommen! Wann darf
ich?
Mehr
und mehr dachte ich an unseren Plan, "ihn" zu beseitigen, aber wir
sprachen nie mehr darüber. Nigg sagte manchmal, wenn ich erwachsen bin zahle
ich ihm alles heim. Das half mir überhaupt nicht, denn bis dahin ist es ja
noch eine Ewigkeit. Was wird in der Zwischenzeit noch alles passieren, und wir
müssen es ohne Widerstand ertragen.
Niemand
in der Schule sprach über den Vorfall. Jeder der Lehrer, die mit im Rektorat
waren, schienen mir auszuweichen. Nur einige meiner Mitschüler fragten, ob
ich es im Krankenhaus gut gehabt hätte. Damit war auch dieser Vorfall
begraben.
13
Die unbezahlte Rechnung
Es
war noch eine Woche bis Weihnachten, und es war kalt im Haus, und wir hatten
außer Haferflocken mit Kakao und Milch seit langem nichts mehr gegessen. Im
Sommer wurde die Tankstelle geschlossen. Die einen sagten, Deine Mutter hat
Bankrott gemacht, weil Dein Vater alles Geld für seine Forschungsarbeiten
verbraucht hat. Manche sagten auch, Dein Vater kümmert sich nur um sein
Orchester und seinen Chor und wieder andere sagten, Deine Mutter hat das ganze
Geld Detektiven bezahlt um Deinem Vater nachzuspüren.
Ich
weiß es nicht, und ich wollte es auch nicht wissen. Dass meinem Vater die
Musik und seine wissenschaftlichen Arbeiten wichtig waren, wussten ja alle, er
hat bis heute in seinem Leben noch keinen Pfennig Geld verdient. Alles was wir
hatten kam von meiner Mutter oder meinen Großeltern. Je älter ich wurde,
desto weniger verstand ich meine Mutter. Heute bin ich fast vierzehn (? - 40?
-OD) Jahre und weiss, dass sie alles, aber auch alles für meinen Vater tun
würde, damit er sie nicht verlässt.
Sie
war ihm willenlos verfallen und ertrug jede Art von Schmerz und Beleidigungen,
die er ihr zufügte. Einmal zeigte er uns ein Bild von einer Frau in einer
Schwesternuniform. Sie war schön im Gesicht und hatte eine makellose Figur.
Er fragte uns, ob wir wissen, wer die Frau im Bild sei. Er erklärte es ganz
einfach, das war die Frau, die ich nach dem Krieg kennenlernte, und heute ist
sie eine voll gefressene schwabbelige fette Sau - Eure Mutter. Verlegen und
beschämt schauten wir unsere Mutter an, sie sagte kein Wort, und ich fühlte
zum ersten Mal Bedauern für sie.
Es
machte mich auch ärgerlich, dass sie sich nicht wehrte, im Gegenteil, sie
sagte, Euer Vater meint das nicht so. Am selben Abend, es war schon dunkel,
zog meine Mutter Nigg und mich ins Schlafzimmer. Sie war sehr kleinlaut, als
sie uns fragte, ob wir gerne ein gutes Essen haben möchten und ein schönes
Weihnachten mit Geschenken und einer Weihnachtsgans auf dem Tisch.
Nigg
und ich schauten uns an, und der Hunger in unserem Magen sagte ja. Wir wussten
sehr wohl, dass wir etwas dafür tun müssten, was nicht sehr angenehm war.
Sie erzählte, dass, als sie durch die Tankstellenunterlagen ging, sie einige
Kundenrechnungen fand, die noch nicht bezahlt waren. Irgendetwas in mir warnte
mich, aber Hunger und Weihnachten waren sehr realistisch. Sie sagte: Alles was
Ihr tun müsst ist nach Mohnheim zu dieser Adresse zu fahren und zu kassieren.
Lasst Euch nicht abwimmeln mit irgendwelchen Ausreden, denn die haben immer
Geld im Haus. Ihr müsst sehr stark sein, denn das Heizöl reicht auch nur
noch für zwei Tage. Ich fasste mir ein Herz und sagte, gib uns die Rechnungen
mit, damit die Leute wissen, dass wir Deine Kinder
sind. Sie gab sie uns, und die Rechnung zeigte tatsächlich ein Minus von
etwas
über dreitausend Mark. Ich wollte nur sichergehen, dass alles seine Ordnung
hatte und fragte, warum gehst Du nicht hin oder Er, und einer von Euch beiden
kassiert? Sie knallte mir eine Ohrfeige und sagte, willst Du den Erwachsenen
vorschreiben, was sie tun sollen? Gut, wenn Ihr nicht gehen wollt, habt Ihr
und Eure armen Brüder nichts zu essen und Weihnachten fällt auch aus.
Nigg
war dreizehn Jahre und der Fahrer. Wir nahmen den rot-weissen VW-Bus. Es sind
ja nur vierzehn Kilometer, trösteten wir uns, aber es war Nacht, und die
Strasse war stellenweise spiegelglatt. Auf halbem Weg fing es auch noch zu
schneien an. Immer wenn ein Auto entgegenkam oder wir durch einen beleuchteten
Ort fuhren, schob ich meine Beine unter Niggs Hintern, damit er größer
aussah. Endlich, wir waren da, nach eineinhalb Stunden. Auf der Fahrt redeten
wir nicht viel, aber jetzt mussten wir die Adresse finden. Nigg glaubte schon
einmal dagewesen zu sein, aber da war es ja Tag. Wir suchten eine Stunde lang
als wir uns entschlossen, in einer Gaststätte nach der Adresse zu fragen. Ich
ging also zu dem Wirt und fragte. Das erste, was er sagte war, kleine Mädchen
gehören um diese Zeit nicht mehr auf die Strasse, trotzdem gab er mir die
Adresse, und wir fanden es auch gleich.
Ich
weiß nicht mehr, wie viel Uhr es war, aber die Leute waren schon im Bett als
wir klingelten. Es war mir so peinlich, als der Mann im Schlafanzug die Türe
öffnete, und wir wollten schon umkehren. Er fragte uns was wir wollten, da
zeigte ich ihm die Rechnung und versuchte, meine Stimme sehr erwachsen und
selbstsicher klingen zu lassen. Er bat uns herein, und wir schnauften auf vor
Erleichterung. Für uns war klar, wir bekommen das Geld, Essen, Heizöl, und
Weihnachten war gerettet.
Da
sagte er, ich muss meine Frau wecken, die kümmert sich um die
Geldangelegenheiten. Wir hörten laute Stimmen, verstanden aber nicht was
gesprochen wurde, wir aber wussten in diesem Moment, dass etwas nicht stimmte.
Die Frau war sehr wütend, als sie ins Zimmer kam. Sie schlug mit der Hand auf
den Tisch und schrie uns an. Was will denn Eure Mutter noch alles? Hier ist
die Quittung, dass ich diese dreitausend Mark schon letzten Monat bezahlt habe
und außerdem sagte ich letzte Woche zu Eurer Mutter, sie soll aufhören, mich
um Geld anzubetteln.
Wir
wollten vor Scham im Erdboden versinken. Nigg fasste sich schnell und sagte,
wenn wir kein Geld heimbringen, gibt's wieder nichts zu essen, und das Heizöl
ist auch schon fast alle. Die Stimme der Frau änderte sich, und sie sagte,
setzt Euch an den Tisch, wann habt Ihr zum letzten Mal etwas gegessen? Ich
fasste Nigg bei der Hand und sagte, wir müssen gehen, aber
der Mann sagte, setzt Euch und gab uns ein Glas frische Kuhmilch, sie hatten
ja einen Bauernhof. Die Frau brachte uns Brot und eine hausgemachte Leberwurst
und sagte, esst erst einmal. Nigg war nicht so genant, er langte gleich zu;
ich verstand es, es war der Hunger. Mein Stolz und die Scham, die ich empfand,
schnürten mir den Hals zu. Da wurde mir auch klar, dass meine Mutter zu jeder
Lüge bereit war. Nigg zischte durch die Zähne, sei nicht so blöd und iss,
die Leute meinen es gut. Als wir fertig waren, bedankte ich mich und
entschuldigte meine Mutter, dass dies vielleicht ein Versehen war. Die Frau
packte uns auch noch zu essen ein und drückte mir einen Geldschein in die
Hand. Bitte nehmen Sie das Geld zurück, es ist nicht recht, auch noch Geld zu
nehmen. Nimm's, es ist ein Weihnachtsgeschenk.
In
dieser Stunde wurde ich erwachsen und wusste, was das Wort Schande heißt. Der
Weg nach Hause war schwerer als das Kommen. Es war aber nicht die Schuld des
Schneetreibens. Was sollten wir sagen? Die Alte glaubt uns doch sowieso nicht.
Sie wird sagen, Ihr wart gar nicht da und habt Euch nur solange herumgetrieben
oder irgendsoetwas wird sie sagen. Wir beide wussten, was auch immer wir sagen
würden, sie würde uns ja sowieso nicht glauben. Wir haben auf jeden Fall
einen Beweis. Dabei stellten wir fest, was auch immer wir sagen, die Alten uns
nie glauben und wir immer einen Beweis brauchen. Ich konnte mich nicht länger
damit beschäftigen, da mein Magen rebellierte. Kein Wunder, seit Tagen nichts
außer Haferflocken mit Kakao und Milch und heute die fette frische Milch und
die schwere fette Leberwurst. Ich musste brechen und hatte zugleich Durchfall.
Nigg hielt an, und ich schaffte es nicht weiter als bis zum Straßenrand als
es losging, wieder im Bus merkte ich, dass ich durchnässt war und es mich
fror. Wir sind ja bald zu Hause. Wir schafften es ohne Unfall oder
irgendwelche Zwischenfälle. Ich gab der Alten den Geldschein und das Essen
und sagte, ich muss wieder brechen. Sie sagte nur, ist das alles? Euch kann
man zu nichts gebrauchen. Am nächsten Tag kaufte sie meinem Vater Fleisch,
Zigarren und gute Butter. Wir bekamen eine Nudelsuppe ohne Fleisch und ein
Margarinebrot.
Weihnachten
war wie alle Jahre - keine Geschenke und dieses Jahre nicht einmal, wie sonst,
wenigstens einen Pullover.
Egal
ob wir Geld hatten oder arm waren, mein Vater bekam das Beste, wir die
Überbleibsel. Mein Verstand und mein Gefühl rebellierten, denn wir wussten,
dass in anderen Familien die Kinder besser versorgt wurden und vom gleichen
Topf aßen wie die Eltern. Und deshalb wuchs mein Hass täglich.
14
Die Diebe
Es
war wie ich vermutete. Das Geld reichte gerade über die Weihnachtsfeiertage.
Es war kein Essen mehr im Haus, und das Heizöl war gestern schon zu Ende. Wir
saßen alle in der Küche und verschürten altes was brannte.
Die
Alte kam nach Hause und erzählte, dass Er auf der Chorprobe sei und
vielleicht Geld nach Hause bringe. Wir müssen etwas zu essen kochen für
Euren Vater, aber was? Sie schaute Nigg und mich an. Ich kannte den Blick, der
bedeutete nichts Gutes. Sie schickte Siegfried und Hans aus der Küche und
sagte. Ich muss Euch etwas fragen, aber das brauchen die Kinder nicht zu
hören, die sind noch zu klein.
Seit
langem wurden wir als Erwachsene bezeichnet, sobald es ernst wurde. Die
Prügel blieben die gleichen, und wir waren, laut Aussage unseres Alten
genauso blöd wie vor Jahren. Wir würden jetzt nur mehr fressen und grössere
Schuhe brauchen. Sie fing an Nigg zu manipulieren und fragte ihn, ob er auch
gelernt hätte, wie man ein Schloss ohne Schlüssel aufmacht und ohne Spuren
zu hinterlassen. Nigg, dessen Leben die Kfz-Werk statt war und der als
Zehnjähriger mit den Mechanikern Motoren ein- und ausbaute, stellte sofort
bildlich seine Fähigkeit dar. Hatte er nicht begriffen auf was die Alte
hinaus wollte?
Als
er dann wusste um was es ging, war ihm garnicht mehr wohl in seiner Haut. Sie
überzeugte ihn, dass, wenn er das Schloss an der hinteren
Lebensmittelladentür aufbräche ohne Spuren zu hinterlassen, wir alle etwas
zu essen hätten, und morgen würde sie ja von dem Geld, das er heimbringe,
einkaufen gehen.
Sie
überzeugte ihn, dass, wenn sie es machen würde und dabei erwischt werden
würde, sie ins Gefängnis käme, und dann müssten wir mit unserem Vater
leben und hätten keine gute Stunde mehr. Ich fragte mich, hatten wir je eine,
kann das noch schlimmer werden? Sie beruhigte Nigg und erzählte ihm, dass
Kinder nicht ins Zuchthaus kämen, weil es als Mundraub gilt, wenn man
Lebensmittel stiehlt. Nigg willigte ein, aber wir mussten warten, bis es
mindestens zwanzig Uhr war, damit uns durch die grossen Glasscheiben niemand
sehen konnte. Ich erfuhr gleich, was mein Teil an dieser Aufgabe war. Sie
machte eine Liste, was wir brauchten, und ich musste sie auswendig lernen,
weil wir ja kein Licht machen konnten. Sie erklärte uns haargenau den Plan.
Sie machte alle Lichter im Haus aus. Sie stellte sich ans Schlafzimmerfenster,
wo sie beide Strassenrichtungen einsehen konnte, weil der Laden genau darunter
lag. Einmal klopfen o.k., zweimal klopfen Vorsicht. Wir gingen die Treppen
hinunter. Vor der Ladentür kamen mir wieder grosse Bedenken, ich teilte sie
Nigg mit. Er meinte, wir stehlen Essen und nicht nur für uns. Wir haben
keine andere Chance. Diesesmal betete ich nicht, weil ich glaubte, Gott will
ab heute nichts mehr mit mir zu tun haben.
Das
Schloss im Dunkeln zu öffnen war schwer, aber Nigg schaffte es irgendwie. Er
ging zur Haustüre und hielt Wache. Schnell schaltete ich ab, weil ich mir
sagte, es gibt keine andere Mahl und ging durch die Tür, Da war es wieder:
Die Übelkeit stieg vom Magen hoch, aber diesesmal bekam ich auch noch
Kopfschmerzen. Ich konnte mich nicht mehr besinnen, was ich alles einpacken
sollte.
Irgendwie
schaffte ich es, die mitgebrachte Schachtel mit den benötigten Dingen voll zu
machen und sie ohne Zwischenfälle nach oben zu schaffen. Das war zuviel für
mich. Als Nigg zurückkam, sagte er, Du bist weiss wie die Wand, und ich war
der Alten fast dankbar, dass ich gleich ins Bett durfte. Ich hatte keinen
Hunger mehr, nur noch Kopfschmerzen und die Übelkeit im Magen. Trotzdem
entwickelte ich immer mehr Widerstand gegen all das Verlangte und suchte Wege,
die es mir möglich machten, Essen ins Haus zu schaffen ohne zu stehlen.
Die
Nachbarin erlaubte mir, jeden Tag zwei Stunden auf ihre Kinder aufzupassen,
und ich bekam drei Mark dafür. Ich glaube heute, sie wusste, was passiert war
und wollte helfen. Das war freilich nicht genug, und wir mussten den Diebstahl
noch zweimal wiederholen. Zu dieser Zeit war mein Gefühl für Recht und
Unrecht vollkommen ausgeprägt, und ich suchte immer nach Gerechtigkeit, doch
war es mir nicht gegönnt, sie zu erleben. Ich hielt trotzdem daran fest und
festigte mich in dem Glauben, dass, wenn ich erwachsen wäre, ich
Gerechtigkeit nicht nur predigen, sondern auch praktizieren würde.
Ich
sah mich immer mit einem Strick um den Hals und einen Stuhl unter meinen
Füssen. Immer wenn einer meiner Eltern den moralischen Stuhl umstieß, hielt
ich mich mit den Händen am Strick fest und richtete den Stuhl wieder mit den
Füssen auf. Eines war klar: Ich musste es selbst tun, da ich von niemandem
Hilfe erwarten konnte, und da waren noch meine drei jüngeren Brüder. Die
instinktive Verantwortung, die ich nie haben wollte, war da und zehrte mich
aus.
Mein
Vater sagte einmal, dass wir außer zum Betrug und Stehlen zu nichts zu
gebrauchen wären, die Kriminalität sei uns angeboren, aber es käme nicht
von seiner Genseite. Meine Eltern schafften es Verantwortung zu übertragen,
indem sie Schuldgefühle weckten, damit sie für illegale Handlungen nicht
verantwortlich gemacht werden konnten und somit nach außen hin eine weiße
Weste behielten.
15
Der gefrorene Fluss
Morgen
ist Sylvester, und ein neues Jahr beginnt, ein Jahr, in dem alles anders wird.
Im März werde ich vierzehn und im Juli komme ich aus der Schule. Jetzt ist es
schon gar nicht mehr möglich, an die Mittlere Reife zu denken. Zuvor war es
nur der Terror, den ich täglich erleben würde, wenn ich noch länger zur
Schule gehe; heute kommt auch noch die Tatsache, dass die Familie kein Geld
mehr hat dazu. Dass wir alle blöd und dumm sind, glaubte ich ja schon lange
nicht mehr. Dumme Menschen denken nicht soviel über Recht und Unrecht nach
und wehren sich auch nicht so wie ich es tue. Es kostet mich immer eine große
Überwindung, an der hinteren Ladentüre vorbeizugehen oder der Frau im Laden
zu begegnen. Meistens ging ich über den Garten zur Hintertüre ins Haus.
Meine
Gedankenverlorenheit wurde wie immer unsanft durch den "Pfiff unseres
Herrgotts" unterbrochen. Eure Mutter muss mit Euch reden. 'Euch' hiess
immer Nigg und ich. Er verließ die Küche, und meine Alte fing weinerlich an
zu fragen, was sollen wir machen, wir haben kein Heizöl mehr, und den
Küchenofen können wir auch nicht schueren, weil das Holz bald zu Ende ist.
Wie
ich Euch dann morgen etwas zu essen kochen soll, weiß ich nicht. Habt Ihr eine
Idee? Nein - schon wieder stehlen, dachte ich, auf keinen Fall, da mach' ich
nicht mehr mit. Ich machte den Vorschlag, dass sie ihren Schulfreund, den
Lanzer Hans, fragt, ob er uns auf Kredit Heizöl gibt. Sie wurde bitterböse.
Der gibt uns nichts mehr.
Ja,
warum nicht, fragte ich. Weil wir ihm die letzten zwei Rechnungen nicht
bezahlen konnten. Sie fing an, über den Mann herzuziehen und ihn alles zu
heißen was schmutzig war. Wir waren total verwundert, da der Hans doch
angeblich seit Jahren ihr bester Schulfreund war. Mittlerweile wussten wir,
dass alle, die ihr keinen Gefallen mehr taten, schlechte Leute waren. Sie
stellte es jedoch so hin, dass sie es war, die all denen geholfen hatte. Nigg
und ich schauten uns an. Wir glaubten kein Wort, weil wir es besser wussten.
Aber das Problem war nicht gelöst.
Vorsichtig
fragte ich, was mit dem Geld sei, das der Alte heimbrachte. Ihre Antwort war,
das geht Euch nichts an, überlegt lieber, was wir machen und verließ die
Küche. Wir? Nigg und ich schauten uns an, und ich fragte, die Alte glaubt
doch nicht wir gehen auch noch Heizöl stehlen, das geht doch gar nicht.
Falsch,
sie hatte einen perfekten Plan, der erklärte, wie wir es zu machen hatten.
Sie sagte noch dazu, Ihr müsst verstehen, dass Ihr kein Wort sagen dürft,
dass ich etwas davon weiß, solltet Ihr erwischt werden. Es war unbegreiflich
für mich, dass wir ausgerechnet diesen netten Mann bestehlen mussten. Sie
sagte, legt Euch schlafen, ich wecke Euch, jetzt ist es noch zu früh.
Bevor
ich einschlief, betete ich um ein Wunder, aber es kam nicht. Sie weckte uns,
es war fast Mitternacht. Wir zogen uns warm an, denn es war bitterkalt. Geht
bis zur Lutschack-Gaststätte und dann auf dem gefrorenen Fluss weiter bis zum
Raiffeisen Lager. Im Hinterhof stehen die Heizöltanks, die haben sogar eine
Pumpe. Nigg meinte, da bin ich aber froh, dass ich es nicht mit dem Schlauch
absaugen muss. Wir hatten auf dem Schlitten zwei Zehn-Liter-Kanister
festgebunden. Auf dem Weg hat Nigg eine echte Wut bekommen. Wir müssen das
Heizöl stehlen, damit's der Alte schön warm hat, seine fette Zigarre rauchen
kann und Radio hören. Der soll doch selber mitten in der Nacht stehlen gehen.
Wenn der uns noch einmal schlägt, dann bringen wir ihn um. Das ist die einzige
Lösung, sagte ich. Sofort hatte ich eine Idee. Wenn ich wieder koche, mische
ich Rattengift in sein Essen. Das geht nicht, das schmeckt man, und vielleicht
isst er es nicht und schüttet es zurück in den Topf, und dann isst es jemand
anderes und stirbt.
Mittlerweile
sind wir beim Lutschack angekommen. Soweit hat uns niemand gesehen. Wir gingen
zum Wasser. Hoffentlich ist das Eis dick genug, Nigg testete es. Er war sich
nicht so sicher, und wir suchten einen anderen Weg, aber da war keiner. Wir
konnten mit dem Schlitten mit Kanistern nicht über den hohen Zaun und vor allem
nicht zurück mit den vollen. Also keine Chance, wir mussten aufs Eis.
Vorsichtig
und so nah wie möglich bewegten wir uns am Ufer entlang, hintereinander,
damit die Betastung verteilt wurde, denn das Eis war wirklich nicht sehr dick.
Bis jetzt hatten wir schwaches Licht von den Straßenlampen, aber weiter vorne
war es kuhnacht, und das Ufer war steil. Wir schafften es und waren im
Hinterhof des Lagerhauses.
Seit
wir aufhörten Mordpläne zu schmieden, war die Angst wieder da. Wir mussten
über die ständige Angst nicht reden, wir kannten sie und lernten damit
umzugehen. Der Rest war fast mechanisch, ich war das nicht, die dort um
Mitternacht stahl. Die Pumpe war eingefroren. Nigg sagte, wir müssen die
Hände ein wenig dran halten, vielleicht taut sie auf. Meine Hände waren
sowieso schon kalt. Dann versuchte Nigg es noch einmal; sie ging, aber
quietschte fürchterlich.
Es
war ja Totenstille überall. Nigg wickelte seinen Anorak über die Pumpe, und
langsam bewegten wir den Hebel der Handpumpe
hin und her. Luft - der Tank ist leer, was jetzt? Der Kanister ist nicht
einmal halb voll und der andere noch leer. Es war noch ein zweiter und voller
Tank daneben, aber wo bekommen wir einen Schraubenschlüssel her, der auch
noch passt? Wir trennten uns, und wir fingen an zu suchen. Es war alles so
gespenstig.
Nigg
fand einen Franzosen (Schlüssel). Es war
alles bloß nicht leicht, den Fassverschluss zu öffnen, da der Schnee
angefroren war.
Endlich
hatten wir beide Kanister voll und stellten fest, das das Eis das Gewicht
nicht tragen wird. Wir lernten, durch solche Situationen, in denen wir waren,
schnell und logisch zu denken. Ich ging zuerst an die Stelle zurück, an der
wir aufs Eis gegangen waren. Dann kam Nigg zuerst mit einem Kanister und holte
dann den zweiten, und wir machten uns auf den Heimweg.
Meine
Gedärme rebellierten, ich hatte schon wieder Durchfall, und mir war es
schlecht. Ich sagte nichts zu Nigg und unterdrückte es. Als wir kurz vor
unseren Haus waren, sah ich unsere Schlittenspuren. Man konnte genau sehen, wo
der Schlitten aus dem Haus ging und wo er zurück kam. Nigg! Ich zeigte nur
auf die Spuren. Wir waren beide blass vor Angst. Komm', flüsterte er, und wir
zogen den Schlitten am Haus vorbei bis ans Adlerhaus. Wir stellten die
Kanister ab, und ich trug den Schlitten die gefrorenen Steintreppen hinauf,
stelle ihn in die Fahrtrichtung, dann ging ich hinunter, um Nigg mit den
Kanistern zu helfen. Sie waren schwer. Ich musste meinen mehrere Male
abstellen, bevor ich oben war. Der Weg war zu schmal für uns beide zusammen.
Nigg
zog, ich schob bis zu unserem Gartentürchen. Ich ging ins Haus und sagte,
dass wir Hilfe brauchten. Wo bleibt Ihr solange? Das war alles. Mein Bruder
und ich überlegten uns, was wir machen sollten wegen der Spuren. Die sind ja
auch im Lagerhof bei den Ölfässern. Wir machten uns Vorwürfe, weil wir
nicht gleich daran gedacht hatten. Wenn es nicht so dunkel gewesen wäre,
hätten wir sie gleich gesehen und sie etwas verwischen können oder einen
anderen Weg nehmen. Wir sahen uns schon in Gedanken auf der Polizei, denn die
Alte hat ja gesagt, dass sie von nichts weiss, wenn wir erwischt werden. Als
wir nicht mehr wussten, was wir tun könnten, hatte ich den Gedanken,
vielleicht schneit es bis morgen früh.
Um
sechs Uhr erwachte ich aus einem unruhigen Schlaf und ging zum Fenster.
Frischer Schnee war gefallen. Alles was ich sagen konnte war "danke,
lieber Gott?" Ich schlich mich hinauf zu Nigg und weckte ihn und wollte
ihm den Schnee zeigen. Er sagte, ich hab's auch grad' gesehen. Die Alten
schliefen noch, also ging ich auch wieder ins Bett, aber schlafen konnte ich
nicht. Meine Gedanken zeigten mir Bilder von Familien in unserer kleinen
Stadt. Da waren die Heinzelmayers mit vielen Kindern. Wie die Mutter das Baby
brustfütterte und die kleinen Kinder, eng an sie geschmiegt, einfach dabei
waren und sie mit der anderen Hand streichelte. Frau Reischel, unsere
Nachbarin, die auch manchmal weinte, weil ihr Mann sie oft schimpfte, und sie
hatte doch noch das andere Baby, das nicht ganz normal war, und
trotzdem küsste sie ihr Mann immer, wenn er aus dem Haus ging. Da waren die
Busers. Der eine war mein Buser-Papa, und der andere der Metzger Buser, und
die hatten auch Kinder und Geld, und trotzdem waren sie sehr gut zueinander.
Geld
war bei uns auf einmal sehr wichtig geworden, vorher war es halt da, weil es
eben so war; das machte meine Eltern so einflussreich, und die Leute glaubten
fast alles, was sie sagten. Jetzt ist es nicht mehr da, wir Kinder litten
seelisch und körperlich mehr als zuvor darunter, da die Alten jetzt fast
täglich zu Hause waren. Der Alte hat ja fast jeden Tag einen Tobsuchtsanfall
wegen Nichtigkeiten, und es gab mehr Prügel als Essen. Trotz alldem sehe ich,
dass sie anscheinend nicht mehr die Unantastbaren waren, und die Leute kehrten
ihnen den Rücken.
Sie,
diejenigen, die überall den Ton angaben, mussten stehlen, und sie sind so
feige, dass sie es nicht einmal selbst tun. Sie schickten ihre Kinder. Ich
spürte ihre Schwäche und irgendwie bekam ich dadurch Kraft. Langsam fing an
mich stärker zu fühlen und sagte es auch. Als ich wieder einmal in die
Waschküche musste und der Alte mich mit einem seiner "hergöttlichen"
Sprüche einschüchtern wollte, wie "ich mach' Dich gehorsam", und
zeigte dabei den Gummischlauch, da fasste ich allen Mut zusammen und sagte,
das ist aber auch schon alles, was Du kannst.
16
Die Konfirmation
Manchmal
durfte ich in den Konfirmandenunterricht, den die Frau von unserem
Stadtpfarrer unterrichtete. Je mehr ich den Katechismus kennenlernte, desto
mehr fühlte ich mich schuldig und glaubte, dass Gott Kinder wie uns nicht in
den Himmel lässt. Ich glaubte an die zehn Gebote, nur mit einem war ich
überhaupt nicht einverstanden: 'Du sollst Vater und Mutter ehren'. Schritt
für Schritt lernte ich, dass das, was ich fühlte, auch richtig war. Aber wie
sollte ich mich wehren? Die zehn Gebote sind nur für die Christen, die alles
haben was sie brauchen und nichts arbeiten wollen, sagte die Alte. Ich aber
wollte christlich sein und arbeiten, weil ich die Gebote Gottes verstehen
konnte und glaubte, dass das die einzigen richtigen Gesetzesparagraphen seien.
Wir
waren mit einem Schulfreund, in dessen Vaters VW-Bus auf dem Weg um Holz für
den Küchenofen zu stehlen. Ich erzählte Nigg, was ich im
Konfirmandenunterricht gelernt hatte und dass das Stehlen eine Sünde sei. Er
widersprach nicht, er sagte nur, wenn es einen Gott gibt, der alles sieht,
dann sieht er auch, dass wir das alles nicht tun wollen. Was er sagen wollte,
verstand ich wohl, egal wie man es verstehen oder auslegen wollte, es blieb
trotzdem stehlen, und ich fühlte mich nicht besser. Seitdem wussta ich, dass
Nigg ebenso dachte und garnicht stehlen wollte. In dieser Nacht mussten wir
sehr weit fahren. Sie sagte, sie hätte einen großen Holzstoss in Amerdingen
gesehen, das waren ja mehr als zwanzig Kilometer von Harburg. Wenn uns nur die
Polizei aufhalten würde, dann müssten wir nicht andere Leute bestehlen.
Nigg
verstand, was ich damit sagen wollte, aber er meinte, wie sollen wir dann
kochen und die Küche heizen. Seit langem hatten wir den Gedanken aufgegeben,
dass die Eltern etwas unternehmen um die Situation zu ändern. Wir kamen gar
nicht auf die Idee, dass nicht die Kinder für die Familie sorgen müssen,
sondern die Eltern. Egal für was, ich war immer für alles verantwortlich,
weil ich die Älteste war. Sogar das Stehlen musste perfekt klappen. Auf
unseren Fahrten waren wir meistens sehr still oder wir ermutigten uns
gegenseitig, dass, wenn wir damit Erfolg hatten, der Alte endlich einsieht,
dass wir gar nicht so blöde sind und auch etwas fertig bringen. Ein gutes
Gefühl war es nicht zu stehlen, aber es half, den Alten ruhig zu stimmen.
Außerdem meinte Nigg, wir müssen das nicht mehr lange machen, die Alte macht
mit dem Yüldirimlar ein Ex- und Import-Geschäft. Die bringen dann Sachen aus
der Türkei und verkaufen sie in Deutschland. Sie hat nur noch nicht das Geld.
Meine
Gedanken waren in den letzten Tagen immer bei meiner bevorstehenden
Konfirmation und dem Kleid, dass ich dazu brauchte. Ich fragte meine
Handarbeitslehrerin, ob ich mir in der Schule ein Kleid nähen dürfte. Sie
versprach mir sogar dabei zu helfen, weil sie immer sagte, ich hätte ein
außergewöhnliches Talent für Farben und Design. Es wurde aber nichts
daraus, denn ich bekam keinen Stoff für mein dunkelrotes Konfirmationskleid
mit vielen kleinen Schlingen vorne, und die Knöpfe sollten weiße Kugeln sein
wie Perlen, der Rock natürlich eng.
Ab
der Konfirmation darf man ja enge Röcke und hohe Schuhe tragen, und man bekam
die erste Dauerwelle. Wir Mädchen sprachen in der Schule nur noch von
unseren Kleidern und den Schuhen. Heidi bekam zwei Paar wunderbare
Stöckelschuhe, das eine Paar war schwarz mit einer Samtschleife, und das
andere Paar war aus rotem Lackleder. Die roten Lackschuhe waren ein Traum und
alles was ich mir wünschte. Eines Tages zertrennte ich einen weiten Rock, der
rot-schwarz kariert war und nähte einen engen Rock daraus und versteckte ihn.
Es war ein Sonntag, an dem ich in die Kirche musste, weil nur dann konfirmiert
wurde, wenn wir mindestens zwei Mal im Monat in der Kirche waren.
Die
Alten waren irgendwo unterwegs wegen des neuen Geschäftes das sie planten.
Ein Festtag für mich. Nach der Kirche sagte Heidi mir, dass sie einen Freund
habe, der bis von Neuburg jeden Sonntag kommt und sie dann mit ihm spazieren
gehe. Heute würde er seinen Bruder mitbringen und ich solle doch mitkommen,
damit der nicht alleine spazieren laufen müsse. Das war der Moment für mich.
Ich willigte ein, aber nur, wenn sie mir ihre roten Schuhe borgte und ihren
schwarzen Pulli. Wir holten die Schuhe und den Pulli, und ich zog mich um. Als
ich fertig war, sagte Heidi, Du siehst ja toll aus und so erwachsen, der wird
sich gleich in Dich verlieben. Ich fühlte mich auch so.
Nigg
sah mich, er schüttelte den Kopf. Das sage ich den Alten, dass Du so
rumläufst, dann kriegst Du es wieder. Wir Geschwister verstanden uns nur,
wenn es gegen die Alten ging, ansonsten waren wir wie Hund und Katze. Es war
mir in diesem Moment gleichgültig, was hinterher kam, ich fühlte mich
unbeschreiblich gut und toll, und ich wollte das auch zeigen. Wir gingen
zuerst über den Marktplatz, wo immer die großen Buben standen. Langsam
gingen wir in Richtung Kino, und die haben doch wirklich gepfiffen. Nie zuvor
bekam ich ein Kompliment, und es hat mir auch keiner nachgepfiffen. Um ein Uhr
gingen wir dann ins Gras, dort traf sich Heidi immer mit ihrem Freund.
Werner,
sein Bruder, sah toll aus, aber was viel wichtiger war, er hatte wunderschöne
blaue Augen und war sehr freundlich, gar nicht so frech wie die Jungen in
unserer Stadt. Er war auch schon siebzehn Jahre alt und hatte viel Erfahrung.
Er fragte mich, ob er beim Spazieren gehen meine Hand halten dürfte. Er
erzählte
mir, dass er im Juli mit der Mittelschule fertig sei und dann in einem Hoch-
und Tiefbaubüro als technischer Zeichner arbeiten werde. Wir sahen uns noch,
bis ich aus der Schule kam. Es ist noch eine Woche bis Palmsonntag, und ich
hatte kein Kleid, und es interessierte weder den Alten noch die Alte. Immer
wenn etwas wichtiges in meinem Leben war, war ich auf mich all eine gestellt.
So wie die Auszeichnung, die ich von der Schule bekam für mein Bildkunstwerk,
das offiziell als das beste nominiert und an einem Elternabend vorgestellt
wurde. Mein Vater bezeichnete es als modernen Kitsch, aber die Lehrer waren
einer Meinung, dass es wert sei, meine Begabung zu fördern und mich
aufmunterten, nie mein Talent verkümmern zu lassen.
Für
mich war klar, dass, wenn ich kein Kleid habe, ich mich auch nicht
konfirmieren lasse. Ich hatte schon einen Plan, wann und wie ich ausreiße an
dem Sonntag Morgen. Am Freitag kam meine Patin und brachte mich zum Friseur,
und ich bekam eine Dauerwelle. Ich sagte ihr, sie solle ihr Geld sparen, ich
hätte ja auch kein Kleid. Sie beruhigte mich und erzählte mir, das meine
Mutter das Kleid von der Margitt bekäme. Am selben Abend sah ich auch das
Kleid. Es war aus schwarzem Samt und sah aus wie die Kleider der alten
Bauernweiber. Der Rock war fast knöchellang und weit, und ich sah fett darin
aus. Die Schuhe waren zu gross, da wurde halt Papier in die Spitze gestopft,
und ich hatte auch keine Bibel. Ich hasste das Kleid, aber es war besser als
keines, und ich konnte wenigstens zur Konfirmation. Was sollte ich am Tag der
Vorstellung anziehen?
Alle
hatten neue Kleider für diesen Samstag, an dem wir der Gemeinde als Konfirmanden
vorgestellt wurden. Heidi hatte ihre roten Lackschuhe an, und alle waren so
schön, nur ich musste in meinem alten Schul rock und den alten Schuhen gehen.
Das verzeihe ich den Alten nie, dachte ich. Das war doch der wichtigste Tag in
meinem Leben, und ich musste ihn mit soviel Wut im Leibe verbringen, nur weil
denen nichts wichtig war, was uns Kinder am Palmsonntag betraf. Als die Bilder
gemacht wurden, sträubte ich mich und wollte mich nicht fotografieren lassen.
Habe es dann doch getan, aber nur weil meine Schulfreundinnen mich dazu
überredeten und ich in der letzten Reihe stehen durfte und somit niemand das
hässliche Kleid sah.
Nach
der Kirche gingen dann alle zu ihren Festessen und zu den eingeladenen Gästen
nach Hause. Die meisten feierten in einer Gaststätte dieses wichtige Ereignis
mit ihren Familien, die schon in der Kirche dabei waren. Nur ich war alleine,
und es gab auch kein Festessen und keine Geschenke, nur von meiner Patentante
bekam ich vier wunderschöne Handtücher und eine schöne Tischdecke für
meine Aussteuer. Von wegen Aussteuer. Die Konfirmation war außer der
kirchlichen Zeremonie ein wichtiger Schritt im Leben
eines
Mädchens. Das war der Tag, wo man anfing, für die Hochzeit Geld und die
Aussteuer zu sammeln. Nicht in unserem Haus. Meine Handtücher wurden am
nächsten Tag zum Eigentum meines Vaters erklärt, der darauf' hinwies, dass
sie niemand außer ihm benutzen dürfe. Meine Tischdecke wurde verkauft, und
die hundert Mark verschwanden auch. Ich musste mich aber für alles
schriftlich und herzlich bedanken.
Eine
Woche später sind Nigg und ich zum Opa gefahren, weil wir in der Nähe
sowieso eine Rechnung kassieren mussten und die genauso falsch war wie die
andere. Opa freute sich sehr. Er fragte gleich, ob unsere Mutter uns geschickt
hätte. Wir sagten ihm, dass sie nichts davon wisse und er auch nichts sagen
solle. Er meinte, Eure Mutter kommt sowieso nicht oft und wenn sie kommt, will
sie nur Geld. Beim Essen, das uns die Tante gemacht hatte, fragte ich, warum
er nicht zu meiner Konfirmation wenigstens in die Kirche gekommen sei. Er
schüttelte nur den Kopf und fragte mich, ob ich ein schönes Kleid gehabt und
viele Geschenke bekommen hätte.
Ich
erzählte Opa, wie schlimm die Vorstellung gewesen war, weil ich im alten
Schulkleid gehen musste und von dem scheußlichen geborgten Kleid und den zu
großen Schuhen und dann noch, was sie mit meinen Geschenken gemacht hatte. Er
hatte den Kopf gesenkt, aber ich sah Tränen in seinen Augen. Dann sagte er,
das verstehe ich nicht. Ich habe Deiner Mutter 500 Mark gegeben, um Dich für
die Konfirmation auszustaffieren und 1000 Mark für Deine Aussteuer und Du
hast nichts davon bekommen?
Ich
war sprachlos und hasste die Alte noch mehr. Opa sagte, das war das letzte
Mal, dass ich Eurer Mutter Geld gegeben habe, und das Haus verkaufe ich auch.
Das Geld vom alten Haus und vom Stadthaus wird für Euch auf eine Bank
gebracht und wenn Ihr einundzwanzig seid, bekommt Ihr es. Ich werde es
notarisch festlegen.
Er
erzählte uns, wie oft sie da war und immer jammerte, dass Ihr Kinder nichts
zu essen habt und soviel für die Schule braucht, und ich habe ihr immer
gegeben. Nigg sagte, das ist doch gar nicht wahr. Wir haben seit mindestens
einem Jahr nichts mehr Neues bekommen, und für Essen und Heizöl müssen wir
auch selber sorgen. Da trat ich mit meinem Fuss gegen sein Schienbein und
schüttelte den Kopf. Nigg verstand sofort was ich meinte. Es hätte Opa das
Herz gebrochen, hätte er gewusst, dass wir stehlen gehen müssen, und
trotzdem hatte ich das Gefühl, dass er irgendetwas wusste.
Er
gab uns jedem 10 Mark, und wir mussten versprechen, sie nicht zu Hause
herzugeben, was wir auch nicht taten. Nigg kaufte sich Angelzeug und ich einen
Stoff und machte mir in der Handarbeit ein neues Kleid. Als die Alte das neue
Kleid sah, musste ich lügen und sagte, ich hätte den Stoff von Heidi
bekommen. Heidi war
schon
informiert und bestätigte meine Aussage. Die hatte keine Angst vor meiner
Mutter. Als sie Heidi fragte, woher sie den Stoff habe, sagte Heidi frech, das
geht Sie überhaupt nichts an. Meine Mutter hat der Heidi doch wirklich eine
runtergehauen. Da gab's dann Ärger, denn der Großvater von Heidi hat meiner
Mutter gedroht, wenn sie nur in die Nähe seiner Enkelin kommt, dass er sie
anzeigt. Das war für die Alte zuviel. Ab diesem Tag durfte ich mit Heidi
nichts mehr reden, und Heidi wurde der Umgang mit mir auch verboten.
Zuvor
hatte sie nie ein böses Wort über die Großeltern oder Heidis Mutter
gesprochen, ab er jetzt wurden alle schmutzigen Namen gebraucht. Heidis Mutter
sei eine Hure gewesen und sei durch Gottes Gerechtigkeit an einer schlechten
Frauenkrankheit gestorben, und die Heidi wird auch nicht besser werden. Das
alles scherte uns gar nicht. Wir blieben trotzdem Freundinnen, bis wir
zusammen aus der Schule kamen.
Meine
Mutter verurteilte all die, die ihr den Rücken kehrten. Anstatt nachzudenken,
was sie falsch machte und warum die Leute, die vorher soviel Respekt vor Opa
und Oma hatten und auch vor ihr, heute nicht mehr haben. Sie wurde in ihrem
falschen Denken von meinem Vater unterstützt und entfernte sich von allen
Menschen, die einmal ihre Freunde waren. Mit der Zeit veränderte sich das
Bild der sogenannten Angesehenheit. Langsam wollte kein Mensch mehr etwas mit
uns zu tun haben. Die Leute sagten immer, es ist nicht wegen Euch Kindern.
Eure Mutter und Euer Vater haben dem ehrbaren Namen große Schande gebracht.
Kurz
vor dem Ende des Schuljahres verkaufte Opa das Haus an den Schreinermeister
Hertle, und die Alten mussten aus dem Haus. Als das geschah, war ich aber
schon in Stuttgart und habe den Umzug gar nicht miterlebt. Ich war so froh,
dass der Alte nicht mehr in Opas Haus wohnen durfte, jeder fremde Besitzer war
mir lieber.
17
Der Sklavenhandel
Es
sollte besser werden, die Alten hatten vor, in die Türkei zu fahren. Das war
ein Grund sich zu freuen. Sie waren ständig unterwegs, irgendwelche Visa und
Papiere zu bekommen. Endlich wieder mehr Ruhe im Haus, und ich konnte mich auf
meine Arbeitsstelle gedanklich vorbereiten. Die Alte hat gesagt, dass ich für
ein Jahr in den Haushalt müsse. Das war noch so üblich, dass man lernte was
man in einem Haushalt tun muss. Es gefiel mir überhaupt nicht, da ich
Krankenschwester oder Arzt werden wollte. Die Tatsache, dass ich aus dem Haus
kann und das für ein ganzes Jahr war Grund genug zu allem ja zu sagen.
Wunschträume bezüglich Beruf hatte ich schon lange begraben. Es war nur noch
wichtig aus dem Haus zu kommen und wenn möglich weit weit weg.
Es
war soweit, sie fuhren los, wir waren alleine. Siegfried, der Jüngste, war in
diesem Jahr in seinem ersten Schuljahr und ich in meinem letzten. Zwar war ich
mit meinen Brüdern all eine und hatte die volle Verantwortung, die nicht
leicht war, aber jede Gelegenheit ohne die Alten war besser und leichter. Dass
wir das alles, jeder auf seine Art, voll ausnutzten, war verständlich. Wir
gingen zwar zur Schule, aber hinterher tat jeder, was er schon lange tun
wollte. Nigg und Hans gingen fast täglich zum Fischen oder fuhren mit dem
Auto irgendwo hin. Ich verbrachte die meiste Zeit mit Heidi und endlich auch
mit anderen Schulfreundinnen.
Die
Mädchen in der Schule sagten, ich sei ganz anders seit meine Eltern weg sind,
und sie wunderten sich, dass ich sogar lustig sein konnte. Von der Nachbarin
bekam ich ein paar schöne Stoffreste, und eine andere Nachbarin half mir, ein
paar schöne Kombinationen zu nähen, die ich natürlich am Sonntag, wenn
Werner kam, anzog. Werner kannte nicht glauben, dass ich die Sachen selbst
entworfen und genäht hatte. Er sagte immer, egal, was in Deinem Leben
passiert, Du schaffst es. Das war unser letzter Sonntag zusammen, da meine
Alten nach drei Wochen wiederkamen und Werner mit seinen Eltern am Montag in
den Urlaub fuhr, bevor er seine Stelle als technischer Zeichner antrat. Er
küsste mich zum erstenmal, und es war zugleich auch ein Abschiedskuss.
Die
Schule war für mich für immer aus. Die meisten meiner Freundinnen fuhren mit
den Eltern in den Urlaub oder durften die letzten Ferien bei Verwandten
verbringen bevor sie ihre ersten Arbeitsstellen antraten. Fast alle durften
einen Beruf erlernen, nur drei von uns - ich war eine von ihnen - mussten in
den Haushalt.
Es
war ein Sonntag, als ich von meinen Eltern nach Stuttgart gebracht wurde. Ich hatte
nicht viel einzupacken, das war in einer Stunde geschehen. Auf der Fahrt hat
der Alte ununterbrochen geredet und mir erzählt, dass er auf dem Killesberg
ein Zimmer hatte, als er auf der Musikhochschule studierte, und dass auf dem
Killesberg nur gebildete Leute wohnen. Er redete ununterbrochen. Ich hörte
gar nicht mehr zu.
Die
Alte hat dann angefangen, dass ich mich sehr benehmen muss und in keinem Fall
widersprechen und auch alles tun muss, was die Familie Schatz von mir
verlangt. Was soll das schon wieder heißen? Was auch immer, es kann ja nicht
schlimmer sein als das, was ich zu Hause alles tun musste, und vor allem bin
ich von den Alten weg. Dann sagte sie noch, dass ich mit der Stellung der
Familie helfen würde, wieder auf die Beine zu kommen. Damit konnte ich im Moment
schon gar nichts anfangen, aber ich fragte nichts, denn ich hatte ein sehr
ungutes Gefühl. Ich dachte nur, was es auch immer heißen soll, ich werde es
tun, damit ich nicht mehr nach Hause muss.
Nach
drei Stunden Fahrt sind wir endlich angekommen. Die Alte fing vor dem Haus der
Leute an, an mir herumzukämmen und mein Kleid glattzustreifen, das machte
mich ganz nervös, da sie sich noch nie vorher dafür interessierte, wie ich
aussah. Als wir die Treppen in dem Haus hinaufgingen, wunderte ich mich, ob
ich wohl auch Geld verdienen würde. Ich war schon erstmal enttäuscht, weil
ich dachte, dass die Leute in einem Haus und nicht in einer Wohnung wohnten.
Es war auch das erstemal, dass ich ein mehrstöckiges Haus mit Mietswohnungen
sah.
Wir
wurden freundlich empfangen und ins Wohnzimmer geführt. Der Alte machte von
vornherein klar, dass er Stuttgart kenne, da er ja als Student hier lebte. Er
musste immer den Leuten erzählen, dass er ein wichtiger Mann sei. Ich hasste
diese Angeberei. Meines Erachtens ist es nicht notwendig zu sagen, wer man
ist, denn was man tut spricht für sich selbst. Die Familie Schatz war von
meinen Eltern sehr beeindruckt, nach einem langen und ausführlichen
Gespräch, das ausschließlich von meinem Vater geführt wurde und speziell
auf seine wissenschaftlichen Arbeiten hinwies.
Dann
kam endlich der Vertrag. Jetzt verstand ich, was die Alte meinte, als sie
sagte, ich würde der Familie helfen. Sie hatten ja schon seit langem
brieflichen und telefonischen Kontakt. Ich fand heraus, dass es alles nur noch
eine Formalität war. Es ging um 1.000,- DM, die meine Eltern für mich
bekamen. Ich sollte solange bei der Familie Schatz arbeiten, bis die Summe
abbezahlt war. Kost und Wohnung frei, und ein Taschengeld von 2,- DM pro Monat
sollte ich bekommen, wovon ich mir die Fahrkarte zur Hauswirtschaftsschule
kaufen konnte, die jeden Mittwoch sei von acht bis dreizehn Uhr. Den
restlichen Tag hätte ich dann auch frei.
Als
ich das alles verdaut hatte, war ich innerlich gestorben. Sollte ich trotz allem,
was zu Hause passiert war im Laufe der Jahre, noch ein Gefühl für meine
Eltern gehabt haben, ist es in diesen zwei Stunden in diesem Haus gestorben.
Zugleich wusste ich auch, dass ich denen einen Strich durch die Rechnung
machen musste. Aber wie? Mir wurde auch klar, dass die Familie Schatz genauso
schuldig war, weil sie sich auf den Handel eingelassen hatten.
Der
erste Monat war vorüber und nicht ohne Probleme. Egal, was ich tat, die Frau
war nie zufrieden, und der Mann fing an, mich immer mit in sein Apothekenlager
zu nehmen, um dort den Versand an die Apotheken fertig zu stellen. Immer, wenn
wir all eine waren, wurde er so süßlich nett, aber meine Antenne für Gefahr
hielt mich auf dem Laufenden. Richtig, er wollte mich auch betatschen. Seit
diesem Tag war ich auf der Hut.
Eines
nachts wachte ich auf, als er in mein Zimmer kam. Er sagte, er wolle sich nur
ein Buch holen. Ich schlief in einem Zimmer, dass das Frühstückszimmer und
eine Bibliothek war. Fast jede Nacht tat er dasselbe und fragte immer, ob ich
schlafe. Natürlich habe ich mich schlafend gestellt und hoffte, dass er mich
in Ruhe liess. Ich hatte mir schon ausgemalt, was ich tun würde, wenn er sich
näherte. Als er eines nachts dann tatsächlich seine Hand unter die Bettdecke
schob, schrie ich und seine Frau erschien und fragte, was vorgefallen sei. Er
sagte, er wäre im Wohnzimmer gewesen, als ich einen Alptraum hatte, und er
wollte nur nach mir sehen.
Von
diesem Tag an drohte er mir und erinnerte mich, dass meine Eltern Geld für
mich bekommen hatten. Eines nachts kam er wieder, und ich hatte anscheinend
gut geschlafen, denn ich merkte nicht, dass er schon in meinem Bett lag, als
seine Frau das Licht anschaltete und ihn sah. Sie hat nicht mir die Schuld
gegeben, nur gesagt, jetzt weiss ich, warum unsere Hausmädchen immer nur
kurze Zeit bei uns waren. Sie stritten sich laut, und ich fühlte mich
schuldig, was soll ich tun? Sie wird mich nach Hause schicken. Es war auch so.
Am nächsten Tag kam ihre Tochter, und ich wurde mit der Bahn nach Hause
geschickt. Sie gab mir einen Brief mit, dessen Inhalt ich nie erfuhr.
18
Der Absprung
Als
ich zu Hause war, musste ich mir anhören, dass ich ein Tu-nicht-gut sei und
sie mich in eine andere Arbeit stecken würden. Ein paar Tage später
arbeitete ich in der SWF-Fabrik in Wemding. Es war eine Maschinenfabrik, die
Autoteile herstellte in Akkordarbeit. Es waren nur sehr wenige Frauen dort
beschäftigt und wenn ich mich recht erinnere, nur drei junge Mädchen, und
ich war eines davon. Wir waren mehr damit beschäftigt, uns die Männer vom
Hals zu halten als mit der Arbeit. Das fing schon am Morgen an, wenn der
Firmenbus alle Arbeiter aus dem Umkreis zusammen holte. Es war immer wie ein
Spießrutenlaufen, wenn ich in den Bus einstieg. Die Bemerkungen und die
lüsternen Blicke flößten mir Angst und Hilflosigkeit ein. Ganz selten
gelang es mir, auf die hintere Sitzbank zu kommen, ohne dass mich einer dieser
lüsternen Schweine anfasste. Wenn ich mich wehrte wurde ich zum Mittelpunkt,
denn alle fanden es nett wie ich mich schämte; zugleich wurde mir erklärt,
dass das eben so sei in der Welt, und ich solle doch endlich erwachsen werden
und begreifen, dass die Welt von Männern regiert werde und sie es seien, die
es den Frauen erlaubten zu arbeiten.
Dann
ging es am Arbeitsplatz weiter mit den Belästigungen. Der Meister, der die
Abteilung leitete, in der ich war, fand immer einen Grund mich zu belehren,
wobei ich dann in sein Büro kommen musste. Seine Belehrungen fanden dann in
Form von Einschüchterungen statt, die mit betatschen endeten.
Seit
einiger Zeit merkte ich, dass mich einer der Gesellen beobachtete und mich
dann schließlich auch ansprach. Er war nicht wie die anderen, so dass ich
mich von diesem Augenblick an etwas geschützt fühlte. Wenn ich mit ihm
zusammen die Mittagspause verbrachte, ließen mich die anderen in Ruhe. So
entstand eine sehr enge Freundschaft, die mir Hoffnung gab und mir die Angst,
in die Arbeit zu gehen, fast genommen hatte. Wir trafen uns auch außerhalb
der Arbeit. Nach ein paar Monaten fragte er mich, ob ich mich mit ihm verloben
würde, er würde auch meinen Vater fragen. Ich erzählte ihm im Laufe der
Zeit wie mein Leben zuhause ablief, aber es schreckte ihn nicht ab mit meinem
Vater zu reden; er konnte sich nicht vorstellen, dass es tatsächlich so
schlimm war.
Als
er meinen Vater dann kennenlernte, wurde es ihm klar: Er warf ihn mit der
Bemerkung "primitiver Arbeiter" aus dem Haus. Wir trafen uns aber
trotz aller Drohungen und Verbote weiter. Eines Tages fragte ich ihn, ob er
wüsste, wie man ein Kind machte. Er antwortete ja, aber er wollte wissen
warum ich fragte. Ich erklärte ihm, dass, wenn ich ein Kind bekäme, er mich
heiraten könnte und ich nicht mehr nach Hause müsste. Er sagte, er würde es
sich überlegen.
Von
Anfang an, als die wöchentlichen Lohntüten verteilt wurden, bekam ich nur
einen Lohnabschnitt, der besagte, dass der Lohn als Vorschuss ausbezahlt
worden war. Die Unterschrift meiner Mutter auf dem Papier zeigte, dass sie
mein Geld schon eine Woche vorher abgeholt hatte. Das ging so für vier
Monate, bis ich eines Tages in der Pause ohnmächtig und ins Krankenhaus
gebracht wurde. Es wurde festgestellt, dass ich aus Schwäche und
Unterernährung zusammengebrochen war. Daraufhin wurde mir fristlos
gekündigt. Das schüchterte meine Eltern nicht im geringsten ein, denn sie
fanden gleich wieder eine andere Stelle, bei der ich versklavt wurde; ich
landete in der Gaststättenküche des Kaufhauses Steingass. Die Lohntüte war
jedesmal genauso leer. Sie hatte den Lohn, wie zuvor, als Vorschuss abgeholt.
Eines
Sonntag nachmittags, wir waren in der Zwischenzeit an einen anderen Ort
gezogen, bekamen wir Besuch. Wie so oft, musste ich etwas zur Gelegenheit
Passendes anziehen. Diesesmal sollte ich erwachsen aussehen und durfte sogar
Lippenstift benutzen. Was ich aber am meisten hasste, war das Zurschaustellen
meiner Stimme. Ich musste immer ein besonderes Lied, das drei verschiedene
Oktaven erreichte und mehrere Male das hohe C beinhaltete, vorsingen. Das war
der Tag, an dem ich betete, lieber Gott, ich will keine Singstimme mehr haben.
Das war aber nicht alles. Die erwachsene Verkleidung hatte einen ganz anderen
Grund, der mich so ziemlich zum niedrigsten Geschöpf Gottes machte. Ich
sollte als Vierzehn-, fast Fünfzehnjährige mit einem Mann von
fünfundsechzig Jahren verheiratet werden.
Als
der Gast wieder gegangen war, wurde mir erklärt, dass er sehr vermögend sei,
und die ganze Familie, wie es sich gebühre, in Wohlstand leben könne. Ich
solle mir keine Sorgen machen, da ich mit Sicherheit bald Witwe sein würde,
weil er Leberzirrhose habe und nur noch wenig Zeit zum Leben. Danach würde
ich sein ganzes Geld besitzen, und wir alle hätten für immer ausgesorgt. Das
war das Ende. Ich fing an mich zu wehren, indem ich eines Tages nicht mehr zur
Arbeit ging.
Es
war Montag und ich fuhr per Anhalter zu meinem Freund anstatt zur Arbeit. Er
war aber schon in der Fabrik, so dass ich den Mann am Werktor bat ihn zu
benachrichtigen, dass ich da sei und er bitte sofort kommen solle. Er kam und
ich erzählte ihm, was am Wochenende vorgefallen sei. Er nahm sich sofort frei
und brachte mich zu seiner Mutter nach Hause. Ich freute mich über den
herzlichen Empfang in seinem Elternhaus, und seine Mutter sagte dann noch, es
wird alles gut werden. Anscheinend wusste sie über alles Bescheid. Noch am
selben Tag beschlossen wir, dass ich ein Kind bekommen müsse und dass dies
die einzige
Lösung
sei. Dabei kam das große Erwachen und auf einmal begriff ich, was ich vorher
alles erlebt hatte. Bis zu diesem Zeitpunkt verstand ich gar nicht, dass all
die sexuellen Belästigungen etwas zu tun hatten mit Kinder kriegen und
trotzdem war mir noch nicht klar warum mein Bruder Lutz und alle anderen es
taten, denn für mich war es pure Tortur.
Als
wir fertig waren mit dem Kindermachen wurde er sehr böse und fing an mich
eine Lügnerin zu heißen, und er würde jetzt auch verstehen, warum die
anderen mich eine Schickse nannten, ich sei ja keine Jungfrau mehr. Für mich
brach die Welt zusammen, denn ich verlor in diesem Moment den einzigen
Menschen dem ich vertraute und wusste noch nicht einmal warum. Im Streit
verließ ich sein Haus.
Ich
war für ein paar Monate in ganz Deutschland per Anhalter unterwegs. Danach
wurde ich krank und immer schmaler. Deshalb ging ich zur Polizei und bat um
Hilfe. Sie informierten jemand von Jugendamt, die mich wiederum nach Hause
schicken wollten. Ich wehrte mich mit allen mir zur Verfügung stehenden
Mitteln und erzählte, dass wir Kinder geprügelt wurden, dass meine Mutter
mich verkauft hatte und jetzt auch noch an einen alten Mann verhökern wollte.
Ich schämte mich zu sehr zu sagen, dass ich mehrere Male sexuell belästigt
wurde.
Die
Leute vom Jugendamt sagten mir sie könnten nichts dagegen tun, und ich
müsste wieder nach Hause. Sie hätten mit meinen Eltern gesprochen, und die
hätten sie gewarnt vor den Geschichten, die ich erzählen würde und dass ich
eine sehr ausgefallene Phantasie hätte. Daraufhin wusste ich, dass ich die
Leute nicht überzeugen konnte, also blieb mir nur noch drohen. Gut, sagte
ich, wenn ich wieder nach Hause muss, werde ich alles tun, stehlen oder auch
jemanden umbringen, damit ich wenigstens ins Gefängnis darf. Das war dann
schockierend genug. Ich wurde in ein Mädchenheim in Augsburg gebracht, was
aber nur die Zwischenstation für meine spätere Lehrstelle war.
Dort
wurde ich erst einmal ins Krankenhaus gebracht, da ich seit längerer Zeit
starke Unterleibsschmerzen hatte. Ich hatte eine Operation, und als ich aus
dem Krankenhaus entlassen wurde, erklärte mir die Heimleiterin, dass ich eine
Eileiterschwangerschaft gehabt hätte. Mir war dann klar, dass mich mein
Freund, dem ich vertraute, auch belogen hatte, als ich ihn fragte ob er wüsste
wie man Kinder macht. Seinetwegen hatte ich eine Operation, seinetwegen hatte
ich all diese Schmerzen. Selbst danach hatte ich noch immer keine Ahnung von
menschlicher Fortpflanzung, und es klärte mich auch niemand auf.
Mehr über meine Lehrzeit im
Mädchenheim Weiher
Ich bin
dabei diese und weitere Geschichten in die Zweifassung meines Buches
einzufügen und habe deshalb nicht alles aus dem Manuskript publiziert.
Kommentar von Dörthe Fritsch
Diplom-Psychologin
Verhaltenstherapeutin D6VT
Klinische Psychologin BDP
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