Vorwort
Ich war 42 Jahre alt und seit 1972 geschieden. Mein 22 jähriger Sohn Ricky
hatte sein eigenes leben, eine eigene Wohnung, gute Arbeit und viele Freunde.
Unser Kontakt war liebevoll und lebendig. Eigendlich hatte ich all das
erreicht was ich wollte und doch
konnte ich meine Rastlosigkeit nicht erklären. Parties, Konzerte, Wochenend-Trips
linderten meine inneren Spannungen nicht und die schleichend wachsende
Unsicherheit war nur noch schwer zu kontrollieren. Trotz der guten sozialen
Voraussetzung, viele Freunde, gutem Verdienst und einer schönen Wohnung,
projizierte ich Bilder aus meiner Kindheit auf mein Alltagleben, vor allem auf
die Menschen um mich. Ein immer stärker werdendes Gefühl von Panik trieb
mich letztendlich zu der Entscheidung: Ich musste weg, raus aus Deutschland.
Die Menschen, mit ihrer Selbstgerechtigkeit und der Art, andere zu
kontrollieren, erstickten mich. Ich konnte die Engstirnigkeit und die
eingebrannten Regeln - "das haben wir schon immer so gemacht" -
nicht mehr ertragen. Bedürfnisse oder Individualität haben keine
Existenzberichtigung, wenn sie nicht gewinnbringend dem gesellschaftlichen
Wohl dienen. All das erinnerte mich an meine Kindheit, wo ich ein Niemand war
oder höchstenfalls als benutzbar bewertet wurde.
Im Januar 1991 faste ich den Entschluss nach Amerika oder Australien zu gehen.
Zur selben Zeit bot mir ein Bekannter die Gelegenheit einer geschäftlichen
Partnerschaft und dadurch die Möglichkeit, eine Firma, wie ich sie bis 1986 in
Fürth hatte, in Kalifornien aufzubauen. Dieses willkommene Angebot
unterstützte meine Bedürfnis einer Auswanderung und somit war mein erstes Ziel
Amerika. Nach einer Aussprache mit Ricky, der mich ermutigte, stand meinem
Plan nichts mehr im Weg. Anfang Februar verkaufte ich ein paar wertvolle
Dinge. Anfang März kaufte ich ein Ticket nach Chicago und setzte für den
kommenden Samstag eine Annonce in die Nürnberger Nachrichten
"Haushaltsaufgabe, alles zu verschenken". Am Abend war meine große Wohnung
leer. Ich hatte zwei Koffer mit Kleidern, Bildern und kleinen persönlichen
Erinnerungen gepackt und wohnte für die verbleibenden Tage bei meiner Freundin
Bertha.
Am
4. April landete ich in Chicago, wo ich erst mal drei Wochen Urlaub machte.
Richard, ein US-Offizier, den ich aus Deutschland kannte, zeigte mir das
aufregende Chicagoer Nachtleben mit den vielen Blues- und Jazz-Clubs. Ende
April setzte ich meine Reise zu meiner Endstation fort. In Sacramento sollte
ich laut Vertrag ein Haus bewohnen, das groß genug war, um mit meiner ersten
Kleider-Kollektion zu beginnen. Meine Zukunft in meinem selbstgewählten Land,
mit Menschen die ganz anders waren, war gesichert, glaubte ich.
Die
Wirklichkeit aber war ein neues Trauma. Oder war es die Fortsetzung von dem,
das ich schon seit Jahren kannte. Gleich nach der Ankunft in San Fransisco
sollte ich wie geplant von der Ex-Frau meines Vertragspartner, die Deutsche
war, abgeholt und zu dem Haus das auf mich wartete gebracht werden. Aber
niemand holte mich ab.
Ich
verbrachte die nächsten vier Tagen in einem Hotel in San Fransisco. Nach
endlosen Telefonaten mit meinem Geschäftspartner, der noch in Deutschland war
und dessen Exfrau erkannte ich den Schwindel. Letztendlich musste ich
akzeptieren dass es kein Haus gab und der geschlossene Vertrag war wertlos.
Als letzte Möglichkeit wurde mir angeboten mit dem Greyhound Bus nach
Sacramento zu fahren, wo ich dann von Brigitte, der Stieftochter meines
Geschäftspartners, abgeholt wurde. Ich wollte auf keinen Fall zurück nach
Deutschland. Hoffungsvoll nahm ich dieses Angebot an.
Brigitte
lebte mit dem drogenabhängigen Vater eines ihrer drei Kinder im Getto.
Kakerlaken bewohnten die Küche, in der nie gekocht wurde. Trotzdem türmte
sich Wochen altes Geschirr das für die Take-outs irgendwann mal gebraucht
wurde.
Vier
Tage später stellte fest, dass mein restliches Geld von Brigittes Mann
gestohlen worden war. Hoffnungslos und mittlerweile nahe eines
Nervenzusammenbruchs, lernte ich Tage später Bennie kennen. Bennie,
begeistert von meiner exklusiven Kleidung wollte wissen, was mich nach
Sacramento brachte. Ich erzählte ihr meine Geschichte. Sie machte den
Vorschlag, zu ihr zu ziehen und gemeinsam ein Geschäft aufbauen. Das Angebot
nahm ich gerne an. Bennie lebte mit ihrem Mann in einem großen
Drei-Schlafzimmer-Haus in der teuersten Gegend von Sacramento.
Schon
Tage später erhielt ich, durch Bennie's Beziehung zu einer Kirche in
Sacramento, einen Auftrag, der mein Leben für immer änderte. Ich entwarf und
fertigte die zwoelf Flaggen der Stämme Israels. In den folgenden sieben
Monaten lernte ich nicht nur viele Menschen kennen und erhielt begeisterte
Komplimente für meine Kunst, ich lernte auch meinen Mann kennen. Trotz meiner
kreativen Arbeit und scheinbar gutem Leben in einer luxuriösen Umgebung
spürte ich die wachsende Unruhe und erkannte, dass ich deprimiert war. Es war
nicht alles rosig. Schon zwei Monate später musste ich mich wehren. Bennie's
72jähriger alter Vater, der zu Besuch war, versuchte eines Nachts in mein
Bett zu schlüpfen. Nachdem Bennie 80 % des Verdienstes meiner Arbeit für
Kost und Logie einbehielt, beschloss wieder nach Deutschland zu gehen. Ich
rief das Deutsche Konsulat in San Fransisco an und bat um Hilfe.
Am
17. November lieferte ich die letzte Flagge in der Kirche ab. Es sollte mein
letzter Sonntag in Sacramento, in der USA sein. Meine Flugtickes lagen bereit
und war der Rückflug war für Dienstag geplant. Ich sagte Wiedersehen zu
allen neugewonnen Freunden. Nach dem ich viele Hände schüttele und letzte
Umarmungen wollte ich noch einmal in die Kirche wo die Flaggen hingen. Ich
rannte durch den Regen von der Gemeindehalle über den Hof. Im Foyer verloren
meine vom Regen nassen Stöckelschuhe den Halt und der Boden unter meinen
Füßen war weg. Ich fiel auf das Steißbein und war für Sekunden bewusstlos.
Als ich die Augen wieder öffnete spürte ich einen unbeschreibleichen Schmerz
und wusste, dass mein Steißbein verletzt war. Im gleichen Moment sah ich drei
Männer mit sorgenvollem Blick um mich stehen, die mir die Hand um aufzustehen
reichten. Alex war einer davon. Er aber war derjenige der meine Hand nicht
mehr losgelassen hat und heute mein Mann ist.
Mein
Rückflug nach Deutschland musste verschoben werden, da das Steißbein
gestaucht war und ich mit dem Bluterguss nicht sitzen konnte. In dieser Zeit
bat mich mein heutiger Mann seine Frau werden. Ich erklärte mit meinem
bisschen Englisch, dass ich seit 19 Jahren geschieden bin und eigentlich nicht
mehr heiraten wollte. Er gab nicht nach und lies nichts versucht, mich
während meiner sechswöchigen Genesung umzustimmen. Alex
gewann. Ich sagte ihm aber, bevor wir heiraten musst du wissen wer ich
wirklich bin.
Alex
hatte sich von seiner vorherigen Frau im Mai 1991 getrennt. Er lebte aber noch
in dem großen Haus. Mit ihm als als Alleinverdiener, ich hatte keine
Arbeitserlaubnis und konnte finanziell nichts beitragen, konnten wir das Haus
nicht bezahlen. Im Januar 1992 zogen wir in ein kleines Stadthaus mit zwei
Schlafzimmern und planten die Hochzeit für Juli. Mein ursprünglicher Wunsch
in die USA zu gehen, um viel Geld zu machen, war plötzlich Nebensache
geworden. Beschäftigt damit, das Haus zu dekorieren sagte ich mir, eigentlich
habe ich alles, was sich ein Mensch wünschen konnte.
Aber
die Depressionen waren immer mehr spürbar.
Ende
Januar erwachte ich um 2 Uhr morgens von einem Alptraum. Es war der gleiche
und immer wiederkehrende Traum, den ich seit meiner Kindheit hatte. Ich konnte
nie deutlich erkennen was mir so viel Angst einjagte. Ich lag wach neben Alex,
der ruhig schlief, und fragte ich mich, warum ich wirklich nach Amerika
gekommen bin. Die ehrlich Antwort war, ich wollte meiner Vergangenheit, meiner
Kindheit entfliehen. Aber ich konnte die Wahrheit nicht noch länger leugnen.
Die 12.000 km Distanz von Deutschland existierten für mich in Wirklichkeit
nicht. Der Traum öffnete ein Fenster zur Vergangenheit. Das zu leugnen wäre
ein erneuter Selbstbetrug. Meine Kindheit klebte an mir, sie war ein Teil
meines Ichs. Ich musste erkennen, dass die Erinnerung an meine Kindheit lebte,
obwohl ich diese seit 38 Jahren zu unterdrücken versuchte.
Ich
erinnerte mich an meine Worte, die ich Alex gesagt hatte: "Du musst erst
wissen wer ich bin". Was soll ich tun? Wie lange soll oder kann ich meine
Vergangenheit noch verstecken? Wie lange kann ich das falsche Rollenspiel noch
hinausziehen, ohne dass mich Kindheit völlig verzehrt?
Ein
Sekunden-Gedanke war, entweder jetzt oder nie.
Vorsichtig
schlich ich mich aus dem Bett und die Treppe hinunter. Das Haus war kalt und
ich holte mir meine warme Wolldecke, die ich aus Deutschland mitgebracht hatte
und setzte mich ins Frühstückszimmer, mit einem Kugelschreiber und einem
dicken Schreibblock. Meine ersten Worte waren: "Ich schäme mich, über
meine Kindheit zu schreiben".
Es
gab keine Halten mehr. Die Türen zur Erinnerung waren weit offen. Die
Regression in die Vergangenheit begann. Die Worte auf dem Papier waren die
eines Kindes das endlich die Gelegenheit hatte die Qualen einer Kindheit
auszusprechen. Fast unaufhaltsam und mit nur wenig Schlaf- und Essenspausen
schieb ich, bis Ende März über 800 Seiten.
Alex
konnte nicht Deutsch lesen und vorerst war ich auch noch nicht bereit, irgend
jemanden das lesen zu lassen, was ich 42 Jahre lang versteckt halten musste.
Mit
jedem geschrieben Kapitel bemerkte ich einen fortschreitenden
Veränderungsprozess, den ich mir nicht erklären konnte, den ich aber willig
akzeptierte. Es schien so als ob der emotionale Strick um meinen Hals, der
mich in jahrelangem Schweigen gefangen hielt, sich langsam lösen würde.
Aber
der Tag kam, an dem ich sehr deutlich merkte, dass ich eine Pause, einen
Abstand brauchte. Nur schwer konnte ich die Geschehnisse der Vergangenheit von
der Gegenwart trennen. Die emotionale Seite meines Gehirns war in Aufruhr und
diktierte seit dem Begin des Schreibens mein Leben. Die Erinnerungen waren
unkontrolliert und ungeordnet. Manchmal schieb ich mehrere Geschichten zur
gleichen Zeit. Noch erkannte ich die Zusammenhänge, die zu meiner Depression
führten nicht wirklich. Ich brauchte eine Pause und ohne Zweifel musste ich
die Vergangenheit, die mich komplett vereinnahmt hatte, für eine kurze Weile
ruhen lassen.
Als
Alex für eine Woche auf Geschäftsreise in den Süden Kaliforniens musste,
nutzte ich diese Gelegenheit und fuhr mit ihm.
Der
Abstand erlaubte meinem logischen Denken wieder die Oberhand zu gewinnen.
Überzeugt sagte ich, genug! Ich habe mir alles von der Seele geschrieben. Nun
wollte ich mich nicht mehr mit der Vergangenheit beschäftigen. Die restlichen
Erinnerungen werden entweder wieder begraben oder vergessen. Trotz all meinen
Versuchen, mich selbst zu überzeugen konnte ich jedoch der immer
gegenwärtigen Angst nicht ausweichen und wusste, dass meine
Ablenkungsmanöver ein Selbstbetrugmanöver waren.
Mitte
Februar musste Alex zu einem Seminar und ich war für eine Woche allein. Schon
in der ersten Nacht erwachte ich von einem Albtraum. Es half nichts sagte ich
mir und erinnerte mich an mein Versprechen an mich selbst, die Wahrheit zu
konfrontieren. Fast widerwillig öffnete ich den dicken Umschlag mit den losen
Blättern. Schon beim Lesen der ersten Zeilen erkannte ich, wie die
Vergangenheit und meine Kindheitserlebnisse eins mit der Gegenwart wurden. Ich
fühlte und erlebte wieder das Trauma meiner Kindheit mit jedem Satz, den ich
las. Alle Emotionen waren wieder wach, als ob es gerade eben erst geschehen
wäre. Ich fühlte die Hilflosigkeit in jeder einzelnen Geschichte, die ich
als Kind so oft gespürt hatte. Zwischen den Zeilen waren überwältigend die
alten Gefühle von Scham, Schande und Schuld deutlich.
Die
Regression war total. Mit aller Klarheit erkannte ich, dass das Trauma, das
all die Jahre in Bildern und Gefühlen lebendig mit mir lebte. Es war nicht
die 42jährige Frau, die ihre Kindheit beschrieb, es war das Kind, das mit dem
eingeschränkten Vokabular eines Kindes die Geschehnisse der Vergangenheit zu
Papier brachte. Schreiben gab mir die erste Möglichkeit einer Befreiung die
erdrückende und verwirrende Last bildhaft und so, wie ich es fühlte, zu
beschreiben.
So
entstand das Manuskript, in dem ich ohne Beschönigung erzähle, wie ich meine
Kindheit erlebte. Es soll eine Stimme sein für die, die wissen was Schmerz,
Erniedrigung, Seelenleid, Not, Hunger, Einsamkeit, physikalisches and mentales
Leid heißt. Vor allem aber soll meine Geschichte ein Zeuge sein, wie wir als
Erwachsene noch immer unter dem erlebten Kindheitstrauma leiden.
1
Es war ein sonniger Sonntagmorgen
Immer
wieder einmal zog es mich nach Harburg, doch wenn ich dort war wollte ich nur
zwei Plätze besuchen. Die Burg, wo ich für Stunden auf einer Bank
außerhalb der mächtigen Burgmauer
nahe
dem Wanderweg saß und auf die Stadt hinunter
schaute. Als dann meine Augen
vom süden über die Häuser,
das Schulhaus,
die Wörnitz-Brücke
nördlich
zum Hüllenloch
schwebten wurden Erinnerung wach die mich unruhig
machten. Um die trüben Gedanken wegzuwischen wanderte ich von der Burg
hinunter
in die Donauwörther Strasse,
zum Haus indem ich geboren wurde. Wenn ich
aber dann
vor
meinem Elternhaus stand, das Opa baute, war
das unangenehme
Gefühl
wieder dominant. Die Haustüre,
oberhalb der
großen Landen Fenster und jedes einzelne Zimmerfenster
im Obergeschoss
erzählten Geschichten
die ich lieber
nicht mehr wissen wollte.
Das
alte Gefühl
von
Angst
und
Scham wurde lebendig.
Nein, ich
wollte diese
Erinnerung
nicht
wach werden
lassen, ich
suchte nach schönen
Erinnerungen. Schnell
lenkte
ich
meine
Augen zum Nachbarhaus,
auf
das Fenster das auf den gemeinsamen Hof blickte.
Ein wohliges
Gefühl erweckte eine frühe,
immer noch lebendige
liebliche Kindheitserinnerung an die Kunzmann Oma.
Bei den Kunzmanns war ich genauso zu Hause wie bei Opa und Lella. Da war die
junge Theresa, die Kunzmanns-Oma und die alte Großmutter, die immer im Bett
lag. Wenn es mir bei Lella langweilig war; ging ich halt über den Hof und
klopfte ans Küchenfenster.
Die
Kunzmanns- Oma
machte auf und ich stieg durchs Fenster ein.
Die Haustüre habe ich nie benutzt. Die
Kunzmanns-Oma hat sehr gerne
Geschichten erzählt, aber ihre Lieblingsgeschichte war der Tag meiner Geburt.
Sie setzte sich auf ihren Stuhl beim Fenster und ich auf ihren Fuß-Schemel vor
sie, dann fing sie an zu erzählen.
Schon
seit Samstag hatte es die Maria sehr schwer. Deine Oma und die Hebamme waren
die ganze Nacht bei ihr. Die Busers-Mutter war auch noch sehr lange drüben,
und die Strobel hat das Bett noch frisch überzogen.
Am
Sonntagmorgen, den 27. März , als die Sonne aufging, kurz nach sechs Uhr,
da war es dann soweit. Ja, sie hatte es wirklich schwer, dann war aber alles
vorbei. Dein Opa hat aus dem Schlafzimmer der Buser Mutter zugerufen:
"Es ist ein Mädchen!"
Alle,
die schon auf waren, kamen. Der Buser-Vater, der Metzger war, brachte gleich
einen frischgebackenen Leberkäse und sagte, die Maria sollte den gleich
essen, damit sie wieder zu Kräften käme und genug Milch für den kleinen Hebbr
hätte.
Du
warst alles, bloß nicht klein, Du hattest über acht Pfund, drum hatte es
Deine Mutter auch so schwer. Deine Oma und die Hebamme hatten mit den
anderen in der Küche gesessen und Kaffee getrunken, und es wurden gleich
Pläne für Dein Leben gemacht. Es war ja allen klar, daß man etwas extra
tun muß, weil Du ein Sonntagskind warst und deshalb auch etwas besonderes.
Sonntagskinder sind Gottes Lieblingskinder und bekommen ein bisschen mehr
Gaben und auch ein bisschen mehr Segen als die anderen.
Dann
war es Zeit für die Kirche, es ging aber heute niemand aus Eurem Haus. Dein
Großvater hatte Dich warm eingepackt und war mit Dir schon auf der Strasse.
Er hat Dich allen Leuten gezeigt, die auf dem Weg zur Kirche am Haus vorbei
kamen. Deine Lella hat fürchterlich mit ihm geschimpft, weil sie Angst hatte,
dass Du Dich erkältest, aber Dein Opa sagte, die ist so gesund und
kräftig, das macht der nichts aus. Die Leute müssen doch mein Mädchen
sehen. Du
warst sein Mädchen, und es hat ihn nie gestört, dass sich Dein Vater
darüber ärgerte. Es war überhaupt keine Frage, dass du bei Deinen
Großeltern aufwächst. Sie konnten deine Mutter nicht verstehen, dass die
deinen Vater als Mann haben wollte. Sie nannten ihn den faulen Studierten.
Aber
diese anmutige Erinnerung endet hier.
2
Opa warum?
Lella
hatte mich, wie immer, an der Hand. Schon lange durfte ich die Treppe hinunter
steigen, aber nur an der Hand. Lella sagte, wir gehen zum Metzger Buser und
zum Milch holen. Ich hatte auch meine eigene kleine Einkaufstasche. Opa kaufte
sie mir, als wir bei Tante Mina in Augsburg waren. Tante Mina hatte auch so
schöne weiße Haare wie Lella. Im Hausgang klopfte sie noch an die
Hintertüre des Lebensmittelladens und sagte zu Friedl, was sie brauchte.
Friedl
richtete immer alles zusammen in einen Karton und stellte den auf die
Holztreppen. Lella öffnete die Haustüre mit der Milchkanne in der Hand ohne
meine Hand loszulassen. Die Milchkanne fiel auf den Steinboden und machte
einen fürchterlichen Krach. Das blaue Email an der äußeren Seite sprang ab,
und ich sagte: "Macht, nix Opa macht's doch wieder ganz." Oma hielt
sich am Türgriff fest, und dann fiel sie wie ein Baumstamm auf den harten
Steinboden. "Lella, Lella, du hast dich am Kopf gestoßen!" Schnell
schob ich meine Hand unter ihren Kopf. Die Ladentüre ging auf. Friedl
steckte den Kopf heraus, und dann ging altes drunter und drüber. Die alle
brachten meine Lella in ihr Schlafzimmer, und Opa weinte. "Du brauchst
nicht weinen, Opa. Der Doktor macht eine Binde um Lellas Kopf, und ich helfe
dir, die Milchkanne nieder ganz zu machen."
Jetzt
kommen alle in Opas Zimmer mit dem großen Schreibtisch, der so schön glänzt
und so viele kleine Schubladen hinter dem bunten Glas hatte. Ich saß auf Opas
Schoß und die redeten alle durcheinander. Es waren auf einmal so viele Leute
da, und Maria - sie weinte auch. Die sitzen alle da und reden, und Lella ist
alleine im Schlafzimmer. Ich gehe zu ihr. Leise öffnete ich die
Schlafzimmertüre und flüsterte "Lella, schlaf' nur weiter, ich setze
mich zu dir." - Warum haben die Lella's Hände unter die Decke gesteckt
und ihre Haare so komisch gekämmt? - "Ich halte deine Hand, und dann
kannst du besser schlafen." Jetzt weiß ich, warum die Hände unter der
Decke sind: Weil Lella friert. Ich flüsterte: "Lella, ich leg mich zu dir , dann bist du bald wieder warm."
Opa
kam und sah mich neben Oma liegen, und er lächelte und wollte, dass ich aus
dem Bett gehe, weil der Doktor Oma untersuchen musste. Ich wollte dableiben,
damit er Oma nicht weh tut, aber Opa nahm mich auf den Arm und sagte:
"Der Doktor kann deiner Lella nicht mehr weh tun." Jetzt saßen die
Leute auch noch in der Küche , und Maria sagte, bring' sie runter zu Lore und
den Buben. Die Buben kann ich doch nicht leiden, weit die immer so wild sind
und alles kaputt machen.
Der
Doktor geht und die Schwester auch und ich schlich mich wieder zu Lella und legte
mich neben sie und schlief ein. Am nächsten Morgen wachte ich in meinem
Kinderbett auf, aber es stand bei den Buben im Zimmer. Jetzt wusste ich
überhaupt nicht mehr was los war. Leise ging ich nach oben. Opa war in seinem
Schreibzimmer und hatte viel Geld auf seinem Schreibtisch liegen. Er sagte, er
müsse die Leute bezahlen, die Lella abholen. Jemand holt meine Lella ab? Wo
geht Lella hin? Kann ich mitgehen? Opa weinte wieder und versuchte, mir zu
erklären, dass Lella fortgehen muss zum "lieben Gott". Das macht
nix. Opa, ich gehe ja mit ihr. Nein, da kannst Du nicht mit, Oma muss alleine
gehen.
Das
verstand ich überhaupt nicht, weil Lella mich im kleinen
Leiterwagen überall mit nahm. Sie
erzählte mir immer Geschichten wenn wir unterwegs waren. Opa erwischte mich, als ich ins Schlafzimmer schaute. Da waren
Männer mit schwarzen Kitteln und weißen Handschuhen, die Lella in eine
große schwarze Schachtel legten. Als die schwarzen Männer einen Deckel auf
Leila legten, schrie und tobte ich. Die Lella bekommt doch keine Luft.
Schreien war immer gut, weil ich dann immer kleine Pünktchen sah, dann
einschlief und gleich wieder aufwachte. Opa nahm mich auf den Arm und stand
mit mir am Schlafzimmerfenster. Er sagte, schau Lella darf mit den schönen
Pferden in der schönen Kutsche fahren und später besuchen wir sie. Sie war
so schön, so viele Blumen und zwei Kerzen waren um ihr Bett.
Ich
flüsterte Opa zu, der Doktor hat das Pflaster weggemacht, und Lella schläft
gut. Sie hat kein Weh mehr, du brauchst nicht mehr weinen. Maria hat mich am
nächsten Morgen angezogen und gesagt. Du darfst mit Opa gehen, und ich komme
mit den Buben nach. Es waren so viele Leute, die Oma anschauten, und alle
flüsterten. Opas Hand hielt mich sehr fest, als wir ein Stückchen weiter
gingen. Er weinte noch mehr und sagte, die bringen Deine Lella. Ich wartete
vor einem großen Loch, das mir Angst machte, da sagte Opa, da ist Deine Leila
und zeigte auf die große schwarze Schachtel, die die Männer trugen.
Opa
ließ meine Hand nicht los, als ich dem großen schwarzen Kasten
entgegenlaufen wollte. Leise sagte er, wir müssen hier bleiben. Der große
dicke Mann redete und redete, und dann banden die schwarzen Männer die
Schachtel an dicke Stricke und ließen sie in das große Loch hinunter. Ich
konnte nicht begreifen, dass Opa das zuließ, löste mich von seiner Hand, und
schreiend sprang ich auf die große Schachtel zu, die schon halb unten war.
Maria erwischte mich gerade noch, und Opa nahm mich auf den Arm. Da waren die
bunten Punkte wieder, und als ich aufwachte, lag ich auf der Küchenbank mit
meinem Kissen.
Plötzlich
war alles anders. Opa hatte ein Bett in seinem Schreibzimmer, ich musste bei
den Buben schlafen und musste zu Maria Mama sagen. Zu dem Mann, vor dem
ich mich immer gefürchtet hatte, musste ich Papa sagen, und die haben jetzt
das Schlafzimmer von Opa und Lella. Ich durfte nie mehr zu Opa, nur am Sonntag
mit in die Kirche und hinterher ins Wirtshaus Lamm. Im Lamm war ein Bierkrug
mit Opas Namen und ein kleiner Krug für Limonade, der mir gehörte. Kirche
und Wirtshaus waren noch das gleiche geblieben. Opa schlief nach wie vor in
der Kirche und schnarchte sogar manchmal. Ich musste ihn immer noch aufwecken,
wenn alle Amen sagten. Dann gingen wir ins Lamm, aber hinterher war es nicht
mehr wie vorher. Es hatte sich vieles geändert: Lella war nicht zuhause und
kochte mein Lieblingsessen Stampf mit Schnitzel. Nie mehr durfte ich das
Sonntagsessen bestimmen, und niemand machte mir um drei Uhr morgens ein
Eingeweichtes. Sogar der gute Duft vom Bäcker im nächsten Haus war nicht
mehr da, weil ich woanders schlief. Jede Nacht wachte ich, wie gewohnt, um
drei Uhr auf, wartete geduldig, ob der Bäcker Graf ans Fenster klopfte und
das Milchbrötchen rüberreichte, weil dann bekam ich immer mein
Eingeweichtes. Heiße Milch, das Brötchen gebröckelt und darüber viel
Zucker.
3
Ich bin 7 Jahre —
Die Reissuppe
Einerseits bin ich
froh, dass die Die fort ist und im Krankenhaus. Hoffentlich kommt sie nicht
mehr nach Hause, dann darf ich wieder zu meinem Opa. Die schreit den ganzen
Tag herum und streitet mit meinem Opa. Andererseits, wenn sie da wäre, müsste
ich die fürchterliche Reissuppe nicht essen. Immer, wenn ich die Reissuppe
esse, wird mir so schlecht im Magen, und der steht mit dem Stecken neben mir,
und wenn ich aufhöre zu essen, schlägt er mir mit dem Stecken über den Kopf.
Heute müssen wir
schon wieder die grauslige Reissuppe essen. Nigg sagte, das ist doch egal, was
wir essen, wenn der Alte uns nur nicht schlägt. Nigg weiß doch gar nicht, dass
es mir auf die Reissuppe immer so schlecht wird. Mein Vater steht vor dem
kleinen Kindertisch wie ein Ungeheuer und beobachtet, dass ich nicht wieder
Niggs leeren Teller mit meinem vollen vertausche. Ich glaubte schon, ich hätte
es fast geschafft, da schlug er mir mit dem Stecken ins Genick und sagte:
"Beeil Dich, ich habe nicht den ganzen Tag Zeit!" Und da war auch schon die
Reissuppe von meinem Magen wieder im Teller. Er schlug und schlug und brüllte:
"Du glaubst, du brauchst nur zu kotzen, dann lass' ich dich gehen? Da hast du
dich getäuscht."
Er brachte den Topf
mit der Reissuppe und schöpfte frische Reissuppe auf das Gekotzte, rührte es
um, und ich musste das alles essen. Bei jedem Löffel betete ich, lieber Gott,
lass mich sterben. Als ich fertig war, rannte ich ins Waschhaus, weil ich
schon wieder kotzen musste, Gott sei Dank, der hat's nicht gesehen!
4
Die neue Haushälterin und der
neue Bruder
Seit
Tagen ist eine Aufregung im Haus. Die Alten haben ständig etwas zu flüstern,
und der Alte ist Samstag weggefahren. Wir wurden dann immer nach Schlossberg
gebracht, zur Oma und Tante Erna. Das war immer eine Abwechslung. Die Oma war
seine Mutter und genauso böse wie er. Sie tyrannisierte nicht nur ihre eigene
Familie und Verwandtschaft, sondern, auch die Nachbarschaft. Sie hat immer
über alle geredet, sie wusste über jeden Bescheid und hatte sich sehr
wichtig gemacht.
Wenn
die Nachbarskinder zum Einkaufen am Haus vorbei kamen, fragte sie, was
müsst ihr denn holen? Dann sagte sie, wo haben die das Geld schon wieder her?
Manchmal rief sie aus dem Fenster, sagt Eurer Mutter, die soll Euch nicht so
schmutzig herumlaufen lassen.
Trotzdem
war es besser als zu Hause. da waren meine Cousine Sylvia, Serena, mein Cousin
Remigius, den alle nur Miggele nannten und die kleine Tanja. Am Sonntag
mussten wir alle nach Flochberg runter zur Kirche; die waren katholisch, und
da musste man soviel knien. Aber danach gab's immer ein gutes Essen, und wir
durften mit Onkel Dittl zum Flugplatz.
Jeder
durfte einmal mitfliegen, nur Hans wollte nicht, der hatte vor allem Angst und
machte dann immer in die Hose. Miggele ist mit seinem Vater auch unter der
Woche geflogen. Onkel Dittl hatte nur noch den linken Arm, er hatte den
anderen im Krieg beim Absturz über England verloren, aber fliegen konnte er
trotzdem. Onkel Dittl war gar nicht wie der Alte, obwohl sie Brüder waren. Er
war immer guter Laune und hat seine Kinder nie geschlagen, höchstenfalls mal
geschimpft. Manchmal kam auch der Onkel Joseph, das war der Graf von
Bollstadt. Wenn der kam, gab es immer einen Menschenauflauf. Er hatte immer
etwas Besonderes dabei in seinem großen Mercedes. Die Wochenenden waren immer
schnell vorbei und viel zu selten.
Als
uns meine Mutter abholte, versprach sie uns eine Überraschung, die zu Hause
wartete. Nigg meinte, das wird schon nichts Rechtes sein, Hans und ich waren
ruhig und warteten. Sie sagte, es wird sich viel verändern, vielleicht
schlägt Euch Euer Vater jetzt nicht mehr so viel. Da war etwas in ihrer
Stimme, das mir fremd war, das hat aber nichts mit uns und den Schlägen zu
tun, die wir wegen jeder Kleinigkeit bekamen.
Als
wir zu Hause waren, waren wir schon ganz konfus. Der junge Mann wurde uns als
unser Bruder Lutz vorgestellt und die alte Frau Jauernik als seine Oma. Wenn
das unser Bruder ist, wieso hat der eine andere Oma? Mir wurde gesagt, dass
ich jetzt unten in Lellas Küche, die ausgeräumt wurde, schlafe, weil die
Frau Jauernik mein Zimmer braucht. Frau Jauernik wird von heute an den
Haushalt führen, und Ihr müsst ihr gehorchen. Ich konnte sie nicht leiden, weil
sie so kleine böse Augen hatte und nicht einmal 'Grüss Gott' zu uns sagte.
Ich hatte recht, sie fing auch gleich an mich herumzukommandieren.
Der
erste Morgen fing schon mit Kommandos an. Ich musste noch vor dem Frühstück
die Holztreppe putzen und nach dem Frühstück wachsen. Das war von nun an
meine Arbeit: Vor der Schule einmal in der Woche wachsen und jeden Tag wischen
und polieren. Zum Frühstück gab es Haferschleim ohne Zucker und ein
Butterbrut als Schulbrot, nicht einmal Marmelade drauf. Als wir von der Schute
nach Hause kamen, hatte sie schon einen Berg Wäsche gewaschen und
kommandierte mich zum Bügeln ab. Eines war garnicht so schlecht, stellte ich
fest, ich musste weniger im Haus arbeiten.
Sie
erzählte uns, dass dort, wo sie vor dem Krieg gelebt hatte, alles viel
schöner war, sie aber alles verloren hätte. Sie hatten ein Gut mit vielen
Pferden, ein großes Stück Land und viele Äcker. Hinterm Haus war ein Garten
mit verschiedenen Gemüsen und Tomaten. Da sei unser Bruder Lutz geboren und
bis l955 auf gewachsen, aber dann hatten sie rübergemacht. Ich verstand am
Anfang ihren Dialekt fast überhaupt nicht, und sie verwendete für bestimmte
Dinge ganz andere Worte.
Ja,
es wurde vieles anders, aber nicht besser. Ich musste zwar weniger im Haus
arbeiten, dafür mehr in der Tankstelle. Die Hausaufgaben für die Schule
wurden irgendwann oder garnicht gemacht. Die Alte hat dann manchmal in der
Schule angerufen und gesagt, dass wir keine Zeit für solche Dinge hatten. Das
war ja ganz einfach für sie, sie kannte die meisten Lehrer, die sind ja fast
alle zusammen in die Schule gegangen. Trotzdem habe ich bei den Proben
(Klassenarbeiten) durchschnittlich eine zwei geschrieben. Sollte ich dann eine
drei mit nach Hause gebracht haben, hat der Alte wieder gesagt, wir seien so
dumm geboren.
Sie,
die Alte, meinte, wenn die Lehrer glauben, wir könnten besser sein, dann
sollten wir in der Schule mehr lernen und zu Hause arbeiten. In der vierten
Klasse waren meine Noten so gut, dass der Wastel (Oberlehrer Eber) meiner
Mutter einen Brief schrieb, in dem er mich für die Oberschule vorschlug. Ihr
ganzer Kommentar dazu war, Du wirst im Geschäft gebraucht. Das war richtig.
Wenn
meine Schulfreundinnen zum Baden gingen oder mit der Schule auf einen Ausflug,
war ich in der Tankstelle. Am Wochenende hatten Nigg und ich immer Dienst. Ich
glaube, dass ich zweimal in dem neuen Schwimmbad in Nördlingen, wo unsere
Tankstelle war, gewesen bin, und dann hatte ich es auch nur der Margitt,
unserer Sekretärin, zu verdanken. Es war sehr selten; dass wir vor l0 Uhr
nach Hause fuhren.
Manchmal schickte sie uns Kinder um 8 Uhr mit jemand, der in die Richtung
fuhr, mit. Wir mussten auch immer auf der Strasse; die von Harburg nach
Nördlingen ging, per Anhalter ins Geschäft fahren, wenn uns niemand abholen
konnte. Die Alte sagte immer, das könnt Ihr ruhig machen. Euch kennt ja
jeder. Als ich ihr einmal erzählte, dass ich mit einem Fremden mitgefahren
sei, der mir versprochen hatte, Eis und Schokolade zu kaufen, wenn ich sehr
nett zu ihm wäre, ich es aber nicht haben wollte und er mich aus dem Auto
geworfen hätte, sagte sie, da warst Du halt recht frech zu dem Mann.
Einmal
war es sehr spät und Lutz brachte mich nach Hause. Ich war sehr müde und
schlief schon im Auto ein. Ein Schmerz weckte mich auf, und ich war in meinem
Bett und Lutz über mir, und er hielt mir den Mund zu. Danach nahm er die Hand
von meinem Mund und flüsterte, Du darfst niemandem etwas sagen, und ging aus
meinem Bett. Ich wusste gar nicht, was und wem ich etwas sagen sollte. Es
wollte sowieso niemand etwas wissen. Für das, was ich in diesem Moment erlebt
habe, hatte ich sowieso keine Worte, und was soll ich dann sagen? Dass ich von
da an Angst hatte vor Lutz, weil er mir weh getan hatte? Das glaubt mir
sowieso keiner, genau wie die Geschichte mit dem Mann, zu dem ich nicht nett
sein wollte.
Am
nächsten Morgen sagte er noch zu mir, wenn Du schwanger bist und ein Kind
bekommst, sagst Du, Du hättest Dich mit meinen Taschentuch ausgewischt. Er
drohte noch einmal und ging dann ganz normal in die Arbeit. Die ganzen Tage
versuchte ich, aus all dem einen Sinn zu zu machen und meine Bauchschmerzen zu
verheimlichen. Ich fragte mich immer, was er damit meinte, ein Kind bekommen
und schwanger. Kinder bekommen nur Eltern oder der Storch bringt sie, aber ich
bin doch erst 10 Jahre.
5 Nuschis
Tod
Es
war Nachmittag, und die Alte war nicht in der Tankstelle und wir auch nicht.
Zur Abwechslung mussten wir zu Hause arbeiten. Die Frau, die sonst zum Putzen
und Waschen gekommen war, kommt nicht mehr. Die Alte hat gesagt, sie kann
Euren Vater nicht leiden. Ich freute mich darüber, aber es war schlimm, weil
mir mein Rücken weh tat vom Waschen und Bodenschrubben. Sie musste später
nach Donauwörth. Bevor sie ging, sagte sie, wenn die Buben nach Hause kommen,
sollen sie die Nuschi sauber machen. Nuschi war unser Meerschweinchen. Ihr
Fell war schwarz-weiss-goldbraun. Wir haben sie von den Pfeifers von der
Burgschänke bekommen, weil die sie nicht mehr wegen der Wirtshausküche
behalten durften. Wir Kinder freuten uns, weil wir etwas hatten, das nicht
böse war und wir streicheln konnten.
Die
Alte war schon bald zurück, und die Buben hatten die Meersau nicht sauber
gemacht. Die hat doch so einen Wutanfall gekriegt und nur noch geschrien, dass
wir alle es garnicht wert sind, etwas zu besitzen, weil wir undankbare Kinder
sind und den Teufel im Leibe hätten. Nach dem Schreien kamen die Drohungen,
und von allen die schlimmste war immer, "wartet nur, bis Euer Herrgott
heimkommt!"
Er
kam, Nigg und ich zitterten wie immer
und bereiteten uns vor mit dem Gummischlauch in die Waschküche zu gehen,
einer nach dem anderen. Aber wir wurden überrascht. Wir wussten nicht, was
wir denken und fühlen sollten, als er sagte, er mache ein Ende zu diesem
Problem. Nach endlosen Flüchen und Erklärungen, dass wir es garnicht wert
seien, irgend etwas zu besitzen, da wir faul und dumm seien, er uns nie haben
wollte, es ihre Schuld sei, dass wir geboren wurden, und nur seine
Gutmütigkeit es uns erlaube zu leben, denn er hätte uns schon längst
erschlagen, aber wir seien es nicht wert, dass er wegen uns in Zuchthaus gehe.
Er
kam er zu einem Entschluss, und ich ahnte, was er vorhatte. In diesem Moment
verirrten sich meine Gedanken. Halb ohnmächtig vor Angst um Nuschi war ich
doch halb froh, dass ich nicht in die Waschküche musste. Er verließ die
Küche, meine Mutter rannte ihm nach und bettelte und flehte. Wir saßen auf
der Küchenbank wie versteinert. Nigg sagte nach einer endlosen Minute des
Schweigens: "Was jammert die denn, sie wollte es doch so."
Er
kam zurück, mächtig und hoheitsvoll, wie ein General in Hitlers Armee und
sagte mit einer schneidenden Stimme: "Bis ich zurück bin, will ich die
Meersau nicht mehr sehen." In diesem Moment erwachte die leise Hoffnung
in mir, es ist nichts passiert. Aber das änderte sich in der nächsten
Sekunde, als er sagte, was der Meersau passiert, ist nicht so schlimm wie das,
was Euch passiert, wenn Ihr noch einmal versucht, meinen Kommandos nicht zu
gehorchen, und er hoffe, dass wir daraus gelernt
hätten.
Nigg und ich mussten in den Garten und Nuschi begraben. Von diesem Tag an
wusste ich, dass ich seine Gedanken erraten konnte, und sie fast in denselben
Worten artikulieren konnte, die er benutzte. In diesem Moment glaubte ich
auch, er müsse Gott ähnlich sein, da er sich das Recht gab, 'Leben zu
nehmen'.
6
Saure Milch
Hoffentlich
komme ich nicht zu spät. Warum machen die auch samstags die Molkerei um
zwölf Uhr dreissig zu, und warum ist die Schule samstags erst um zwölf aus?
Schnell, ich muss nach Hause, die Milchkanne holen und dann zur Molkerei.
Warum bezahle ich die Milch nicht wie andere Leute, gleich wenn ich sie kaufe?
Immer muss ich sagen, meine Mutter bezahlt später. Die Milchfrau sagt nie
etwas, weil sie weiss, die haben ja ein Geschäft, die haben ja Geld. Aber mir
war es immer so peinlich. Gott sei Dank, ich habe es gerade noch geschafft.
Das wäre eine Katastrophe geworden, wenn keine Milch übers Wochenende im
Hause gewesen wäre. Schnell nach Hause, ich habe den Deckel der Milchkanne
vergessen, und es fängt an zu regnen. Die Buben sind nicht zu Haus,
wahrscheinlich schon wieder fischen, und wir werden doch von jemandem um
dreizehn Uhr abgeholt, und wir werden von jemandem um dreizehn Uhr abgeholt.
Ich
hatte samstags Dienst an der Tankstelle und Nigg in der Werkstatt. Ich stellte
die Milchkanne schnell in die Küche auf den Spülstein und rannte zum Wasser.
Die Kirchturmuhr schlug dreiviertel eins, die Buben sind nicht beim Buser am
Wasser, vielleicht beim Lembeck. Ich rannte so schnell ich konnte. Das
Gewitter war voll im Ort, und es regnete in Strömen, blitzte und donnerte
zugleich. Da sind sie. Ich rief, schnell, kommt, wir müssen nach Nördlingen.
Völlig durchnässt und kalt rannten wir den gleichen Weg zurück. Nigg
versteckte auf dem Weg nach Hause beim Stadtmüller seine Angelrute, und dann
waren wir eine Minute später im Hof.
Schock
- der Opel-Kapitän ist da, das heisst der Alte ist da. Was sagen wir, wo wir
herkommen, weil es ja ein Uhr dreissig ist und wir zu spät? Wir hatten keine
Zeit mehr eine Geschichte zu erfinden, da wir schon den verhassten Pfiff
hörten und wussten, er hat uns gesehen. Langsam, wie geprügelte Hunde,
gingen wir die Treppe nach oben, und da stand "Er".
Er
sagte nur, komm mit, packte mich beim Arm, schleuderte mich in die Küche,
zeigte auf die Milchkanne und fragte mich, was ist das? Mein Gehirn arbeitete
auf Hochtouren, und ich zitterte aus Angst und weil ich völlig durchnässt
und kalt war. Als ich nicht antwortete, zeigte er mir die Milch in der
Kanne, und die Milch war gestockt vom Gewitter. Jetzt fiel mir ein, dass ich
vergessen hatte, sie in den Steinkrug zu giessen. Da war es - kalt, nass und
sauer riechend. Er schüttete die drei Liter saure Milch über meinen Kopf,
und ich stand wie versteinert vor Schock und hörte nicht einmal als er sagte,
raus in die Waschküche! Auf dem Weg in die Folterkammer betete ich immer,
Lieber Gott, lass' ihn die Treppen hinunterfallen und das Genick brechen oder
lass' mich sterben.
Als
ich feststellte, dass er statt des Gummischlauchs eine Schere in der Hand
hatte, war ich total konfus. Er sagte, ich lehre Dich Respekt vor Dingen, die
Geld kosten. Er schleuderte mich auf einen Stuhl, band mir die Hände auf den
Rücken an die Stuhllehne und drohte mir, mich ja nicht zu bewegen. Dann fing
er an, Büschel für Büschel wie ein Irrer meine Haare abzuschneiden.
Als
die ungleichen Büschel Haare, lange und kurze, nass und verklebt von der
sauren Milch, auf den Boden fielen, fühlte ich mich auch so, wie er mich
immer nannte, ein Stück dummen Dreck. Dabei schrie ich vor Angst, weil er
manchmal meine Kopfhaut mit der Schere verletzte. Irgendwann hörte er auf zu
schneiden, und ich spürte kaltes Wasser, das aus dem Wasserschlauch kam. Als
"Sie" sah, was geschehen war, fing sie an zu weinen und sagte zu ihm
in kleinlauter Stimme, das wäre doch nicht nötig gewesen. Zu mir sagte sie
mit bedauernswerter Stimme, das kommt davon, Du vergisst immer die Milch in
den Steinkrug zu schütten.
Der
eigentliche Schock kam als ich mich im Spiegel sah und wusste, so musste ich
in die Schule und ins Geschäft. Er erlaubte mir nicht einmal ein Kopftuch zu
tragen. Ich hatte stellenweise eine Glatze, kurze und lange Haare. So hatte
ich mir immer eine Hexe vorgestellt.
7
Das Halskettchen
Bebo
wartete auf mich auf der Holzbrücke als ich aus der Schulgasse kam. Er kam
näher als ich die Steinbrücke erreichte und flüsterte. Ich hab' was für
Dich, komm' gleich ins Wehr. Das Wehrle war immer ein Platz für Geheimnisse,
und es lag unterhalb der Häuser und war schlecht einsehbar. Er rannte voraus,
damit niemand uns zusammen gehen sah. Ich ging sehr langsam, und die Angst,
dass jemand gesehen haben könnte, dass Bebo zu mir gesprochen hatte, brachte
alle Drohungen in über lebensgroßen Bildern "niemand, der etwas auf
sich hält, spricht mit einem Halb-Neger."
Neger
werden geboren um Sklaven zu sein. Die Amerikaner haben die Neger als
Kanonenfutter in ihrer Armee, damit die weiße Rasse geschützt wird. Die
Amerikaner selber gehören aber auch nur zur zweiten Klasse der Menschheit,
weil sie nicht mehr reinrassig sind. Hitler wusste schon was er tat; er wollte
das edle deutsche Volk vom Abschaum der restlichen Menschheit schützen. Wir
gehören zur ersten Elite und werden nie mit Untermenschen umgehen. Dem seine
Mutter, die Negerschlampe, kann froh sein, einen dummen anständigen Arbeiter
gefunden zu haben, der diesen Halbaffen füttert und kleidet. Sollte ich Euch
erwischen, dass Ihr mit diesem Halbaffen redet, schlage ich Euch tot. Wie oft
habe ich mit Bebo gesprochen? Wie oft muss er mich tot schlagen? Da kommt's
auf einmal mehr oder weniger nicht an.
Außerdem
glaube ich nicht, dass die dumm und bösartig sind. Bebo war immer sehr
anständig und freundlich, ja, er hat mich sogar gestreichelt, als er meine
Wunden vom Gummischlauch am Rücken sah. Und außerdem geht die braune Farbe
nicht ab und bleibt auf der weißen Haut nicht kleben. Seine Mutter hat ja
auch keine braune Flecken, warum sagen dann alle Neger-Schickse zu ihr, und
was ist das überhaupt? Und noch einmal, außerdem, ich finde seine braune
Haut schön wie Samt.
Beim
Wehrle angekommen, noch einmal nach allen Seiten umschauend, rannte ich die
zehn Steintreppen hinunter. Was ist los? Schnell, bevor jemand kommt!
Bebo erzählte mir, dass, wenn die Schule nächste Woche zuende ist, er nach
München geht und als chemischer Laborant eine Stelle antritt. Das war ein
Schock. Jetzt habe ich niemanden mehr. Er sagte weiter, dass ich stark sein
solle und noch zwei Jahre durchhalten, dann wäre ich mit der Schule fertig
und schon vierzehn. Dann würde er mich holen, damit mein Vater mich nicht
mehr schlagen könnte. Ich wurde sehr traurig, aber ich konnte schon lange
nicht mehr weinen. Dann zeigte er mir ein schönes feines goldenes
Halskettchen mit einem Kreuz. Das ist das einzige,
das meine Mutter von meinem Vater bekommen hat und jetzt mir gehört. Danach
legte er es mir an und sagte, ich möchte es Dir geben, Du warst der einzige
Mensch außer meiner Mutter, der nett und gut zu mir war. Halb traurig, halb
stolz steckte ich es unter meinen Pullover und rannte so schnell ich konnte
nach Hause.
In
der Hofauffahrt stand der neue hellblaue Wartburg, und ich glaubte mein Herz
stünde für Sekunden still. Schnell fasste ich mich und ging ins Haus und die
Treppen hinauf. In der Küche stellte ich fest, dass ich nur zehn Minuten zu
spät war, und ich würde schon eine gute Ausrede finden. Da hörte ich den
nervtötenden Pfiff, der aus dem Wohnzimmer kam. Oh Gott, hilf mir, ich bin
doch nur zehn Minuten zu spät. An der Wohnzimmertüre hörte ich eine zweite
Stimme, ein Stein fiel mir von meinem Herzen.
Danke
Gott, es wird nichts passieren, es ist ja jemand da. Vorsichtig klopfte ich
an, und seine militärische Befehlsstimme sagte: "Komm' rein'"
Langsam öffnete ich die Tür einen Spalt und fragte, hast Du gerufen? Er riss
die Tür auf und stellte sich mit den Fäusten in der Hüfte vor mich und
brüllte: "Da ist die Negerhure." Für Sekunden wusste ich gar
nicht, wen er meinte. Das Wort Neger kannte ich, das Wort Hure hörte ich zum
ersten Mal.
In
einem Bruchteil einer Sekunde wusste ich, dass das Schlimmste sein musste. Zur
gleichen Zeit sah ich eine Hand, die auf meinen Hals zuging, und da war auch
schon der Schmerz. Er drosselte mich mit der einen Hand, und mit der anderen
riss er mir das Halskettchen herunter. Er schlug mich mit der Faust auf den
Kopf, und ich taumelte benommen rückwärts und fiel auf den Boden, nur ein
paar Zentimeter von der Treppe entfernt. Ich hörte wie die Wohnzimmertüre
zufiel und wieder aufging. Er tobte wie ein Wahnsinniger und schrie;
"Bist Du noch immer da? Geh' zum Teufel!" Ein Fußtritt war genug,
ich fiel alle Treppen hinunter. Die Angst, er könnte nachkommen war so groß,
dass ich die aufkommende Ohnmacht unterdrückte und rannte. Ich rannte zum
Wehrle und versteckte mich bis zum nächsten Morgen.
8
Der Mordplan
Es
war einer von den typischen Abenden, an denen ich mich mit Nigg gestritten
hatte, und Hans natürlich hatte Niggs Partei ergriffen. Ich konnte es einfach
nicht mehr ertragen, dass ich für meine Geschwister verantwortlich war und
die mir durch ihre wilde Unart auch noch das Leben schwer machten. Wenn ich
alles sauber hatte, machten sie es schmutzig.
Da
ging mir das Temperament durch, und ich verdrosch zuerst Hans, und dann wollte
ich auf Nigg losgehen. Der aber wehrte sich, er war auch stärker. So fing
eine böse Schlägerei an, bis ich nach dem Küchenbesen griff und den Stiel
als Waffe benutzte. Ich traf ihn hart, aber er schlug noch immer zurück, bis
der Stiel dann endlich an seinem Arm zerbrach. Der Arm schwoll in Sekunden an,
und Nigg hatte starke Schmerzen. Es tat mir auch im gleichen Moment leid, und
wir versuchten zusammen, die Schwellung durch kaltes Wasser zu stoppen. Dann
kehrte endlich Ruhe ein. Wir saßen am Küchentisch und fingen an über unser
Kinderleben nachzudenken. Je mehr wir redeten wurde uns klar, dass es keinen
Sinn hatte, was immer wir auch taten, wir mussten zusammenhalten.
Seit
längerer Zeit gingen wir sehr spät ins Bett, da, egal wenn der Alte nach
Hause kam, er immer einen Grund fand uns aufzuwecken und je nach Mut uns auch
mitten in der Nacht zu verprügeln. Wir redeten zum ersten Mal miteinander
über unsere Ängste. Hans würde meistens von ihm verschont, da er zwei Jahre
jünger war und der Liebling der Alten. Für ihn setzte sie sich ein und schob
Nigg und mir die Schuld zu. Nigg erzählte mir wie er immer die Automarken
ausmachte, wenn er im Bett lag, die in die Nähe des Hauses kamen um
festzustellen, ob es die Alten waren.
Ich
tat das gleiche, nur ausführlicher. Immer wenn ich die Automarke am
Motorengeräusch erkannte, wartete ich, ob die auch wirklich in den Hof
auffuhren. Dann fing ich an zu zittern. Jetzt schließen sie die Türe auf,
jetzt kommen sie die Treppe nach oben, jetzt sind sie in der Küche. Ich hielt
die Luft an und horchte, ob ich verstehen konnte, was sie sagten. Das waren
immer Minuten solang wie die Ewigkeit. Wurden dann die Stimmen lauter, wusste
ich, dass kurz darauf immer der verhasste Pfiff folgte und wir wie die
Soldaten antreten mussten, um für was auch immer 'unsere gerechte Strafe zu
empfangen'.
Manchmal
wussten wir garnicht warum und fragten. Er sagte immer nur, raus, in die
Waschküche, ich komme nach, und Du weißt schon warum. Er erklärte nie und
wenn, dann hinterher. In der letzten Nacht haben wir alle drei die Prügel
bekommen für etwas, was wir gar nicht getan hatten. Er prügelte uns für die
kaputte Fensterscheibe im Laden, der im Erdgeschoss des Hauses war. Er fragte
Nigg zuerst und Nigg sagte ihm, dass es der Rieder Wolfi gewesen sei. Alles
was er daraufhin sagte war, Du lügst. Dann fragte er mich, und ich sagte
dasselbe, Hans ebenfalls,
Er brüllte verlogene und feige Bälger, und wir mussten noch einmal einer
nach dem anderen mitten in der Nacht in die Waschküche.
Heute
fassten wir den Entschluss, dass wir etwas unternehmen müssen, da wir von
niemand Hilfe bekamen, ja nicht einmal von unserer Mutter. Zuerst suchten wir
einen Ausweg durch Ausreißen. Es war wohl klar, dass wir von der Polizei dann
wieder nach Hause gebracht werden und der Zirkus von vorne anfing. Also blieb
nur noch eins, der Alte musste verschwinden, aber wie? Nigg machte den
Vorschlag, die Bremsen an seinem Mercedes anzufeilen, dann würde er sich
derrennen.
Das
war nicht gut. Das konnte jeder Mechaniker hinterher feststellen. Welche
Möglichkeit hatten wir noch? Vergiften war zu riskant, der Alte ist ein Satan
und überlebt es letztendlich noch. Wir wussten einfach nicht wie. Nigg machte
den Vorschlag, die große Axt über der Türe zu präparieren, so dass sie,
wenn er die Türe öffnet, ihn erschlägt. Das ging auch nicht, weil, wenn die
Alte die Türe zuerst öffnet, trifft es sie. Da würde es aber auch keine
Unschuldige treffen, meinte Hans. Aber das Problem sei dann wieder nicht
gelöst. Wir planten weiter, aber was wir auch erfanden, schien nicht ohne
Probleme zu gehen. Wir trösteten uns, dass uns in den nächsten paar Tagen
sicher etwas absolut Sicheres einfallen würde und wir nur noch ein bisschen
durchhalten müssten. Die Hoffnung allein half mir zu glauben, dass der Alte
bald nicht mehr da wäre, und ich konnte weitere Attacken seinerseits besser
überstehen und auch die Tatsache, dass wir anfingen, wenn auch langsam, uns
gegenseitig das Leben nicht noch schwerer zu machen.
Wir
lebten zwar in einem Haus zusammen, hatten aber nie eine Geschwisterbeziehung
wie andere Kinder, da wir ständig beschäftigt waren uns selbst zu
verteidigen und zu arbeiten. Wir hielten nur zusammen, um uns gegen unseren
gemeinsamen Feind (unsere Eltern) zu wehren. Spielen mit Puppen oder andere
Spiele waren laut meiner Mutter Unsinn, Zeitverschwendung und nur für faule
Kinder. Wir blieben nie sitzen, wenn unsere Eltern den Raum betraten, da immer
das erste Wort war, habt Ihr nichts Besseres zu tun als rumzulungern? Und dann
folgte eine Liste von Dingen mit Zeitangabe, die zu erledigen waren. Ihr
Lieblingsspruch war, ich werde Euch gleich die Faulheit austreiben. Ständig
waren wir auf der Hut. Als wir etwas älter wurden, fanden wir Wege, uns ein
bisschen Zeit zu stehlen und wenn es sein musste mit Lügen.
Es
war sonderbar: Mein Vater war nie mit der einfachen Wahrheit zufrieden. Wenn
etwas Simples passierte, mussten wir eine Geschichte, die schwerer wog als die
Wahrheit daraus machen. Manchmal halfen uns dann diese Lügen keine Prügel zu
bekommen. Er hatte einen Hang zur Dramatik. Hitlers Aufmärsche und seine für
ihn
überzeugenden
Reden waren sein Leitfaden. Selbstverständlich auch die Aktionen, die mit
Gewalt zum "glorreichen" Ziel führten. Mir hängen heute noch seine
Worte in den Ohren. Man muss, wenn man ein Ziel erreichen will, alle, die
einen daran hindern wollen, aus dem Weg räumen.
Er
hoffte sogar, dass bald ein neuer Mann wie Hitler Deutschland führen würde,
um das geniale und außerordentliche Werk des Führers zu vollenden. Ich
hörte diesen speziellen Unterhaltungen genau zu und registrierte, dass
niemand an dem Tisch mit ihm übereinstimmte. Immer wenn er etwas zu sagen
hatte, tat er es im Befehls- oder in einem drohenden Ton. Sollte er bei
Gelegenheit einmal Witze gemacht haben, waren sie rassistischer und
sarkastischer Natur, und er erwartete, dass man sie verstand, damit
übereinstimmte und lachte. Wer sie nicht verstand, war entweder ein
ungebildeter Pöbel oder nicht von der Weltelite.
Immer
und immer wieder musste ich das gleiche hören, aber umso mehr ich hörte,
desto mehr wuchs meine Aggression gegen ihn und seine Lebensphilosophie.
Selbstverständlich hatte ich damals kein besseres politisches Bild um zu
vergleichen, aber ich fühlte, dass das nicht die wahre Einstellung zum Leben
sein konnte. Ich verabscheute jede Art geistiger und körperlicher Gewalt,
weil ich sie in allen Details kannte und täglich zu spüren bekam.
9
Sprich nicht drüber
Warum
haben die die schönen Betten von Opa und Lella weggeschmissen und diese
blöden gekauft? Und warum musste Opa aus seinem Haus, der hat doch das
Stadthaus und das Haus am Bahnhof gebaut? Ich will nicht, dass die jetzt
in Lellas Schlafzimmer schlafen. Na wenigstens ist da ein großer
Spiegel.
Ich
stellte mir vor, wo mein Kinderbett aus schönem Drahtgeflecht mit Rosen aus
gehämmertem Eisen stand. Opa hatte es zu Weihnachten neu gestrichen, türkis,
und die Rosen in Gold. Wie klein war ich damals und heute wächst mir eine
Brust. Heidi hat mir ihren BH zum Anprobieren geliehen, aber der passt nicht.
Heidi ist fett, aber ich brauch' vorne mehr Platz und viel weniger wo man
zumacht.
Sie
stand in der Türe, ich habe kein Auto kommen hören. Was macht die zu hause?
Jedesmal, wenn ich sie oder ihn überraschend sehe, habe ich Angst und gerate
in Panik. Die Alte grinste und sagte: "So, meine Tochter braucht also
einen BH?" - Bitte sage niemandem etwas! Sie hörte garnicht hin
und sagte, mach Dich fertig für's Geschäft.
Margit,
unsere Sekretärin, hatte eine Überraschung für mich. Sie schenkte mir ihren
wunderschönen gelben Spitzenpettikot. Das war das schönste Geschenk außer
meinem roten Ball mit weißen Tupfen, das ich je bekommen hatte. Die Freude
stand mir im Gesicht und unsere Kunden sagten: "Die Traudl kann ja
lächeln."
Gerne
hätte ich es allen Menschen gesagt, aber unsere Kunden waren ja Männer, und
mit denen spricht man über solche Sachen nicht, ich würde mich zu sehr
schämen. Als Herr Hering, der Fahrschullehrer zum Tanken kam, sagte er
zum ersten Mal nicht "Du armes Mädchen", weil ich lächelte.
Schnell tankte ich voll und wusch seine Scheiben und ging, um es in seine
Tankkarte zu schreiben. Durch die Glasscheibe sah ich, wie meine Mutter über
mich redete. Als ich durch die Tür kam, sagte sie: "Sag' dem Herrn
Hering, was Du schon brauchst."
Ich
wollte in diesem Moment sterben vor Scham. Als ich nichts sagte, erzählte
sie, wie sie mich vor dem Spiegel beobachtet hatte und dass ich schon einen BH
brauchte. Gott sei dank, er hat nichts dazu gesagt und ging mit der
Entschuldigung, dass er einen Schüler abholen müsste.
Das
gleiche wiederholte sich mit Herrn Hermes. Als das Geschäft am späten
Nachmittag etwas nachliess, setzte ich mich hinter die Werkstatthalle und fing
an leise zu fluchen. Fluchen war besser als weinen, das sieht man nicht an den
Augen. Sie ruft mich und tobte, weil sie mich nicht gleich finden konnte. Sie
wollte mich vor Ladenschluss zum Steingass fahren und einen BH kaufen. Ich
bettelte, doch keinen zu kaufen, weil ich mich so schämte. Unsinn, sagte sie,
wir kaufen einen, der zum gelben Pettikot passt.
Ich
war etwas
überrascht,
aber dann doch froh, weil ich dann Heidi meinen BH zeigen konnte. Hätte ich
geahnt, warum sie mir den BH kaufen wollte, wäre ich vor Scham gleich
gestorben. Nicht nur, dass sie allen, die sie im Kaufhaus kannte, erzählte,
was wir heute einkaufen, ich musste ihn auch noch vorführen.
Sonntag
Morgen, mein Vater lag noch im Bett. Sie wollte, dass ich meinen Pettikot und
den BH anziehe, darüber Rock und Bluse. Dann musste ich ins Schlafzimmer und
es meinem Vater vorführen, tanzend auf dem Holm am Fussende des Bettes. Mein
Sträuben hatte keine Wirkung. Sie meinte, Du willst doch, dass Dein Vater bei
guter Laune ist, also los. Ich tanzte auf dem schmalen Bett auf und ab, als
sie sagte, zieh' Deine Bluse dabei aus und zeige, was Du bekommen hast.
Immer,
wenn ich in einer ausweglosen Situation war, tat ich so, als wäre ich nicht
ich und gehorchte. Sie redeten etwas, aber ich hörte sie nicht. Dann sagte
sie, jetzt zeige auch noch den Pettikot. Wieder schaltete ich ab und
gehorchte. Meine Mutter ging aus dem Bett, und ich sprang vom Bettrand. Sie
fasste meinen Arm und führte mich auf die Seite des Bettes, wo mein Vater lag
und sagte: "Sie wird ein schönes Mädchen."
Dann
stieg er aus dem Bett, kam näher und sagte, zieh' den BH aus, ich will sehn
wie groß die sind. Wieder schaltete ich ab und tat wie mir befohlen. Als er
aber meine Brüste anfasste, wehrte ich mich, und der Hass wurde von Sekunde
zu Sekunde größer. Da hörte ich die alte fette Sau sagend: "Sei nicht
so genant, es ist doch Dein Vater."
Zuerst
begrapschte er mich, und dann beglotzte er mich. Dann sagte er: "Sie wird
nicht perfekt. Die Brustwarzen sitzen zu tief, und ihre Beine sind zu
kurz." Das Grinsen im Gesicht meiner Mutter verschwand, und sie schickte
mich aus dem Schlafzimmer. Halb nackt wie ich war, rannte ich aus der Türe,
und da stand Lutz. Jetzt hat der mich auch noch so gesehen. Aus Angst und
Panik wurde mir schlecht, und ich übergab mich den restlichen Tag, was
natürlich keine Entschuldigung war nicht Tankstellendienst zu tun.
Ich
fragte mich manchmal, wie und warum ich diese Demütigungen ertrug. Fing ich
auch schon an, Unrecht für Recht zu halten? Dabei stellte ich fest,
dass immer, wenn ich eine auswegslose Situation durchlebte, ich es wie ein
Zuschauer im Theater erlebte. Das war nicht ich, die das alles ertrug, es war
mein zweites "Ich". Mein zweites Ich war mein seelischer Schutz. Es
litt und ertrug für mich schamvolle Situationen, Schläge, sogar die
sexuellen Belästigungen. Ich konnte kontrolliert mein zweites Ich in
Konfliktsituationen hervorrufen, was ich abschalten nannte. Dann stellte ich
mir teilweise vor, dass, wenn ich mich schützen wollte, ich mein zweites Ich
pflegen und zu meinem Schutz öfter hervorrufen musste.
10
Die Bootsfahrt
Es
war der 27. März und mein Geburtstag. Sehr früh hörte ich den Alten mit
meiner Mutter streiten. Das war ja nichts neues, aber dass der Alte, der sich
nie die Finger schmutzig machte, die Küche streichen wollte, brachte mich
fast zum Kichern.
Mir
verging das Kichern, da er es heute machen wollte. Geburtstage wurden sowieso
nicht gefeiert oder registriert, aber ich hatte mit Heidi ein Zeichen
ausgemacht, wann sie mich abholen konnte. Sie wohnte nur fünf Häuser weiter
und konnte von ihrem Zimmer das Schlafzimmerfenster meiner Großmutter sehen.
Immer wenn die Luft rein war, stellte ich etwas Rotes ins Fenster. Wir wollten
ins Schwimmbad gehen und Heidi sagte, sie hätte eine Überraschung für mich.
Es war noch nicht 7 Uhr als die Alte das Haus verließ und der Alte seine
Kommandos gab die Küche auszuräumen. Ständig schaute ich auf die Uhr und
fragte Nigg, ob er mir helfen wollte, damit ich Heidi im Schwimmbad treffen
könnte. Wir arbeiteten wie die Ameisen, wuschen alle Möbel ab, und dann
schrubbte ich den Fußboden. Es war 2 Uhr nachmittags, und wir hatten noch
nichts zum Frühstück oder Mittagessen gehabt. Mir war es fürchterlich
schlecht, und ich war völlig erschöpft von dem schweren Möbel Heben und
putzen.
Wenn
ich jetzt etwas sage, dann sagt er später, wenn ich fort wollte, ich dachte
Dir ist's schlecht, also hielt ich meinen Mund. Keine Ahnung wie Nigg es
schaffte, aber er sagte, schnell beeil' Dich, der Alte hat ja gesagt, aber Du
musst in einer Stunde zum Kochen wieder zurueck sein. Das lohnt sich doch gar
nicht, ich brauche ja schon zwanzig Minuten ins Bad und zwanzig zurück. Nigg
sagte geh und sei froh, dass er Dich überhaupt mal weglässt, komm', ich
fahre Dich mit meinem Fahrrad zur Wörnitz, das unser Schwimmbad war. Er hatte
sogar meinen Bikini mitgebracht.
Im
Schwimmbad angekommen stellte ich fest, dass Heidi und meine anderen
Schulfreundinnen nicht mehr da waren. Ich blieb trotzdem, um ins Wasser zu
gehen. Nigg versprach mir, mich um dreiviertel wieder abzuholen. Da kamen die
drei großen Buben im Boot und fragten, ob ich ein bisschen Boot fahren
wollte. Ich fühlte mich geehrt und erzählte ihnen, dass ich heute Geburtstag
hatte, und sie paddelten die Wörnitz hinauf. Wir müssen wieder umkehren, ich
muss um vier Uhr zu Hause sein. Es ist doch Dein Geburtstag. Wir zeigen Dir
etwas Schönes, dann fahren wir wieder zurück. Aber zuerst musst Du uns Deine
Brüste zeigen. Da war's wieder, das zweite Ich, das immer nachgab, damit mir
nichts passiert, aber diesmal wollte ich nicht die zweite Traudl sein und
wehrte mich. Der größte von allen stand auf und schaukelte das Boot. Schnell
überlegte ich, ob ich es schaffen würde, ans Ufer zu schwimmen, aber letztes
Jahr ist ein großer Junge in den Schlingpflanzen
hängen geblieben und ertrunken. Als der große Junge mir mein Bikinioberteil
herunterriss und sich auf mich legte, kippte das Boot. Im Wasser hatte ich
zwei Möglichkeiten, den Fluss abzuschwimmen oder direkt ans Ufer. Ans Ufer
konnte ich nicht, wen ich ja nicht nackig zu meinen Kleidern rennen konnte.
Jeder auf der Strasse konnte mich dann sehen. Es war mir unmöglich, die ganze
Strecke zurückzuschwimmen, also schwamm ich vorsichtig und sehr nahe am Ufer.
Einige
Male blieb ich in den Schlingpflanzen hängen. Die Angst, zu spaet nach Hause
zu kommen, war aber größer als zu ersaufen. Erschöpft krabbelte ich ans
Ufer, suchte meine Kleider und zog mich schnell an. Dann fing ich an zu rennen
und zu beten. Ich wusste nicht, warum mir schlechter war, vor Angst oder weil
ich den ganzen Tag nichts gegessen hatte.
Auf
halbem Weg sah ich Nigg mit dem Fahrrad kommen, der mir entgegenschrie:
"Schnell, der Alte führt sich auf wie ein Wahnsinniger!" Nigg
radelte mit mir auf dem Gepäckträger was er konnte, und da stand
"er" - auf der Steinbrücke. Er riss mich vom Fahrrad und fing wie
ein Irrer an auf mich einzuprügeln. Mir wurde mehrere Male schwarz vor den
Augen, und ich fiel hin, aber jedes Mal, wenn ich wieder aufstand, schlug er
weiter. Er schlug mich buchstäblich von einem Ende zum anderen Ende der
Brücke, bis ich ohnmächtig liegen blieb.
Es
kniete eine Frau neben mir, als ich wieder zu mir kam, Nigg war auch da. Sie
brachten mich nach Hause, und die Frau wollte mit meinem Vater reden. Er warf
sie aus dem Haus und knallte die Haustüre zu. Dann wieder der berühmte
Pfiff, und dann das Kommando in die Waschküche. Er schlug mich, bis das Blut
an meinen Beinen runterlief und ließ mich auf dem Betonboden liegen. Wie in
Trance rannte ich die Treppen zum Garten hinauf, kletterte über das Gartentor
über den Pfarrweg zum Kriegerdenkmal. Selbst da fühlte ich mich noch nicht
sicher, aber ich konnte nicht mehr weiter. Alles schmerzte und mir war's
schwindlig und schlecht. Ich weiß noch, dass ich über die kleine Mauer
kletterte und vorsichtig an dem steilen Burghang entlang der Mauer auf die
mannshohen Brennnesseln zu. Irgendwann hörte ich die Kirchturmuhr schlagen
und wachte auf - es
war finstere Nacht.
Angst
war mein zweiter Gedanke. Die Angst vor den Gespenstern auf der Burg war nicht
so groß wie die Angst, dass der Alte plötzlich auftauchte. Vorsichtig stand
ich auf. Vor lauter Schmerzen spürte ich gar nicht, wie ich von den
Brennnesseln gestochen wurde; ich fühlte nur, dass alles, auch mein Gesicht,
geschworen war. Langsam und in der Hocke rutschte ich den siebzig Prozent
steilen Burghang hinunter und erreichte die Strasse und das große Tunnel. Ich
hatte eine riesige Angst vor den zwei Tunnels, weil da fast keine Möglichkeit
war zu Fuß durchzugehen. Es war gerade genug Platz für sich begegnende
Autos.
Was
tun? Wenn ich durch die Stadt ging, war es möglich, jemandem zu begegnen oder
sogar der Alte suchte mich. Niemals würde er mich auf
der großen Strasse vermuten. Also keine Chance, ich musste durch^s Tunnel. In
der Nacht fahren sowieso fast keine Autos, vielleicht schaffe ich es ohne
totgefahren zu werden. Ich horchte, ob ich ein Auto kommen hörte. Es war
Totenstille, Dann rannte ich los. Ich rannte die achthundert Meter in dem
dunklen Tunnel, als wäre der leibhaftige Satan hinter mir her. Ich schaffte
das Ende als ich ein Auto hörte. Mit einem Satz sprang ich ins Gebüsch. Ich
konnte ja im Dunkeln nicht genau sehen, was es war, aber ich spürte es
gleich, dass es eine Windrosenhecke war. Das Auto war vorbei, aber ich hatte
noch den kleinen Tunnel mit zweihundert Metern vor mir, das war nicht mehr so
schwer. Dann rannte und rannte ich bis ich die Lichter von Ebermergen sah, als
ein Lkw anhielt und mich fragte, ob er mich mitnehmen könnte, er führe nach
Donauwörth.
Da
fiel mir ein, dass Hassan und Fatima dort wohnten, irgendwo oben auf dem Berg
in einem gelben Haus. Der Mann brachte mich mit dem Lastwagen dorthin, obwohl
es ein sehr schmaler Feldweg war. Da erfuhr ich, dass Hassan umgezogen ist.
Der Mann in seinem Haus war auch Türke und verstand nur Hassan und Fatima.
Der Mann im Lkw musste weiter, und ich stand da, nachts um ein Uhr, und wusste
nicht weiter. Der türkische Mann weckte seine Frau, die dann an die Haustüre
kam. Sie redeten miteinander, und sie nahm mich bei der Hand und holte mich
ins Haus. Als ich dann in einem Zimmer war, wo zwei Kinder auf der Couch
schliefen, sah sie mich an und schlug beide Hände vor's Gesicht. Sie brachte
ein nasses Tuch mit Essig getränkt und tupfte mein Gesicht ab und zeigte mir,
ich sollte meine Hände darin einwickeln. Ihr Mann hatte sich angezogen,
zeigte mir einen Autoschlüssel und sagte: "Hassan, Hassan?" Er
brachte mich zu Hassan.
Als
Hassan die Tür öffnete und mich sah, sagte er: "nicht in mein Haus
kommen, Dein Vater viel Ärger machen und ich zurück nach Türkei. Bitte, Du
nach Hause gehen." Der andere türkische Mann schob schimpfend Hassan auf
die Seite und zog mich ins Haus, Er machte Licht und zeigte Hassan mein
Gesicht und meine Hände und deutete ununterbrochen auf meinen Rücken. Nach
ein paar Minuten stand Hassan auf und führte mich ins Bad. Er ließ die Wanne
vollaufen. Da spürte ich, dass er seine Meinung geändert hatte. Er
schüttete irgendwelche Kräuter ins Wasser, brachte mir ein Nachthemd und
sagte, ich sollte solange wie möglich im Wasser bleiben.
Langsam
aber sicher fühlte ich mich in Sicherheit. Als er aus dem Bad war, zog ich
mich aus, und dann sah ich, was der andere türkische Mann meinte, und ich
verstand die bedauernswerten Blicke des Lkw-Fahrers. Das heiße Wasser war
gut, und es brannte an den offenen Wunden, alles tat weh, und meine Knochen
waren wie mit Blei gefüllt. Hassan klopfte an die Tür, ich solle jetzt
herauskommen, er habe mein Bett fertig. Ich war so erschöpft, dass ich das
liebgemeinte Memele mit Toast fast nicht essen konnte. Ich schlief auf der
Stelle ein.
Hassan
weckte mich,
gab mir ein Glas Tee und einen Toast. Er sagte, wir müssen zum Doktor. Nein,
sagte ich sehr bestimmt, und erinnerte mich, als ich das letzte Mal im
Krankenhaus war.
Hassan
erzählte mir, dass Fatima im Krankenhaus ist und einen Sohn bekommen hat.
Fatima hat gesagt, Du musst zum Doktor. Als er meinen Widerstand sah, gab er
auf und holte Verbandszeug und reinigte meine Wunden am Rücken, im Gesicht
und an den Händen. Dabei erzählte er mir, dass er Sanitäter bei der
türkischen Armee war, und ich brauchte mich nicht zu schämen. Er sah auch
meine geschwollene Hüfte und Oberschenkel, wo sich langsam Blutergüsse
abzeichneten. Er gab mir eine Schüssel Wasser mit irgendwas Scharfem drin,
legte ein kleines Handtuch hinein und sagte, ich solle damit Umschläge
machen.
Am
dritten Tag fühlte ich mich besser, und er merkte das auch. Er fragte mich,
ob er meine Mutter anrufen sollte. Nein, wenn Du das tust, gehe ich gleich.
Hassan beruhigte mich und sagte, er würde warten, bis ich bereit wäre. Von
diesem Moment an plante ich schon meine weitere Flucht, aber wohin? In der
dritten Nach hörte ich ein Geräusch, ich schlief ja schon seit Jahren im
halbwachen Zustand, immer bereit für Überraschungen.
Hassan
kam ins Zimmer und setzte sich ans Bett. Er fragte mich, ob ich wüsste, das
er gut zu mir war. Ich dankte ihm noch einmal. Dann fragte er mich, ob ich
auch gut zu ihm sein wollte, und er es mit mir machen dürfte. Mir wurde
schlecht vor Angst. Ich versprach ihm, lieber das Haus zu putzen, zu waschen
und bügeln, aber bitte nicht das. Er schimpfte mich, ich sei undankbar, und
er würde meinen Vater sofort anrufen. Mein anderes Ich gab nach, und ich
fühlte mich so schmutzig und wehrlos wie zwei Tage zuvor. Ich hasste mich
selbst, aber es nützte nichts. Am nächsten Morgen war meine Mutter da mit
verheulten Augen und tat so, als wäre das, was mir geschehen ist, das erste
Mal. Ich hätte ihr gerne ins Gesicht gespuckt.
Ein
paar Tage später sah ich die Jungens von der Bootsfahrt wieder, aber einzeln.
Ich hatte mir eine Stunde Freiheit gestohlen, natürlich durch eine Ausrede
und bin alleine auf die Burg gegangen, die mir mehr und mehr als eine Festung
war. Ich fühlte mich dort immer beschützt. Es war schon später Nachmittag,
und ich war auf dem Weg nach Hause, als ich einen der Jungens wieder sah.
Zuerst wollte ich nicht mit ihm sprechen, aber er überzeugte mich, dass es
ihm sehr leid täte, was geschehen war. Es wussten anscheinend alle im Ort.
Wir setzten uns aufs Kriegerdenkmal. Es war auch der Name meines Onkels mit
auf dem Gefallenen- Gedenkstein. Er erzählte, dass er sich in mich verliebt
hätte, und ich hätte eine gute Figur. Von da an weiß ich nur noch, dass ich
von ihm vergewaltigt wurde, und hinterher auch noch eine Schlampe genannt.
Zwei
Tage später, es war schon neun Uhr abends, als ich von jemand aus der
Tankstelle nach Hause gebracht wurde und an der oberen Strasse abgesetzt. Ich
nahm eine Abkürzung durch den Friedhof nach Hause. Kurz vor dem Friedhof war
ein anderer der drei Jungens von der Bootsfahrt. Er fragte mich, ob ich keine
Angst hätte, im Dunkeln über den Friedhof zu gehen. Aber ich hatte keine
Angst, dort war ja meine Lella begraben. Das sagte ich ihm aber nicht, sondern
verneinte nur seine Frage.
Er
bot mir an, mich nach Hause zu begleiten, aber ich wollte nicht und ging
weiter. Er folgte mir trotzdem und sagte mir, dass der Heinz ihm erzählt
hätte, dass wir es zusammen getrieben hätten. Mir wurde himmelangst, aber
ich sagte nur, dass der Heinz lüge. Als wir dann in der Nähe der
Leichenhalle waren, passierte es. Alles, an was ich mich erinnerte, war, dass
ich immer hoffte, dass meine Lella aus dem Grab kommt und mir hilft. Aber
niemand half mir.
Wie immer.
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