Haunting Shadows from the Past                 
by Sieglinde W. Alexander
and other Writings

© 2000-2005 Sieglinde W. Alexander
 

Haunting Shadows from the Past

Other Writings

Book review

About

 

SONNTAGSKIND ODER SCHICKSAL?
Sieglinde W. Alexander
©1993 - 2013 Copyright Office, Library of Congress, Washington D.C. 20559 U.S.A.


 

    

Die folgenden Geschichten beschreiben meine Kindheit bis zu meinem fünfzehnten Lebensjahr — so wie ich mich erinnere. Diese Aufzeichnungen sind regressive emotionale Erinnerungen ohne psychologisch analytische Erläuterungen.
Diese rohen Emotionen sind ein Beweis, dass ein Kindheitstrauma für viele Jahre lebendig in uns weiter leben kann.  Jede Geschichte war eine lebende Regression in die Vergangenheit. Die Folge daraus war, dass ich meine Geschichte nur mit dem kindlichen Vokabular beschreiben konnte.

Leider enthalten meine Geschichten aus der Vergangenheit kein „happy Ending“. Als ich diese Erinnerungen 1992 schrieb hatte ich noch keine Hoffnung jemals aus den Depressionen und den emotionalen und visuellen Flash-backs heraus zu kommen. Mein Leben wurde vom PTSD (Post Traumatic Stress Disorder) diktiert.

Erst im Jahr 2000 wurde das Manuskript in Englisch zum Buch umgearbeitet und als "Haunting Shadows from the Past" publiziert, das deutlich meinen acht jährigen Heilungsprozess beinhaltet.

Diese nackte Wahrheit ist als Erinnerung publiziert, damit das Thema Kindesmisshandlung und die „schwarze Pädagogik“ sowie die daraus resultierenden Schäden nicht wieder in Vergessenheit geraten. 

Ich weise darauf hin, dass diese Geschichten keine Themen für Kinder sind, obwohl es ein Kind war, das jede beschriebene Szene erlebte.

Mit diesem Gruß aus dem verschlafenen historischen Städtchen Harburg an der Romantischen Strasse, möchte ich mich vorstellen, wo ich als
Sieglinde Waltraud
Linse, am 27. März 1949 geboren wurde.

Meine Eltern waren
,
Marie Linse, (zu der Zeit meiner Geburt noch unverheiratet),
und Karl Jung, aus Schlossberg/Bopfingen Kreis Aalen.
Erst später, als meine Eltern in 1950 heirateten, bekam ich den Familiennamen Jung.

Meine Großeltern,
die Eltern meiner Mutter, waren
,
Maria Linse, geb. Thumm (
aus der Ziegelhütte), die ich Lella nannte,
und Friedrich Linse, aus der Donauwörther Strasse in der Nähe vom Bahnhof.
 
Meine jüngeren Brüder sind, Karl Jung (Nigg), Hans Jung und Siegfried Jung
.
Wir alle lebten in dem Haus in der Donauwörther Str. 36 a,
in Harburg/Schwaben, Landkreis Donauwörth.

 

Inhalt    

  

 Vorwort 

 

Ich war 42 Jahre alt und seit 1972 geschieden. Mein 22 jähriger Sohn Ricky hatte sein eigenes leben, eine eigene Wohnung, gute Arbeit und viele Freunde. Unser Kontakt war liebevoll und lebendig. Eigendlich  hatte ich all das erreicht was ich wollte und doch konnte ich meine Rastlosigkeit nicht erklären. Parties, Konzerte, Wochenend-Trips linderten meine inneren Spannungen nicht und die schleichend wachsende Unsicherheit war nur noch schwer zu kontrollieren. Trotz der guten sozialen Voraussetzung, viele Freunde, gutem Verdienst und einer schönen Wohnung, projizierte ich Bilder aus meiner Kindheit auf mein Alltagleben, vor allem auf die Menschen um mich. Ein immer stärker werdendes Gefühl von Panik trieb mich letztendlich zu der Entscheidung: Ich musste weg, raus aus Deutschland. Die Menschen, mit ihrer Selbstgerechtigkeit und der Art, andere zu kontrollieren, erstickten mich. Ich konnte die Engstirnigkeit und die eingebrannten Regeln - "das haben wir schon immer so gemacht" - nicht mehr ertragen. Bedürfnisse oder Individualität haben keine Existenzberichtigung, wenn sie nicht gewinnbringend dem gesellschaftlichen Wohl dienen. All das erinnerte mich an meine Kindheit, wo ich ein Niemand war oder höchstenfalls als benutzbar bewertet wurde.

Im Januar 1991 faste ich den Entschluss nach Amerika oder Australien zu gehen. Zur selben Zeit bot mir ein Bekannter die Gelegenheit einer geschäftlichen Partnerschaft und dadurch die Möglichkeit, eine Firma, wie ich sie bis 1986 in Fürth hatte, in Kalifornien aufzubauen. Dieses willkommene Angebot unterstützte meine Bedürfnis einer Auswanderung und somit war mein erstes Ziel Amerika. Nach einer Aussprache mit Ricky, der mich ermutigte, stand meinem Plan nichts mehr im Weg. Anfang Februar verkaufte ich ein paar wertvolle Dinge. Anfang März kaufte ich ein Ticket nach Chicago und  setzte für den kommenden Samstag eine Annonce in die Nürnberger Nachrichten  "Haushaltsaufgabe, alles zu verschenken". Am Abend war meine große Wohnung leer. Ich hatte zwei Koffer mit Kleidern, Bildern und kleinen persönlichen Erinnerungen gepackt und wohnte für die verbleibenden Tage bei meiner Freundin Bertha.

Am 4. April landete ich in Chicago, wo ich erst mal drei Wochen Urlaub machte. Richard, ein US-Offizier, den ich aus Deutschland kannte, zeigte mir das aufregende Chicagoer Nachtleben mit den vielen Blues- und Jazz-Clubs. Ende April setzte ich meine Reise zu meiner Endstation fort. In Sacramento sollte ich laut Vertrag ein Haus bewohnen, das groß genug war, um mit meiner ersten Kleider-Kollektion zu beginnen. Meine Zukunft in meinem selbstgewählten Land, mit Menschen die ganz anders waren, war gesichert, glaubte ich.

Die Wirklichkeit aber war ein neues Trauma. Oder war es die Fortsetzung von dem, das ich schon seit Jahren kannte. Gleich nach der Ankunft in San Fransisco sollte ich wie geplant von der Ex-Frau meines Vertragspartner, die Deutsche war, abgeholt und zu dem Haus das auf mich wartete gebracht werden. Aber niemand holte mich ab.

Ich verbrachte die nächsten vier Tagen in einem Hotel in San Fransisco. Nach endlosen Telefonaten mit meinem Geschäftspartner, der noch in Deutschland war und dessen Exfrau erkannte ich den Schwindel. Letztendlich musste ich akzeptieren dass es kein Haus gab und der geschlossene Vertrag war wertlos. Als letzte Möglichkeit wurde mir angeboten mit dem Greyhound Bus nach Sacramento zu fahren, wo ich dann von Brigitte, der Stieftochter meines Geschäftspartners, abgeholt wurde. Ich wollte auf keinen Fall zurück nach Deutschland. Hoffungsvoll nahm ich dieses Angebot an.

Brigitte lebte mit dem drogenabhängigen Vater eines ihrer drei Kinder im Getto. Kakerlaken bewohnten die Küche, in der nie gekocht wurde. Trotzdem türmte sich Wochen altes Geschirr das für die Take-outs irgendwann mal gebraucht wurde.

Vier Tage später stellte fest, dass mein restliches Geld von Brigittes Mann gestohlen worden war. Hoffnungslos und mittlerweile nahe eines Nervenzusammenbruchs, lernte ich Tage später Bennie kennen. Bennie, begeistert von meiner exklusiven Kleidung wollte wissen, was mich nach Sacramento brachte. Ich erzählte ihr meine Geschichte. Sie machte den Vorschlag, zu ihr zu ziehen und gemeinsam ein Geschäft aufbauen. Das Angebot nahm ich gerne an. Bennie lebte mit ihrem Mann in einem großen Drei-Schlafzimmer-Haus in der teuersten Gegend von Sacramento.

Schon Tage später erhielt ich, durch Bennie's Beziehung zu einer Kirche in Sacramento, einen Auftrag, der mein Leben für immer änderte. Ich entwarf und fertigte die zwoelf Flaggen der Stämme Israels. In den folgenden sieben Monaten lernte ich nicht nur viele Menschen kennen und erhielt begeisterte Komplimente für meine Kunst, ich lernte auch meinen Mann kennen. Trotz meiner kreativen Arbeit und scheinbar gutem Leben in einer luxuriösen Umgebung spürte ich die wachsende Unruhe und erkannte, dass ich deprimiert war. Es war nicht alles rosig. Schon zwei Monate später musste ich mich wehren. Bennie's 72jähriger alter Vater, der zu Besuch war, versuchte eines Nachts in mein Bett zu schlüpfen. Nachdem Bennie 80 % des Verdienstes meiner Arbeit für Kost und Logie einbehielt, beschloss wieder nach Deutschland zu gehen. Ich rief das Deutsche Konsulat in San Fransisco an und bat um Hilfe.

Am 17. November lieferte ich die letzte Flagge in der Kirche ab. Es sollte mein letzter Sonntag in Sacramento, in der USA sein. Meine Flugtickes lagen bereit und war der Rückflug war für Dienstag geplant. Ich sagte Wiedersehen zu allen neugewonnen Freunden. Nach dem ich viele Hände schüttele und letzte Umarmungen wollte ich noch einmal in die Kirche wo die Flaggen hingen. Ich rannte durch den Regen von der Gemeindehalle über den Hof. Im Foyer verloren meine vom Regen nassen Stöckelschuhe den Halt und der Boden unter meinen Füßen war weg. Ich fiel auf das Steißbein und war für Sekunden bewusstlos. Als ich die Augen wieder öffnete spürte ich einen unbeschreibleichen Schmerz und wusste, dass mein Steißbein verletzt war. Im gleichen Moment sah ich drei Männer mit sorgenvollem Blick um mich stehen, die mir die Hand um aufzustehen reichten. Alex war einer davon. Er aber war derjenige der meine Hand nicht mehr losgelassen hat und heute mein Mann ist.

Mein Rückflug nach Deutschland musste verschoben werden, da das Steißbein gestaucht war und ich mit dem Bluterguss nicht sitzen konnte. In dieser Zeit bat mich mein heutiger Mann seine Frau werden. Ich erklärte mit meinem bisschen Englisch, dass ich seit 19 Jahren geschieden bin und eigentlich nicht mehr heiraten wollte. Er gab nicht nach und lies nichts versucht, mich während meiner sechswöchigen Genesung umzustimmen. Alex gewann. Ich sagte ihm aber, bevor wir heiraten musst du wissen wer ich wirklich bin.

Alex hatte sich von seiner vorherigen Frau im Mai 1991 getrennt. Er lebte aber noch in dem großen Haus. Mit ihm als als Alleinverdiener, ich hatte keine Arbeitserlaubnis und konnte finanziell nichts beitragen, konnten wir das Haus nicht bezahlen. Im Januar 1992 zogen wir in ein kleines Stadthaus mit zwei Schlafzimmern und planten die Hochzeit für Juli. Mein ursprünglicher Wunsch in die USA zu gehen, um viel Geld zu machen, war plötzlich Nebensache geworden. Beschäftigt damit, das Haus zu dekorieren sagte ich mir, eigentlich habe ich alles, was sich ein Mensch wünschen konnte.

Aber die Depressionen waren immer mehr spürbar.

Ende Januar erwachte ich um 2 Uhr morgens von einem Alptraum. Es war der gleiche und immer wiederkehrende Traum, den ich seit meiner Kindheit hatte. Ich konnte nie deutlich erkennen was mir so viel Angst einjagte. Ich lag wach neben Alex, der ruhig schlief, und fragte ich mich, warum ich wirklich nach Amerika gekommen bin. Die ehrlich Antwort war, ich wollte meiner Vergangenheit, meiner Kindheit entfliehen. Aber ich konnte die Wahrheit nicht noch länger leugnen. Die 12.000 km Distanz von Deutschland existierten für mich in Wirklichkeit nicht. Der Traum öffnete ein Fenster zur Vergangenheit. Das zu leugnen wäre ein erneuter Selbstbetrug. Meine Kindheit klebte an mir, sie war ein Teil meines Ichs. Ich musste erkennen, dass die Erinnerung an meine Kindheit lebte, obwohl ich diese seit 38 Jahren zu unterdrücken versuchte.

Ich erinnerte mich an meine Worte, die ich Alex gesagt hatte: "Du musst erst wissen wer ich bin". Was soll ich tun? Wie lange soll oder kann ich meine Vergangenheit noch verstecken? Wie lange kann ich das falsche Rollenspiel noch hinausziehen, ohne dass mich Kindheit völlig verzehrt?

Ein Sekunden-Gedanke war, entweder jetzt oder nie.

Vorsichtig schlich ich mich aus dem Bett und die Treppe hinunter. Das Haus war kalt und ich holte mir meine warme Wolldecke, die ich aus Deutschland mitgebracht hatte und setzte mich ins Frühstückszimmer, mit einem Kugelschreiber und einem dicken Schreibblock. Meine ersten Worte waren: "Ich schäme mich, über meine Kindheit zu schreiben".

Es gab keine Halten mehr. Die Türen zur Erinnerung waren weit offen. Die Regression in die Vergangenheit begann. Die Worte auf dem Papier waren die eines Kindes das endlich die Gelegenheit hatte die Qualen einer Kindheit auszusprechen. Fast unaufhaltsam und mit nur wenig Schlaf- und Essenspausen schieb ich, bis Ende März über 800 Seiten.

Alex konnte nicht Deutsch lesen und vorerst war ich auch noch nicht bereit, irgend jemanden das lesen zu lassen, was ich 42 Jahre lang versteckt halten musste.

Mit jedem geschrieben Kapitel bemerkte ich einen fortschreitenden Veränderungsprozess, den ich mir nicht erklären konnte, den ich aber willig akzeptierte. Es schien so als ob der emotionale Strick um meinen Hals, der mich in jahrelangem Schweigen gefangen hielt, sich langsam lösen würde.

Aber der Tag kam, an dem ich sehr deutlich merkte, dass ich eine Pause, einen Abstand brauchte. Nur schwer konnte ich die Geschehnisse der Vergangenheit von der Gegenwart trennen. Die emotionale Seite meines Gehirns war in Aufruhr und diktierte seit dem Begin des Schreibens mein Leben. Die Erinnerungen waren unkontrolliert und ungeordnet. Manchmal schieb ich mehrere Geschichten zur gleichen Zeit. Noch erkannte ich die Zusammenhänge, die zu meiner Depression führten nicht wirklich. Ich brauchte eine Pause und ohne Zweifel musste ich die Vergangenheit, die mich komplett vereinnahmt hatte, für eine kurze Weile ruhen lassen.

Als Alex für eine Woche auf Geschäftsreise in den Süden Kaliforniens musste, nutzte ich diese Gelegenheit und fuhr mit ihm.

Der Abstand erlaubte meinem logischen Denken wieder die Oberhand zu gewinnen. Überzeugt sagte ich, genug! Ich habe mir alles von der Seele geschrieben. Nun wollte ich mich nicht mehr mit der Vergangenheit beschäftigen. Die restlichen Erinnerungen werden entweder wieder begraben oder vergessen. Trotz all meinen Versuchen, mich selbst zu überzeugen konnte ich jedoch der immer gegenwärtigen Angst nicht ausweichen und wusste, dass meine Ablenkungsmanöver ein Selbstbetrugmanöver waren.

Mitte Februar musste Alex zu einem Seminar und ich war für eine Woche allein. Schon in der ersten Nacht erwachte ich von einem Albtraum. Es half nichts sagte ich mir und erinnerte mich an mein Versprechen an mich selbst, die Wahrheit zu konfrontieren. Fast widerwillig öffnete ich den dicken Umschlag mit den losen Blättern. Schon beim Lesen der ersten Zeilen erkannte ich, wie die Vergangenheit und meine Kindheitserlebnisse eins mit der Gegenwart wurden. Ich fühlte und erlebte wieder das Trauma meiner Kindheit mit jedem Satz, den ich las. Alle Emotionen waren wieder wach, als ob es gerade eben erst geschehen wäre. Ich fühlte die Hilflosigkeit in jeder einzelnen Geschichte, die ich als Kind so oft gespürt hatte. Zwischen den Zeilen waren überwältigend die alten Gefühle von Scham, Schande und Schuld deutlich.

Die Regression war total. Mit aller Klarheit erkannte ich, dass das Trauma, das all die Jahre in Bildern und Gefühlen lebendig mit mir lebte. Es war nicht die 42jährige Frau, die ihre Kindheit beschrieb, es war das Kind, das mit dem eingeschränkten Vokabular eines Kindes die Geschehnisse der Vergangenheit zu Papier brachte. Schreiben gab mir die erste Möglichkeit einer Befreiung die erdrückende und verwirrende Last bildhaft und so, wie ich es fühlte, zu beschreiben.

So entstand das Manuskript, in dem ich ohne Beschönigung erzähle, wie ich meine Kindheit erlebte. Es soll eine Stimme sein für die, die wissen was Schmerz, Erniedrigung, Seelenleid, Not, Hunger, Einsamkeit, physikalisches and mentales Leid heißt. Vor allem aber soll meine Geschichte ein Zeuge sein, wie wir als Erwachsene noch immer unter dem erlebten Kindheitstrauma leiden.

 

 

 

  

Es war ein sonniger Sonntagmorgen 

 

Immer wieder einmal zog es mich nach Harburg, doch wenn ich dort war wollte ich nur zwei Plätze besuchen.  Die Burg, wo ich für Stunden auf einer Bank außerhalb der mächtigen Burgmauer nahe dem Wanderweg saß und auf die Stadt hinunter schaute. Als dann meine Augen  vom süden über die Häuser, das Schulhaus, die Wörnitz-Brücke  nördlich zum Hüllenloch schwebten wurden Erinnerung wach die mich unruhig machten.  Um die trüben Gedanken wegzuwischen wanderte ich von der Burg hinunter in die Donauwörther Strasse,  zum Haus indem ich geboren wurde. Wenn ich aber dann vor meinem Elternhaus stand, das Opa baute, war das unangenehme Gefühl wieder dominant.  Die Haustüre, oberhalb der  großen Landen Fenster und jedes einzelne Zimmerfenster im Obergeschoss erzählten Geschichten die ich lieber nicht mehr wissen wollte.  Das alte Gefühl von Angst und Scham wurde lebendig. Nein, ich wollte diese Erinnerung nicht wach werden lassen, ich suchte nach schönen Erinnerungen. Schnell lenkte ich meine Augen zum Nachbarhaus, auf das Fenster das auf den gemeinsamen Hof blickte. Ein wohliges Gefühl erweckte eine frühe, immer noch lebendige liebliche Kindheitserinnerung an die Kunzmann Oma.

Bei den Kunzmanns war ich genauso zu Hause wie bei Opa und Lella. Da war die junge Theresa, die Kunzmanns-Oma und die alte Großmutter, die immer im Bett lag. Wenn es mir bei Lella langweilig war; ging ich halt über den Hof und klopfte ans Küchenfenster. Die Kunzmanns- Oma machte auf und ich stieg durchs Fenster ein. Die Haustüre habe ich nie benutzt. Die  Kunzmanns-Oma hat sehr gerne Geschichten erzählt, aber ihre Lieblingsgeschichte war der Tag meiner Geburt. Sie setzte sich auf ihren Stuhl beim Fenster und ich auf ihren Fuß-Schemel vor sie, dann fing sie an zu erzählen.

Schon seit Samstag hatte es die Maria sehr schwer. Deine Oma und die Hebamme waren die ganze Nacht bei ihr. Die Busers-Mutter war auch noch sehr lange drüben, und die Strobel hat das Bett noch frisch überzogen.

Am Sonntagmorgen, den 27. März , als die Sonne aufging, kurz nach sechs Uhr, da war es dann soweit. Ja, sie hatte es wirklich schwer, dann war aber alles vorbei. Dein Opa hat aus dem Schlafzimmer der Buser Mutter zugerufen: "Es ist ein Mädchen!"

Alle, die schon auf waren, kamen. Der Buser-Vater, der Metzger war, brachte gleich einen frisch­gebackenen Leberkäse und sagte, die Maria sollte den gleich essen, damit sie wieder zu Kräften käme und genug Milch für den kleinen Hebbr hätte.

Du warst alles, bloß nicht klein, Du hattest über acht Pfund, drum hatte es Deine Mutter auch so schwer. Deine Oma und die Hebamme hatten mit den anderen in der Küche gesessen und Kaffee getrunken, und es wurden gleich Pläne für Dein Leben gemacht. Es war ja allen klar, daß man etwas extra tun muß, weil Du ein Sonntagskind warst und deshalb auch etwas besonderes. Sonntagskinder sind Gottes Lieblings­kinder und bekommen ein bisschen mehr Gaben und auch ein bisschen mehr Segen als die anderen.

Dann war es Zeit für die Kirche, es ging aber heute niemand aus Eurem Haus. Dein Großvater hatte Dich warm eingepackt und war mit Dir schon auf der Strasse. Er hat Dich allen Leuten gezeigt, die auf dem Weg zur Kirche am Haus vorbei kamen. Deine Lella hat fürchterlich mit ihm geschimpft, weil sie Angst hatte, dass Du Dich erkältest, aber Dein Opa sagte, die ist so gesund und kräftig, das macht der nichts aus. Die Leute müssen doch mein Mädchen sehen. Du warst sein Mädchen, und es hat ihn nie gestört, dass sich Dein Vater darüber ärgerte. Es war überhaupt keine Frage, dass du bei Deinen Großeltern aufwächst. Sie konnten deine Mutter nicht verstehen, dass die deinen Vater als Mann haben wollte. Sie nannten ihn den faulen Studierten.

Aber diese anmutige Erinnerung endet hier.

 

 

     

2   Opa warum?   

Lella hatte mich, wie immer, an der Hand. Schon lange durfte ich die Treppe hinunter steigen, aber nur an der Hand. Lella sagte, wir gehen zum Metzger Buser und zum Milch holen. Ich hatte auch meine eigene kleine Einkaufstasche. Opa kaufte sie mir, als wir bei Tante Mina in Augsburg waren. Tante Mina hatte auch so schöne weiße Haare wie Lella. Im Hausgang klopfte sie noch an die Hintertüre des Lebens­mittel­ladens und sagte zu Friedl, was sie brauchte.

 Friedl richtete immer alles zusammen in einen Karton und stellte den auf die Holztreppen. Lella öffnete die Haustüre mit der Milchkanne in der Hand ohne meine Hand loszulassen. Die Milchkanne fiel auf den Steinboden und machte einen fürchterlichen Krach. Das blaue Email an der äußeren Seite sprang ab, und ich sagte: "Macht, nix Opa macht's doch wieder ganz." Oma hielt sich am Türgriff fest, und dann fiel sie wie ein Baumstamm auf den harten Steinboden. "Lella, Lella, du hast dich am Kopf gestoßen!" Schnell schob ich meine Hand unter ihren Kopf. Die Ladentüre ging auf.  Friedl steckte den Kopf heraus, und dann ging altes drunter und drüber. Die alle brachten meine Lella in ihr Schlafzimmer, und Opa weinte. "Du brauchst nicht weinen, Opa. Der Doktor macht eine Binde um Lellas Kopf, und ich helfe dir, die Milchkanne nieder ganz zu machen."

Jetzt kommen alle in Opas Zimmer mit dem großen Schreibtisch, der so schön glänzt und so viele kleine Schubladen hinter dem bunten Glas hatte. Ich saß auf Opas Schoß und die redeten alle durcheinander. Es waren auf einmal so viele Leute da, und Maria - sie weinte auch. Die sitzen alle da und reden, und Lella ist alleine im Schlafzimmer. Ich gehe zu ihr. Leise öffnete ich die Schlafzimmertüre und flüsterte "Lella, schlaf' nur weiter, ich setze mich zu dir." - Warum haben die Lella's Hände unter die Decke gesteckt und ihre Haare so komisch gekämmt? - "Ich halte deine Hand, und dann kannst du besser schlafen." Jetzt weiß ich, warum die Hände unter der Decke sind: Weil Lella friert. Ich flüsterte: "Lella, ich leg mich zu dir , dann bist du bald wieder warm."

Opa kam und sah mich neben Oma liegen, und er lächelte und wollte, dass ich aus dem Bett gehe, weil der Doktor Oma untersuchen musste. Ich wollte dableiben, damit er Oma nicht weh tut, aber Opa nahm mich auf den Arm und sagte: "Der Doktor kann deiner Lella nicht mehr weh tun." Jetzt saßen die Leute auch noch in der Küche , und Maria sagte, bring' sie runter zu Lore und den Buben. Die Buben kann ich doch nicht leiden, weit die immer so wild sind und alles kaputt machen.

Der Doktor geht und die Schwester auch und ich schlich mich wieder zu Lella und legte mich neben sie und schlief ein. Am nächsten Morgen wachte ich in meinem Kinderbett auf, aber es stand bei den Buben im Zimmer. Jetzt wusste ich überhaupt nicht mehr was los war. Leise ging ich nach oben. Opa war in seinem Schreibzimmer und hatte viel Geld auf seinem Schreibtisch liegen. Er sagte, er müsse die Leute bezahlen, die Lella abholen. Jemand holt meine Lella ab? Wo geht Lella hin? Kann ich mitgehen? Opa weinte wieder und versuchte, mir zu erklären, dass Lella fortgehen muss zum "lieben Gott". Das macht nix. Opa, ich gehe ja mit ihr. Nein, da kannst Du nicht mit, Oma muss alleine gehen.

Das verstand ich überhaupt nicht, weil Lella mich im kleinen Leiterwagen überall mit nahm. Sie erzählte mir immer Geschichten wenn wir unterwegs waren. Opa erwischte mich, als ich ins Schlafzimmer schaute. Da waren Männer mit schwarzen Kitteln und weißen Handschuhen, die Lella in eine große schwarze Schachtel legten. Als die schwarzen Männer einen Deckel auf Leila legten, schrie und tobte ich. Die Lella bekommt doch keine Luft. Schreien war immer gut, weil ich dann immer kleine Pünktchen sah, dann einschlief und gleich wieder aufwachte. Opa nahm mich auf den Arm und stand mit mir am Schlafzimmerfenster. Er sagte, schau Lella darf mit den schönen Pferden in der schönen Kutsche fahren und später besuchen wir sie. Sie war so schön, so viele Blumen und zwei Kerzen waren um ihr Bett.

Ich flüsterte Opa zu, der Doktor hat das Pflaster weggemacht, und Lella schläft gut. Sie hat kein Weh mehr, du brauchst nicht mehr weinen. Maria hat mich am nächsten Morgen angezogen und gesagt. Du darfst mit Opa gehen, und ich komme mit den Buben nach. Es waren so viele Leute, die Oma anschauten, und alle flüsterten. Opas Hand hielt mich sehr fest, als wir ein Stückchen weiter gingen. Er weinte noch mehr und sagte, die bringen Deine Lella. Ich wartete vor einem großen Loch, das mir Angst machte, da sagte Opa, da ist Deine Leila und zeigte auf die große schwarze Schachtel, die die Männer trugen.

Opa ließ meine Hand nicht los, als ich dem großen schwarzen Kasten entgegenlaufen wollte. Leise sagte er, wir müssen hier bleiben. Der große dicke Mann redete und redete, und dann banden die schwarzen Männer die Schachtel an dicke Stricke und ließen sie in das große Loch hinunter. Ich konnte nicht begreifen, dass Opa das zuließ, löste mich von seiner Hand, und schreiend sprang ich auf die große Schachtel zu, die schon halb unten war. Maria erwischte mich gerade noch, und Opa nahm mich auf den Arm. Da waren die bunten Punkte wieder, und als ich aufwachte, lag ich auf der Küchenbank mit meinem Kissen.

Plötzlich war alles anders. Opa hatte ein Bett in seinem Schreibzimmer, ich musste bei den Buben schlafen und musste zu Maria Mama sagen. Zu dem Mann, vor dem ich mich immer gefürchtet hatte, musste ich Papa sagen, und die haben jetzt das Schlafzimmer von Opa und Lella. Ich durfte nie mehr zu Opa, nur am Sonntag mit in die Kirche und hinterher ins Wirtshaus Lamm. Im Lamm war ein Bierkrug mit Opas Namen und ein kleiner Krug für Limonade, der mir gehörte. Kirche und Wirtshaus waren noch das gleiche geblieben. Opa schlief nach wie vor in der Kirche und schnarchte sogar manchmal. Ich musste ihn immer noch aufwecken, wenn alle Amen sagten. Dann gingen wir ins Lamm, aber hinterher war es nicht mehr wie vorher. Es hatte sich vieles geändert: Lella war nicht zuhause und kochte mein Lieblingsessen Stampf mit Schnitzel. Nie mehr durfte ich das Sonntagsessen bestimmen, und niemand machte mir um drei Uhr morgens ein Eingeweichtes. Sogar der gute Duft vom Bäcker im nächsten Haus war nicht mehr da, weil ich woanders schlief. Jede Nacht wachte ich, wie gewohnt, um drei Uhr auf, wartete geduldig, ob der Bäcker Graf ans Fenster klopfte und das Milch­brötchen rüberreichte, weil dann bekam ich immer mein Eingeweichtes. Heiße Milch, das Brötchen gebröckelt und darüber viel Zucker.

 

 
Ich bin 7 Jahre  —  Die Reissuppe
 

 

Einerseits bin ich froh, dass die Die fort ist und im Krankenhaus. Hoffentlich kommt sie nicht mehr nach Hause, dann darf ich wieder zu meinem Opa. Die schreit den ganzen Tag herum und streitet mit meinem Opa. Andererseits, wenn sie da wäre, müsste ich die fürchterliche Reissuppe nicht essen. Immer, wenn ich die Reissuppe esse, wird mir so schlecht im Magen, und der steht mit dem Stecken neben mir, und wenn ich aufhöre zu essen, schlägt er mir mit dem Stecken über den Kopf.

Heute müssen wir schon wieder die grauslige Reissuppe essen. Nigg sagte, das ist doch egal, was wir essen, wenn der Alte uns nur nicht schlägt. Nigg weiß doch gar nicht, dass es mir auf die Reissuppe immer so schlecht wird. Mein Vater steht vor dem kleinen Kindertisch wie ein Ungeheuer und beobachtet, dass ich nicht wieder Niggs leeren Teller mit meinem vollen vertausche. Ich glaubte schon, ich hätte es fast geschafft, da schlug er mir mit dem Stecken ins Genick und sagte: "Beeil Dich, ich habe nicht den ganzen Tag Zeit!" Und da war auch schon die Reissuppe von meinem Magen wieder im Teller. Er schlug und schlug und brüllte: "Du glaubst, du brauchst nur zu kotzen, dann lass' ich dich gehen? Da hast du dich getäuscht."

Er brachte den Topf mit der Reissuppe und schöpfte frische Reissuppe auf das Gekotzte, rührte es um, und ich musste das alles essen. Bei jedem Löffel betete ich, lieber Gott, lass mich sterben. Als ich fertig war, rannte ich ins Waschhaus, weil ich schon wieder kotzen musste, Gott sei Dank, der hat's nicht gesehen!

 

  

Die neue Haushälterin und der neue Bruder 

 

Seit Tagen ist eine Aufregung im Haus. Die Alten haben ständig etwas zu flüstern, und der Alte ist Samstag weggefahren. Wir wurden dann immer nach Schlossberg gebracht, zur Oma und Tante Erna. Das war immer eine Abwechslung. Die Oma war seine Mutter und genauso böse wie er. Sie tyrannisierte nicht nur ihre eigene Familie und Verwandtschaft, sondern, auch die Nachbarschaft. Sie hat immer über alle geredet, sie wusste über jeden Bescheid und hatte sich sehr wichtig gemacht.

Wenn die Nachbars­kinder zum Einkaufen am Haus vorbei kamen, fragte sie, was müsst ihr denn holen? Dann sagte sie, wo haben die das Geld schon wieder her? Manchmal rief sie aus dem Fenster, sagt Eurer Mutter, die soll Euch nicht so schmutzig herumlaufen lassen.

Trotzdem war es besser als zu Hause. da waren meine Cousine Sylvia, Serena, mein Cousin Remigius, den alle nur Miggele nannten und die kleine Tanja. Am Sonntag mussten wir alle nach Flochberg runter zur Kirche; die waren katholisch, und da musste man soviel knien. Aber danach gab's immer ein gutes Essen, und wir durften mit Onkel Dittl zum Flugplatz.

Jeder durfte einmal mitfliegen, nur Hans wollte nicht, der hatte vor allem Angst und machte dann immer in die Hose. Miggele ist mit seinem Vater auch unter der Woche geflogen. Onkel Dittl hatte nur noch den linken Arm, er hatte den anderen im Krieg beim Absturz über England verloren, aber fliegen konnte er trotzdem. Onkel Dittl war gar nicht wie der Alte, obwohl sie Brüder waren. Er war immer guter Laune und hat seine Kinder nie geschlagen, höchstenfalls mal geschimpft. Manchmal kam auch der Onkel Joseph, das war der Graf von Bollstadt. Wenn der kam, gab es immer einen Menschenauflauf. Er hatte immer etwas Besonderes dabei in seinem großen Mercedes. Die Wochenenden waren immer schnell vorbei und viel zu selten.

Als uns meine Mutter abholte, versprach sie uns eine Überraschung, die zu Hause wartete. Nigg meinte, das wird schon nichts Rechtes sein, Hans und ich waren ruhig und warteten. Sie sagte, es wird sich viel verändern, vielleicht schlägt Euch Euer Vater jetzt nicht mehr so viel. Da war etwas in ihrer Stimme, das mir fremd war, das hat aber nichts mit uns und den Schlägen zu tun, die wir wegen jeder Kleinigkeit bekamen.

Als wir zu Hause waren, waren wir schon ganz konfus. Der junge Mann wurde uns als unser Bruder Lutz vorgestellt und die alte Frau Jauernik als seine Oma. Wenn das unser Bruder ist, wieso hat der eine andere Oma? Mir wurde gesagt, dass ich jetzt unten in Lellas Küche, die ausgeräumt wurde, schlafe, weil die Frau Jauernik mein Zimmer braucht. Frau Jauernik wird von heute an den Haushalt führen, und Ihr müsst ihr gehorchen. Ich konnte sie nicht leiden, weil sie so kleine böse Augen hatte und nicht einmal 'Grüss Gott' zu uns sagte. Ich hatte recht, sie fing auch gleich an mich herumzukommandieren.

Der erste Morgen fing schon mit Kommandos an. Ich musste noch vor dem Frühstück die Holztreppe putzen und nach dem Frühstück wachsen. Das war von nun an meine Arbeit: Vor der Schule einmal in der Woche wachsen und jeden Tag wischen und polieren. Zum Frühstück gab es Haferschleim ohne Zucker und ein Butterbrut als Schulbrot, nicht einmal Marmelade drauf. Als wir von der Schute nach Hause kamen, hatte sie schon einen Berg Wäsche gewaschen und kommandierte mich zum Bügeln ab. Eines war garnicht so schlecht, stellte ich fest, ich musste weniger im Haus arbeiten.

Sie erzählte uns, dass dort, wo sie vor dem Krieg gelebt hatte, alles viel schöner war, sie aber alles verloren hätte. Sie hatten ein Gut mit vielen Pferden, ein großes Stück Land und viele Äcker. Hinterm Haus war ein Garten mit verschiedenen Gemüsen und Tomaten. Da sei unser Bruder Lutz geboren und bis l955 auf gewachsen, aber dann hatten sie rübergemacht. Ich verstand am Anfang ihren Dialekt fast überhaupt nicht, und sie verwendete für bestimmte Dinge ganz andere Worte.

Ja, es wurde vieles anders, aber nicht besser. Ich musste zwar weniger im Haus arbeiten, dafür mehr in der Tankstelle. Die Hausaufgaben für die Schule wurden irgendwann oder garnicht gemacht. Die Alte hat dann manchmal in der Schule angerufen und gesagt, dass wir keine Zeit für solche Dinge hatten. Das war ja ganz einfach für sie, sie kannte die meisten Lehrer, die sind ja fast alle zusammen in die Schule gegangen. Trotzdem habe ich bei den Proben (Klassenarbeiten) durchschnittlich eine zwei geschrieben. Sollte ich dann eine drei mit nach Hause gebracht haben, hat der Alte wieder gesagt, wir seien so dumm geboren.

Sie, die Alte, meinte, wenn die Lehrer glauben, wir könnten besser sein, dann sollten wir in der Schule mehr lernen und zu Hause arbeiten. In der vierten Klasse waren meine Noten so gut, dass der Wastel (Oberlehrer Eber) meiner Mutter einen Brief schrieb, in dem er mich für die Oberschule vorschlug. Ihr ganzer Kommentar dazu war, Du wirst im Geschäft gebraucht. Das war richtig.

Wenn meine Schulfreundinnen zum Baden gingen oder mit der Schule auf einen Ausflug, war ich in der Tankstelle. Am Wochenende hatten Nigg und ich immer Dienst. Ich glaube, dass ich zweimal in dem neuen Schwimmbad in Nördlingen, wo unsere Tankstelle war, gewesen bin, und dann hatte ich es auch nur der Margitt, unserer Sekretärin, zu verdanken. Es war sehr selten; dass wir vor l0 Uhr nach Hause fuhren. Manchmal schickte sie uns Kinder um 8 Uhr mit jemand, der in die Richtung fuhr, mit. Wir mussten auch immer auf der Strasse; die von Harburg nach Nördlingen ging, per Anhalter ins Geschäft fahren, wenn uns niemand abholen konnte. Die Alte sagte immer, das könnt Ihr ruhig machen. Euch kennt ja jeder. Als ich ihr einmal erzählte, dass ich mit einem Fremden mitgefahren sei, der mir versprochen hatte, Eis und Schokolade zu kaufen, wenn ich sehr nett zu ihm wäre, ich es aber nicht haben wollte und er mich aus dem Auto geworfen hätte, sagte sie, da warst Du halt recht frech zu dem Mann.

Einmal war es sehr spät und Lutz brachte mich nach Hause. Ich war sehr müde und schlief schon im Auto ein. Ein Schmerz weckte mich auf, und ich war in meinem Bett und Lutz über mir, und er hielt mir den Mund zu. Danach nahm er die Hand von meinem Mund und flüsterte, Du darfst niemandem etwas sagen, und ging aus meinem Bett. Ich wusste gar nicht, was und wem ich etwas sagen sollte. Es wollte sowieso niemand etwas wissen. Für das, was ich in diesem Moment erlebt habe, hatte ich sowieso keine Worte, und was soll ich dann sagen? Dass ich von da an Angst hatte vor Lutz, weil er mir weh getan hatte? Das glaubt mir sowieso keiner, genau wie die Geschichte mit dem Mann, zu dem ich nicht nett sein wollte.

Am nächsten Morgen sagte er noch zu mir, wenn Du schwanger bist und ein Kind bekommst, sagst Du, Du hättest Dich mit meinen Taschentuch ausgewischt. Er drohte noch einmal und ging dann ganz normal in die Arbeit. Die ganzen Tage versuchte ich, aus all dem einen Sinn zu zu machen und meine Bauchschmerzen zu verheimlichen. Ich fragte mich immer, was er damit meinte, ein Kind bekommen und schwanger. Kinder bekommen nur Eltern oder der Storch bringt sie, aber ich bin doch erst 10 Jahre.

 

   

 5   Nuschis Tod 

 

Es war Nachmittag, und die Alte war nicht in der Tankstelle und wir auch nicht. Zur Abwechslung mussten wir zu Hause arbeiten. Die Frau, die sonst zum Putzen und Waschen gekommen war, kommt nicht mehr. Die Alte hat gesagt, sie kann Euren Vater nicht leiden. Ich freute mich darüber, aber es war schlimm, weil mir mein Rücken weh tat vom Waschen und Bodenschrubben. Sie musste später nach Donauwörth. Bevor sie ging, sagte sie, wenn die Buben nach Hause kommen, sollen sie die Nuschi sauber machen. Nuschi war unser Meerschweinchen. Ihr Fell war schwarz-weiss-goldbraun. Wir haben sie von den Pfeifers von der Burgschänke bekommen, weil die sie nicht mehr wegen der Wirtshausküche behalten durften. Wir Kinder freuten uns, weil wir etwas hatten, das nicht böse war und wir streicheln konnten.

Die Alte war schon bald zurück, und die Buben hatten die Meersau nicht sauber gemacht. Die hat doch so einen Wutanfall gekriegt und nur noch geschrien, dass wir alle es garnicht wert sind, etwas zu besitzen, weil wir undankbare Kinder sind und den Teufel im Leibe hätten. Nach dem Schreien kamen die Drohungen, und von allen die schlimmste war immer, "wartet nur, bis Euer Herrgott heimkommt!"

Er kam, Nigg und ich zitterten wie immer und bereiteten uns vor mit dem Gummischlauch in die Waschküche zu gehen, einer nach dem anderen. Aber wir wurden überrascht. Wir wussten nicht, was wir denken und fühlen sollten, als er sagte, er mache ein Ende zu diesem Problem. Nach endlosen Flüchen und Erklärungen, dass wir es garnicht wert seien, irgend etwas zu besitzen, da wir faul und dumm seien, er uns nie haben wollte, es ihre Schuld sei, dass wir geboren wurden, und nur seine Gutmütigkeit es uns erlaube zu leben, denn er hätte uns schon längst erschlagen, aber wir seien es nicht wert, dass er wegen uns in Zuchthaus gehe.

Er kam er zu einem Entschluss, und ich ahnte, was er vorhatte. In diesem Moment verirrten sich meine Gedanken. Halb ohnmächtig vor Angst um Nuschi war ich doch halb froh, dass ich nicht in die Waschküche musste. Er verließ die Küche, meine Mutter rannte ihm nach und bettelte und flehte. Wir saßen auf der Küchenbank wie versteinert. Nigg sagte nach einer endlosen Minute des Schweigens: "Was jammert die denn, sie wollte es doch so."

Er kam zurück, mächtig und hoheitsvoll, wie ein General in Hitlers Armee und sagte mit einer schneidenden Stimme: "Bis ich zurück bin, will ich die Meersau nicht mehr sehen." In diesem Moment erwachte die leise Hoffnung in mir, es ist nichts passiert. Aber das änderte sich in der nächsten Sekunde, als er sagte, was der Meersau passiert, ist nicht so schlimm wie das, was Euch passiert, wenn Ihr noch einmal versucht, meinen Kommandos nicht zu gehorchen, und er hoffe, dass wir daraus gelernt hätten. Nigg und ich mussten in den Garten und Nuschi begraben. Von diesem Tag an wusste ich, dass ich seine Gedanken erraten konnte, und sie fast in denselben Worten artikulieren konnte, die er benutzte. In diesem Moment glaubte ich auch, er müsse Gott ähnlich sein, da er sich das Recht gab, 'Leben zu nehmen'.

 

  

Saure Milch  

 

Hoffentlich komme ich nicht zu spät. Warum machen die auch samstags die Molkerei um zwölf Uhr dreissig zu, und warum ist die Schule samstags erst um zwölf aus? Schnell, ich muss nach Hause, die Milchkanne holen und dann zur Molkerei. Warum bezahle ich die Milch nicht wie andere Leute, gleich wenn ich sie kaufe? Immer muss ich sagen, meine Mutter bezahlt später. Die Milchfrau sagt nie etwas, weil sie weiss, die haben ja ein Geschäft, die haben ja Geld. Aber mir war es immer so peinlich. Gott sei Dank, ich habe es gerade noch geschafft. Das wäre eine Katastrophe geworden, wenn keine Milch übers Wochenende im Hause gewesen wäre. Schnell nach Hause, ich habe den Deckel der Milchkanne vergessen, und es fängt an zu regnen. Die Buben sind nicht zu Haus, wahrscheinlich schon wieder fischen, und wir werden doch von jemandem um dreizehn Uhr abgeholt, und wir werden von jemandem um dreizehn Uhr abgeholt.

Ich hatte samstags Dienst an der Tankstelle und Nigg in der Werkstatt. Ich stellte die Milchkanne schnell in die Küche auf den Spülstein und rannte zum Wasser. Die Kirchturmuhr schlug dreiviertel eins, die Buben sind nicht beim Buser am Wasser, vielleicht beim Lembeck. Ich rannte so schnell ich konnte. Das Gewitter war voll im Ort, und es regnete in Strömen, blitzte und donnerte zugleich. Da sind sie. Ich rief, schnell, kommt, wir müssen nach Nördlingen. Völlig durchnässt und kalt rannten wir den gleichen Weg zurück. Nigg versteckte auf dem Weg nach Hause beim Stadtmüller seine Angelrute, und dann waren wir eine Minute später im Hof.

Schock - der Opel-Kapitän ist da, das heisst der Alte ist da. Was sagen wir, wo wir herkommen, weil es ja ein Uhr dreissig ist und wir zu spät? Wir hatten keine Zeit mehr eine Geschichte zu erfinden, da wir schon den verhassten Pfiff hörten und wussten, er hat uns gesehen. Langsam, wie geprügelte Hunde, gingen wir die Treppe nach oben, und da stand "Er".

Er sagte nur, komm mit, packte mich beim Arm, schleuderte mich in die Küche, zeigte auf die Milchkanne und fragte mich, was ist das? Mein Gehirn arbeitete auf Hochtouren, und ich zitterte aus Angst und weil ich völlig durchnässt und kalt war.  Als ich nicht antwortete, zeigte er mir die Milch in der Kanne, und die Milch war gestockt vom Gewitter. Jetzt fiel mir ein, dass ich vergessen hatte, sie in den Steinkrug zu giessen. Da war es - kalt, nass und sauer riechend. Er schüttete die drei Liter saure Milch über meinen Kopf, und ich stand wie versteinert vor Schock und hörte nicht einmal als er sagte, raus in die Waschküche!  Auf dem Weg in die Folterkammer betete ich immer, Lieber Gott, lass' ihn die Treppen hinunterfallen und das Genick brechen oder lass' mich sterben.

Als ich feststellte, dass er statt des Gummischlauchs eine Schere in der Hand hatte, war ich total konfus. Er sagte, ich lehre Dich Respekt vor Dingen, die Geld kosten. Er schleuderte mich auf einen Stuhl, band mir die Hände auf den Rücken an die Stuhllehne und drohte mir, mich ja nicht zu bewegen. Dann fing er an, Büschel für Büschel wie ein Irrer meine Haare abzuschneiden.

Als die ungleichen Büschel Haare, lange und kurze, nass und verklebt von der sauren Milch, auf den Boden fielen, fühlte ich mich auch so, wie er mich immer nannte, ein Stück dummen Dreck. Dabei schrie ich vor Angst, weil er manchmal meine Kopfhaut mit der Schere verletzte. Irgendwann hörte er auf zu schneiden, und ich spürte kaltes Wasser, das aus dem Wasserschlauch kam. Als "Sie" sah, was geschehen war, fing sie an zu weinen und sagte zu ihm in kleinlauter Stimme, das wäre doch nicht nötig gewesen. Zu mir sagte sie mit bedauernswerter Stimme, das kommt davon, Du vergisst immer die Milch in den Steinkrug zu schütten.

Der eigentliche Schock kam als ich mich im Spiegel sah und wusste, so musste ich in die Schule und ins Geschäft. Er erlaubte mir nicht einmal ein Kopftuch zu tragen. Ich hatte stellenweise eine Glatze, kurze und lange Haare. So hatte ich mir immer eine Hexe vorgestellt.

 

 

  

Das Halskettchen 

 

Bebo wartete auf mich auf der Holzbrücke als ich aus der Schulgasse kam. Er kam näher als ich die Steinbrücke erreichte und flüsterte. Ich hab' was für Dich, komm' gleich ins Wehr. Das Wehrle war immer ein Platz für Geheimnisse, und es lag unterhalb der Häuser und war schlecht einsehbar. Er rannte voraus, damit niemand uns zusammen gehen sah. Ich ging sehr langsam, und die Angst, dass jemand gesehen haben könnte, dass Bebo zu mir gesprochen hatte, brachte alle Drohungen in über lebensgroßen Bildern "niemand, der etwas auf sich hält, spricht mit einem Halb-Neger."

Neger werden geboren um Sklaven zu sein. Die Amerikaner haben die Neger als Kanonenfutter in ihrer Armee, damit die weiße Rasse geschützt wird. Die Amerikaner selber gehören aber auch nur zur zweiten Klasse der Menschheit, weil sie nicht mehr reinrassig sind. Hitler wusste schon was er tat; er wollte das edle deutsche Volk vom Abschaum der restlichen Menschheit schützen. Wir gehören zur ersten Elite und werden nie mit Untermenschen umgehen. Dem seine Mutter, die Negerschlampe, kann froh sein, einen dummen anständigen Arbeiter gefunden zu haben, der diesen Halbaffen füttert und kleidet. Sollte ich Euch erwischen, dass Ihr mit diesem Halbaffen redet, schlage ich Euch tot. Wie oft habe ich mit Bebo gesprochen? Wie oft muss er mich tot schlagen? Da kommt's auf einmal mehr oder weniger nicht an.

Außerdem glaube ich nicht, dass die dumm und bösartig sind. Bebo war immer sehr anständig und freundlich, ja, er hat mich sogar gestreichelt, als er meine Wunden vom Gummischlauch am Rücken sah. Und außerdem geht die braune Farbe nicht ab und bleibt auf der weißen Haut nicht kleben. Seine Mutter hat ja auch keine braune Flecken, warum sagen dann alle Neger-Schickse zu ihr, und was ist das überhaupt? Und noch einmal, außerdem, ich finde seine braune Haut schön wie Samt.

Beim Wehrle angekommen, noch einmal nach allen Seiten umschauend, rannte ich die zehn Steintreppen hinunter. Was ist los? Schnell, bevor jemand kommt!  Bebo erzählte mir, dass, wenn die Schule nächste Woche zuende ist, er nach München geht und als chemischer Laborant eine Stelle antritt. Das war ein Schock. Jetzt habe ich niemanden mehr. Er sagte weiter, dass ich stark sein solle und noch zwei Jahre durchhalten, dann wäre ich mit der Schule fertig und schon vierzehn. Dann würde er mich holen, damit mein Vater mich nicht mehr schlagen könnte. Ich wurde sehr traurig, aber ich konnte schon lange nicht mehr weinen. Dann zeigte er mir ein schönes feines goldenes Halskettchen mit einem Kreuz. Das ist das einzige, das meine Mutter von meinem Vater bekommen hat und jetzt mir gehört. Danach legte er es mir an und sagte, ich möchte es Dir geben, Du warst der einzige Mensch außer meiner Mutter, der nett und gut zu mir war. Halb traurig, halb stolz steckte ich es unter meinen Pullover und rannte so schnell ich konnte nach Hause.

In der Hofauffahrt stand der neue hellblaue Wartburg, und ich glaubte mein Herz stünde für Sekunden still. Schnell fasste ich mich und ging ins Haus und die Treppen hinauf. In der Küche stellte ich fest, dass ich nur zehn Minuten zu spät war, und ich würde schon eine gute Ausrede finden. Da hörte ich den nervtötenden Pfiff, der aus dem Wohnzimmer kam. Oh Gott, hilf mir, ich bin doch nur zehn Minuten zu spät. An der Wohnzimmertüre hörte ich eine zweite Stimme, ein Stein fiel mir von meinem Herzen.

Danke Gott, es wird nichts passieren, es ist ja jemand da. Vorsichtig klopfte ich an, und seine militärische Befehlsstimme sagte: "Komm' rein'" Langsam öffnete ich die Tür einen Spalt und fragte, hast Du gerufen? Er riss die Tür auf und stellte sich mit den Fäusten in der Hüfte vor mich und brüllte: "Da ist die Negerhure." Für Sekunden wusste ich gar nicht, wen er meinte. Das Wort Neger kannte ich, das Wort Hure hörte ich zum ersten Mal.

In einem Bruchteil einer Sekunde wusste ich, dass das Schlimmste sein musste. Zur gleichen Zeit sah ich eine Hand, die auf meinen Hals zuging, und da war auch schon der Schmerz. Er drosselte mich mit der einen Hand, und mit der anderen riss er mir das Halskettchen herunter. Er schlug mich mit der Faust auf den Kopf, und ich taumelte benommen rückwärts und fiel auf den Boden, nur ein paar Zentimeter von der Treppe entfernt. Ich hörte wie die Wohnzimmertüre zufiel und wieder aufging. Er tobte wie ein Wahnsinniger und schrie; "Bist Du noch immer da? Geh' zum Teufel!" Ein Fußtritt war genug, ich fiel alle Treppen hinunter. Die Angst, er könnte nachkommen war so groß, dass ich die aufkommende Ohnmacht unterdrückte und rannte. Ich rannte zum Wehrle und versteckte mich bis zum nächsten Morgen.

 

 

Der Mordplan 

 

Es war einer von den typischen Abenden, an denen ich mich mit Nigg gestritten hatte, und Hans natürlich hatte Niggs Partei ergriffen. Ich konnte es einfach nicht mehr ertragen, dass ich für meine Geschwister verantwortlich war und die mir durch ihre wilde Unart auch noch das Leben schwer machten. Wenn ich alles sauber hatte, machten sie es schmutzig.

Da ging mir das Temperament durch, und ich verdrosch zuerst Hans, und dann wollte ich auf Nigg losgehen. Der aber wehrte sich, er war auch stärker. So fing eine böse Schlägerei an, bis ich nach dem Küchenbesen griff und den Stiel als Waffe benutzte. Ich traf ihn hart, aber er schlug noch immer zurück, bis der Stiel dann endlich an seinem Arm zerbrach. Der Arm schwoll in Sekunden an, und Nigg hatte starke Schmerzen. Es tat mir auch im gleichen Moment leid, und wir versuchten zusammen, die Schwellung durch kaltes Wasser zu stoppen. Dann kehrte endlich Ruhe ein. Wir saßen am Küchentisch und fingen an über unser Kinderleben nachzudenken. Je mehr wir redeten wurde uns klar, dass es keinen Sinn hatte, was immer wir auch taten, wir mussten zusammenhalten.

Seit längerer Zeit gingen wir sehr spät ins Bett, da, egal wenn der Alte nach Hause kam, er immer einen Grund fand uns aufzuwecken und je nach Mut uns auch mitten in der Nacht zu verprügeln. Wir redeten zum ersten Mal miteinander über unsere Ängste. Hans würde meistens von ihm verschont, da er zwei Jahre jünger war und der Liebling der Alten. Für ihn setzte sie sich ein und schob Nigg und mir die Schuld zu. Nigg erzählte mir wie er immer die Automarken ausmachte, wenn er im Bett lag, die in die Nähe des Hauses kamen um festzustellen, ob es die Alten waren.

Ich tat das gleiche, nur ausführlicher. Immer wenn ich die Automarke am Motorengeräusch erkannte, wartete ich, ob die auch wirklich in den Hof auffuhren. Dann fing ich an zu zittern. Jetzt schließen sie die Türe auf, jetzt kommen sie die Treppe nach oben, jetzt sind sie in der Küche. Ich hielt die Luft an und horchte, ob ich verstehen konnte, was sie sagten. Das waren immer Minuten solang wie die Ewigkeit. Wurden dann die Stimmen lauter, wusste ich, dass kurz darauf immer der verhasste Pfiff folgte und wir wie die Soldaten antreten mussten, um für was auch immer 'unsere gerechte Strafe zu empfangen'.

Manchmal wussten wir garnicht warum und fragten. Er sagte immer nur, raus, in die Waschküche, ich komme nach, und Du weißt schon warum. Er erklärte nie und wenn, dann hinterher. In der letzten Nacht haben wir alle drei die Prügel bekommen für etwas, was wir gar nicht getan hatten. Er prügelte uns für die kaputte Fensterscheibe im Laden, der im Erdgeschoss des Hauses war. Er fragte Nigg zuerst und Nigg sagte ihm, dass es der Rieder Wolfi gewesen sei. Alles was er daraufhin sagte war, Du lügst. Dann fragte er mich, und ich sagte dasselbe, Hans ebenfalls, Er brüllte verlogene und feige Bälger, und wir mussten noch einmal einer nach dem anderen mitten in der Nacht in die Waschküche.

Heute fassten wir den Entschluss, dass wir etwas unternehmen müssen, da wir von niemand Hilfe bekamen, ja nicht einmal von unserer Mutter. Zuerst suchten wir einen Ausweg durch Ausreißen. Es war wohl klar, dass wir von der Polizei dann wieder nach Hause gebracht werden und der Zirkus von vorne anfing. Also blieb nur noch eins, der Alte musste verschwinden, aber wie? Nigg machte den Vorschlag, die Bremsen an seinem Mercedes anzufeilen, dann würde er sich derrennen.

Das war nicht gut. Das konnte jeder Mechaniker hinterher feststellen. Welche Möglichkeit hatten wir noch? Vergiften war zu riskant, der Alte ist ein Satan und überlebt es letztendlich noch. Wir wussten einfach nicht wie. Nigg machte den Vorschlag, die große Axt über der Türe zu präparieren, so dass sie, wenn er die Türe öffnet, ihn erschlägt. Das ging auch nicht, weil, wenn die Alte die Türe zuerst öffnet, trifft es sie. Da würde es aber auch keine Unschuldige treffen, meinte Hans. Aber das Problem sei dann wieder nicht gelöst. Wir planten weiter, aber was wir auch erfanden, schien nicht ohne Probleme zu gehen. Wir trösteten uns, dass uns in den nächsten paar Tagen sicher etwas absolut Sicheres einfallen würde und wir nur noch ein bisschen durchhalten müssten. Die Hoffnung allein half mir zu glauben, dass der Alte bald nicht mehr da wäre, und ich konnte weitere Attacken seinerseits besser überstehen und auch die Tatsache, dass wir anfingen, wenn auch langsam, uns gegenseitig das Leben nicht noch schwerer zu machen.

Wir lebten zwar in einem Haus zusammen, hatten aber nie eine Geschwisterbeziehung wie andere Kinder, da wir ständig beschäftigt waren uns selbst zu verteidigen und zu arbeiten. Wir hielten nur zusammen, um uns gegen unseren gemeinsamen Feind (unsere Eltern) zu wehren. Spielen mit Puppen oder andere Spiele waren laut meiner Mutter Unsinn, Zeitverschwendung und nur für faule Kinder. Wir blieben nie sitzen, wenn unsere Eltern den Raum betraten, da immer das erste Wort war, habt Ihr nichts Besseres zu tun als rumzulungern? Und dann folgte eine Liste von Dingen mit Zeitangabe, die zu erledigen waren. Ihr Lieblingsspruch war, ich werde Euch gleich die Faulheit austreiben. Ständig waren wir auf der Hut. Als wir etwas älter wurden, fanden wir Wege, uns ein bisschen Zeit zu stehlen und wenn es sein musste mit Lügen.

Es war sonderbar: Mein Vater war nie mit der einfachen Wahrheit zufrieden. Wenn etwas Simples passierte, mussten wir eine Geschichte, die schwerer wog als die Wahrheit daraus machen. Manchmal halfen uns dann diese Lügen keine Prügel zu bekommen. Er hatte einen Hang zur Dramatik. Hitlers Aufmärsche und seine für ihn

überzeugenden Reden waren sein Leitfaden. Selbstverständlich auch die Aktionen, die mit Gewalt zum "glorreichen" Ziel führten. Mir hängen heute noch seine Worte in den Ohren. Man muss, wenn man ein Ziel erreichen will, alle, die einen daran hindern wollen, aus dem Weg räumen.

Er hoffte sogar, dass bald ein neuer Mann wie Hitler Deutschland führen würde, um das geniale und außerordentliche Werk des Führers zu vollenden. Ich hörte diesen speziellen Unterhaltungen genau zu und registrierte, dass niemand an dem Tisch mit ihm übereinstimmte. Immer wenn er etwas zu sagen hatte, tat er es im Befehls- oder in einem drohenden Ton. Sollte er bei Gelegenheit einmal Witze gemacht haben, waren sie rassistischer und sarkastischer Natur, und er erwartete, dass man sie verstand, damit übereinstimmte und lachte. Wer sie nicht verstand, war entweder ein ungebildeter Pöbel oder nicht von der Weltelite.

Immer und immer wieder musste ich das gleiche hören, aber umso mehr ich hörte, desto mehr wuchs meine Aggression gegen ihn und seine Lebensphilosophie. Selbstverständlich hatte ich damals kein besseres politisches Bild um zu vergleichen, aber ich fühlte, dass das nicht die wahre Einstellung zum Leben sein konnte. Ich verabscheute jede Art geistiger und körperlicher Gewalt, weil ich sie in allen Details kannte und täglich zu spüren bekam.

 

  

Sprich nicht drüber  

 

Warum haben die die schönen Betten von Opa und Lella weggeschmissen und diese blöden gekauft? Und warum musste Opa aus seinem Haus, der hat doch das Stadthaus und das Haus am Bahnhof gebaut?  Ich will nicht, dass die jetzt in Lellas Schlafzimmer schlafen. Na wenigstens ist da ein großer Spiegel. 

Ich stellte mir vor, wo mein Kinderbett aus schönem Drahtgeflecht mit Rosen aus gehämmertem Eisen stand. Opa hatte es zu Weihnachten neu gestrichen, türkis, und die Rosen in Gold. Wie klein war ich damals und heute wächst mir eine Brust. Heidi hat mir ihren BH zum Anprobieren geliehen, aber der passt nicht. Heidi ist fett, aber ich brauch' vorne mehr Platz und viel weniger wo man zumacht.

Sie stand in der Türe, ich habe kein Auto kommen hören. Was macht die zu hause? Jedesmal, wenn ich sie oder ihn überraschend sehe, habe ich Angst und gerate in Panik. Die Alte grinste und sagte: "So, meine Tochter braucht also einen BH?" - Bitte sage niemandem etwas! Sie hörte garnicht hin und sagte, mach Dich fertig für's Geschäft.

Margit, unsere Sekretärin, hatte eine Überraschung für mich. Sie schenkte mir ihren wunderschönen gelben Spitzenpettikot. Das war das schönste Geschenk außer meinem roten Ball mit weißen Tupfen, das ich je bekommen hatte. Die Freude stand mir im Gesicht und unsere Kunden sagten: "Die Traudl kann ja lächeln."

Gerne hätte ich es allen Menschen gesagt, aber unsere Kunden waren ja Männer, und mit denen spricht man über solche Sachen nicht, ich würde mich zu sehr schämen.  Als Herr Hering, der Fahrschullehrer zum Tanken kam, sagte er zum ersten Mal nicht "Du armes Mädchen", weil ich lächelte. Schnell tankte ich voll und wusch seine Scheiben und ging, um es in seine Tankkarte zu schreiben. Durch die Glasscheibe sah ich, wie meine Mutter über mich redete.  Als ich durch die Tür kam, sagte sie: "Sag' dem Herrn Hering, was Du schon brauchst."

Ich wollte in diesem Moment sterben vor Scham. Als ich nichts sagte, erzählte sie, wie sie mich vor dem Spiegel beobachtet hatte und dass ich schon einen BH brauchte. Gott sei dank, er hat nichts dazu gesagt und ging mit der Entschuldigung, dass er einen Schüler abholen müsste.

Das gleiche wiederholte sich mit Herrn Hermes. Als das Geschäft am späten Nachmittag etwas nachliess, setzte ich mich hinter die Werkstatthalle und fing an leise zu fluchen. Fluchen war besser als weinen, das sieht man nicht an den Augen. Sie ruft mich und tobte, weil sie mich nicht gleich finden konnte. Sie wollte mich vor Ladenschluss zum Steingass fahren und einen BH kaufen. Ich bettelte, doch keinen zu kaufen, weil ich mich so schämte. Unsinn, sagte sie, wir kaufen einen, der zum gelben Pettikot passt.

Ich war etwas überrascht, aber dann doch froh, weil ich dann Heidi meinen BH zeigen konnte. Hätte ich geahnt, warum sie mir den BH kaufen wollte, wäre ich vor Scham gleich gestorben. Nicht nur, dass sie allen, die sie im Kaufhaus kannte, erzählte, was wir heute einkaufen, ich musste ihn auch noch vorführen.

Sonntag Morgen, mein Vater lag noch im Bett. Sie wollte, dass ich meinen Pettikot und den BH anziehe, darüber Rock und Bluse. Dann musste ich ins Schlafzimmer und es meinem Vater vorführen, tanzend auf dem Holm am Fussende des Bettes. Mein Sträuben hatte keine Wirkung. Sie meinte, Du willst doch, dass Dein Vater bei guter Laune ist, also los. Ich tanzte auf dem schmalen Bett auf und ab, als sie sagte, zieh' Deine Bluse dabei aus und zeige, was Du bekommen hast.

Immer, wenn ich in einer ausweglosen Situation war, tat ich so, als wäre ich nicht ich und gehorchte. Sie redeten etwas, aber ich hörte sie nicht. Dann sagte sie, jetzt zeige auch noch den Pettikot. Wieder schaltete ich ab und gehorchte. Meine Mutter ging aus dem Bett, und ich sprang vom Bettrand. Sie fasste meinen Arm und führte mich auf die Seite des Bettes, wo mein Vater lag und sagte: "Sie wird ein schönes Mädchen."

Dann stieg er aus dem Bett, kam näher und sagte, zieh' den BH aus, ich will sehn wie groß die sind. Wieder schaltete ich ab und tat wie mir befohlen. Als er aber meine Brüste anfasste, wehrte ich mich, und der Hass wurde von Sekunde zu Sekunde größer. Da hörte ich die alte fette Sau sagend: "Sei nicht so genant, es ist doch Dein Vater."

Zuerst begrapschte er mich, und dann beglotzte er mich. Dann sagte er: "Sie wird nicht perfekt. Die Brustwarzen sitzen zu tief, und ihre Beine sind zu kurz." Das Grinsen im Gesicht meiner Mutter verschwand, und sie schickte mich aus dem Schlafzimmer. Halb nackt wie ich war, rannte ich aus der Türe, und da stand Lutz. Jetzt hat der mich auch noch so gesehen. Aus Angst und Panik wurde mir schlecht, und ich übergab mich den restlichen Tag, was natürlich keine Entschuldigung war nicht Tankstellendienst zu tun.

Ich fragte mich manchmal, wie und warum ich diese Demütigungen ertrug. Fing ich auch schon an, Unrecht für Recht zu halten?  Dabei stellte ich fest, dass immer, wenn ich eine auswegslose Situation durchlebte, ich es wie ein Zuschauer im Theater erlebte. Das war nicht ich, die das alles ertrug, es war mein zweites "Ich". Mein zweites Ich war mein seelischer Schutz. Es litt und ertrug für mich schamvolle Situationen, Schläge, sogar die sexuellen Belästigungen. Ich konnte kontrolliert mein zweites Ich in Konfliktsituationen hervorrufen, was ich abschalten nannte. Dann stellte ich mir teilweise vor, dass, wenn ich mich schützen wollte, ich mein zweites Ich pflegen und zu meinem Schutz öfter hervorrufen musste.


 

10  Die Bootsfahrt  

 

Es war der 27. März und mein Geburtstag. Sehr früh hörte ich den Alten mit meiner Mutter streiten. Das war ja nichts neues, aber dass der Alte, der sich nie die Finger schmutzig machte, die Küche streichen wollte, brachte mich fast zum Kichern.

Mir verging das Kichern, da er es heute machen wollte. Geburtstage wurden sowieso nicht gefeiert oder registriert, aber ich hatte mit Heidi ein Zeichen ausgemacht, wann sie mich abholen konnte. Sie wohnte nur fünf Häuser weiter und konnte von ihrem Zimmer das Schlafzimmerfenster meiner Großmutter sehen. Immer wenn die Luft rein war, stellte ich etwas Rotes ins Fenster. Wir wollten ins Schwimmbad gehen und Heidi sagte, sie hätte eine Überraschung für mich. Es war noch nicht 7 Uhr als die Alte das Haus verließ und der Alte seine Kommandos gab die Küche auszuräumen. Ständig schaute ich auf die Uhr und fragte Nigg, ob er mir helfen wollte, damit ich Heidi im Schwimmbad treffen könnte. Wir arbeiteten wie die Ameisen, wuschen alle Möbel ab, und dann schrubbte ich den Fußboden. Es war 2 Uhr nachmittags, und wir hatten noch nichts zum Frühstück oder Mittagessen gehabt. Mir war es fürchterlich schlecht, und ich war völlig erschöpft von dem schweren Möbel Heben und putzen.

Wenn ich jetzt etwas sage, dann sagt er später, wenn ich fort wollte, ich dachte Dir ist's schlecht, also hielt ich meinen Mund. Keine Ahnung wie Nigg es schaffte, aber er sagte, schnell beeil' Dich, der Alte hat ja gesagt, aber Du musst in einer Stunde zum Kochen wieder zurueck sein. Das lohnt sich doch gar nicht, ich brauche ja schon zwanzig Minuten ins Bad und zwanzig zurück. Nigg sagte geh und sei froh, dass er Dich überhaupt mal weglässt, komm', ich fahre Dich mit meinem Fahrrad zur Wörnitz, das unser Schwimmbad war. Er hatte sogar meinen Bikini mitgebracht.

Im Schwimmbad angekommen stellte ich fest, dass Heidi und meine anderen Schulfreundinnen nicht mehr da waren. Ich blieb trotzdem, um ins Wasser zu gehen. Nigg versprach mir, mich um dreiviertel wieder abzuholen. Da kamen die drei großen Buben im Boot und fragten, ob ich ein bisschen Boot fahren wollte. Ich fühlte mich geehrt und erzählte ihnen, dass ich heute Geburtstag hatte, und sie paddelten die Wörnitz hinauf. Wir müssen wieder umkehren, ich muss um vier Uhr zu Hause sein. Es ist doch Dein Geburtstag. Wir zeigen Dir etwas Schönes, dann fahren wir wieder zurück. Aber zuerst musst Du uns Deine Brüste zeigen. Da war's wieder, das zweite Ich, das immer nachgab, damit mir nichts passiert, aber diesmal wollte ich nicht die zweite Traudl sein und wehrte mich. Der größte von allen stand auf und schaukelte das Boot. Schnell überlegte ich, ob ich es schaffen würde, ans Ufer zu schwimmen, aber letztes Jahr ist ein großer Junge in den Schlingpflanzen hängen geblieben und ertrunken. Als der große Junge mir mein Bikinioberteil herunterriss und sich auf mich legte, kippte das Boot. Im Wasser hatte ich zwei Möglichkeiten, den Fluss abzuschwimmen oder direkt ans Ufer. Ans Ufer konnte ich nicht, wen ich ja nicht nackig zu meinen Kleidern rennen konnte. Jeder auf der Strasse konnte mich dann sehen. Es war mir unmöglich, die ganze Strecke zurückzuschwimmen, also schwamm ich vorsichtig und sehr nahe am Ufer.

Einige Male blieb ich in den Schlingpflanzen hängen. Die Angst, zu spaet nach Hause zu kommen, war aber größer als zu ersaufen. Erschöpft krabbelte ich ans Ufer, suchte meine Kleider und zog mich schnell an. Dann fing ich an zu rennen und zu beten. Ich wusste nicht, warum mir schlechter war, vor Angst oder weil ich den ganzen Tag nichts gegessen hatte.

Auf halbem Weg sah ich Nigg mit dem Fahrrad kommen, der mir entgegenschrie: "Schnell, der Alte führt sich auf wie ein Wahnsinniger!" Nigg radelte mit mir auf dem Gepäckträger was er konnte, und da stand "er" - auf der Steinbrücke. Er riss mich vom Fahrrad und fing wie ein Irrer an auf mich einzuprügeln. Mir wurde mehrere Male schwarz vor den Augen, und ich fiel hin, aber jedes Mal, wenn ich wieder aufstand, schlug er weiter. Er schlug mich buchstäblich von einem Ende zum anderen Ende der Brücke, bis ich ohnmächtig liegen blieb.

Es kniete eine Frau neben mir, als ich wieder zu mir kam, Nigg war auch da. Sie brachten mich nach Hause, und die Frau wollte mit meinem Vater reden. Er warf sie aus dem Haus und knallte die Haustüre zu. Dann wieder der berühmte Pfiff, und dann das Kommando in die Waschküche. Er schlug mich, bis das Blut an meinen Beinen runterlief und ließ mich auf dem Betonboden liegen. Wie in Trance rannte ich die Treppen zum Garten hinauf, kletterte über das Gartentor über den Pfarrweg zum Kriegerdenkmal. Selbst da fühlte ich mich noch nicht sicher, aber ich konnte nicht mehr weiter. Alles schmerzte und mir war's schwindlig und schlecht. Ich weiß noch, dass ich über die kleine Mauer kletterte und vorsichtig an dem steilen Burghang entlang der Mauer auf die mannshohen Brennnesseln zu. Irgendwann hörte ich die Kirchturmuhr schlagen und wachte auf - es war finstere Nacht.

Angst war mein zweiter Gedanke. Die Angst vor den Gespenstern auf der Burg war nicht so groß wie die Angst, dass der Alte plötzlich auftauchte. Vorsichtig stand ich auf. Vor lauter Schmerzen spürte ich gar nicht, wie ich von den Brennnesseln gestochen wurde; ich fühlte nur, dass alles, auch mein Gesicht, geschworen war. Langsam und in der Hocke rutschte ich den siebzig Prozent steilen Burghang hinunter und erreichte die Strasse und das große Tunnel. Ich hatte eine riesige Angst vor den zwei Tunnels, weil da fast keine Möglichkeit war zu Fuß durchzugehen. Es war gerade genug Platz für sich begegnende Autos.

Was tun? Wenn ich durch die Stadt ging, war es möglich, jemandem zu begegnen oder sogar der Alte suchte mich. Niemals würde er mich auf der großen Strasse vermuten. Also keine Chance, ich musste durch^s Tunnel. In der Nacht fahren sowieso fast keine Autos, vielleicht schaffe ich es ohne totgefahren zu werden. Ich horchte, ob ich ein Auto kommen hörte. Es war Totenstille, Dann rannte ich los. Ich rannte die achthundert Meter in dem dunklen Tunnel, als wäre der leibhaftige Satan hinter mir her. Ich schaffte das Ende als ich ein Auto hörte. Mit einem Satz sprang ich ins Gebüsch. Ich konnte ja im Dunkeln nicht genau sehen, was es war, aber ich spürte es gleich, dass es eine Windrosen­hecke war. Das Auto war vorbei, aber ich hatte noch den kleinen Tunnel mit zweihundert Metern vor mir, das war nicht mehr so schwer. Dann rannte und rannte ich bis ich die Lichter von Ebermergen sah, als ein Lkw anhielt und mich fragte, ob er mich mitnehmen könnte, er führe nach Donauwörth.

Da fiel mir ein, dass Hassan und Fatima dort wohnten, irgendwo oben auf dem Berg in einem gelben Haus. Der Mann brachte mich mit dem Lastwagen dorthin, obwohl es ein sehr schmaler Feldweg war. Da erfuhr ich, dass Hassan umgezogen ist. Der Mann in seinem Haus war auch Türke und verstand nur Hassan und Fatima. Der Mann im Lkw musste weiter, und ich stand da, nachts um ein Uhr, und wusste nicht weiter. Der türkische Mann weckte seine Frau, die dann an die Haustüre kam. Sie redeten miteinander, und sie nahm mich bei der Hand und holte mich ins Haus. Als ich dann in einem Zimmer war, wo zwei Kinder auf der Couch schliefen, sah sie mich an und schlug beide Hände vor's Gesicht. Sie brachte ein nasses Tuch mit Essig getränkt und tupfte mein Gesicht ab und zeigte mir, ich sollte meine Hände darin einwickeln. Ihr Mann hatte sich angezogen, zeigte mir einen Autoschlüssel und sagte: "Hassan, Hassan?" Er brachte mich zu Hassan.

Als Hassan die Tür öffnete und mich sah, sagte er: "nicht in mein Haus kommen, Dein Vater viel Ärger machen und ich zurück nach Türkei. Bitte, Du nach Hause gehen." Der andere türkische Mann schob schimpfend Hassan auf die Seite und zog mich ins Haus, Er machte Licht und zeigte Hassan mein Gesicht und meine Hände und deutete ununterbrochen auf meinen Rücken. Nach ein paar Minuten stand Hassan auf und führte mich ins Bad. Er ließ die Wanne vollaufen. Da spürte ich, dass er seine Meinung geändert hatte. Er schüttete irgendwelche Kräuter ins Wasser, brachte mir ein Nachthemd und sagte, ich sollte solange wie möglich im Wasser bleiben.

Langsam aber sicher fühlte ich mich in Sicherheit. Als er aus dem Bad war, zog ich mich aus, und dann sah ich, was der andere türkische Mann meinte, und ich verstand die bedauernswerten Blicke des Lkw-Fahrers. Das heiße Wasser war gut, und es brannte an den offenen Wunden, alles tat weh, und meine Knochen waren wie mit Blei gefüllt. Hassan klopfte an die Tür, ich solle jetzt herauskommen, er habe mein Bett fertig. Ich war so erschöpft, dass ich das liebgemeinte Memele mit Toast fast nicht essen konnte. Ich schlief auf der Stelle ein.

Hassan weckte mich, gab mir ein Glas Tee und einen Toast. Er sagte, wir müssen zum Doktor. Nein, sagte ich sehr bestimmt, und erinnerte mich, als ich das letzte Mal im Krankenhaus war.

Hassan erzählte mir, dass Fatima im Krankenhaus ist und einen Sohn bekommen hat. Fatima hat gesagt, Du musst zum Doktor. Als er meinen Widerstand sah, gab er auf und holte Verbands­zeug und reinigte meine Wunden am Rücken, im Gesicht und an den Händen. Dabei erzählte er mir, dass er Sanitäter bei der türkischen Armee war, und ich brauchte mich nicht zu schämen. Er sah auch meine geschwollene Hüfte und Oberschenkel, wo sich langsam Blutergüsse abzeichneten. Er gab mir eine Schüssel Wasser mit irgendwas Scharfem drin, legte ein kleines Handtuch hinein und sagte, ich solle damit Umschläge machen.

Am dritten Tag fühlte ich mich besser, und er merkte das auch. Er fragte mich, ob er meine Mutter anrufen sollte. Nein, wenn Du das tust, gehe ich gleich. Hassan beruhigte mich und sagte, er würde warten, bis ich bereit wäre. Von diesem Moment an plante ich schon meine weitere Flucht, aber wohin? In der dritten Nach hörte ich ein Geräusch, ich schlief ja schon seit Jahren im halbwachen Zustand, immer bereit für Überraschungen.

Hassan kam ins Zimmer und setzte sich ans Bett. Er fragte mich, ob ich wüsste, das er gut zu mir war. Ich dankte ihm noch einmal. Dann fragte er mich, ob ich auch gut zu ihm sein wollte, und er es mit mir machen dürfte. Mir wurde schlecht vor Angst. Ich versprach ihm, lieber das Haus zu putzen, zu waschen und bügeln, aber bitte nicht das. Er schimpfte mich, ich sei undankbar, und er würde meinen Vater sofort anrufen. Mein anderes Ich gab nach, und ich fühlte mich so schmutzig und wehrlos wie zwei Tage zuvor. Ich hasste mich selbst, aber es nützte nichts. Am nächsten Morgen war meine Mutter da mit verheulten Augen und tat so, als wäre das, was mir geschehen ist, das erste Mal. Ich hätte ihr gerne ins Gesicht gespuckt.

Ein paar Tage später sah ich die Jungens von der Bootsfahrt wieder, aber einzeln. Ich hatte mir eine Stunde Freiheit gestohlen, natürlich durch eine Ausrede und bin alleine auf die Burg gegangen, die mir mehr und mehr als eine Festung war. Ich fühlte mich dort immer beschützt. Es war schon später Nachmittag, und ich war auf dem Weg nach Hause, als ich einen der Jungens wieder sah. Zuerst wollte ich nicht mit ihm sprechen, aber er überzeugte mich, dass es ihm sehr leid täte, was geschehen war. Es wussten anscheinend alle im Ort. Wir setzten uns aufs Kriegerdenkmal. Es war auch der Name meines Onkels mit auf dem Gefallenen- Gedenk­stein. Er erzählte, dass er sich in mich verliebt hätte, und ich hätte eine gute Figur. Von da an weiß ich nur noch, dass ich von ihm vergewaltigt wurde, und hinterher auch noch eine Schlampe genannt.

Zwei Tage später, es war schon neun Uhr abends, als ich von jemand aus der Tankstelle nach Hause gebracht wurde und an der oberen Strasse abgesetzt. Ich nahm eine Abkürzung durch den Friedhof nach Hause. Kurz vor dem Friedhof war ein anderer der drei Jungens von der Bootsfahrt. Er fragte mich, ob ich keine Angst hätte, im Dunkeln über den Friedhof zu gehen. Aber ich hatte keine Angst, dort war ja meine Lella begraben. Das sagte ich ihm aber nicht, sondern verneinte nur seine Frage.

Er bot mir an, mich nach Hause zu begleiten, aber ich wollte nicht und ging weiter. Er folgte mir trotzdem und sagte mir, dass der Heinz ihm erzählt hätte, dass wir es zusammen getrieben hätten. Mir wurde himmelangst, aber ich sagte nur, dass der Heinz lüge. Als wir dann in der Nähe der Leichenhalle waren, passierte es. Alles, an was ich mich erinnerte, war, dass ich immer hoffte, dass meine Lella aus dem Grab kommt und mir hilft. Aber niemand half mir.
Wie immer.

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