Haunting Shadows from the Past                 
by Sieglinde W. Alexander
and other Writings

© 2000-2005 Sieglinde W. Alexander
 

Haunting Shadows from the Past

Other Writings

Book review

About

 

SONNTAGSKIND ODER SCHICKSAL?
Sieglinde Waltraud Alexander
©1993 - 2013 Copyright Office, Library of Congress, Washington D.C. 20559 U.S.A.


 

       

11   Walters Unfall 

 

Es war schon sieben Uhr fünfzehn, als wir in der Tankstelle ankamen. Die Mechaniker standen vor der Werkhalle. Die Alte, wie wir unsere Mutter nannten, stoppte mitten in der Einfahrt und schrie aus dem Fenster, habt Ihr nichts zu tun? Eure Arbeitszeit hat vor fünfzehn Minuten begonnen. Einer der Mechaniker sagte, Walter sei noch nicht da, der hatte ja die Schlüssel. Sie sperrte die Türen auf, ich fing an den Boden zu putzen, und sie versuchte Walter anzurufen - keine Antwort. Dann rief sie Walters Nachbarn an und brüllte ins Telefon, die sollen nachschauen, ob Walter weggefahren ist - kein Erfolg. Sie nahm die Autoschlüssel, fluchte, dem werde ich es schon zeigen, zu spät in die Arbeit zu kommen und fuhr los. Zuvor kommandierte sie, was ich alles erledigt haben musste, bis sie wieder kam.

Sie war zurück, und der Alte (mein Vater) war dann auch da, ich konnte nur hören, dass Walter einen Unfall hatte und seine Frau im Krankenhaus war. Sie sagte, ihm aber ist nicht soviel passiert, er könne, wenn er wolle, arbeiten. Walters Frau wurde nach Nürnberg ins Krankenhaus verlegt, weil ihr Gesicht total von der Glasscheibe zerschnitten war. An einem Samstag nachmittag sagte die Alte zu mir, Du ziehst Dich um und fährst mit Walter ins Krankenhaus und bringst seiner Frau ein paar Blumen und sagst, dass ich auch mal komme, wenn ich Zeit habe. Ich tanzte innerlich vor Freude, aber ich sagte nur ja. Als Walter um vierzehn Uhr mit der Arbeit fertig war, sagte sie noch so scheinheilig zu mir, aber sehr bestimmt, Du bringst Grüsse von der Familie und lässt wissen, wie traurig wir über das Geschehene sind. Vor allem gehorchst Du Walter, Du machst alles was er sagt.

Es war schlimm, wie die Frau von Walter aussah, und sie war doch so schön. Das Gesicht voller Narben und die Nase krumm. Ich erinnerte mich, dass sie immer freundlich war und mir sogar ihren Bikini geschenkt hatte. Gegen Abend verließen wir das Krankenhaus, und Walter fragte, ob ich Hunger hätte. Da fiel mir ein, dass ich ja den ganzen Tag noch nichts gegessen hatte. Die Alte gab mir fünf Mark mit, aber drei Mark hatten ja schon die Blumen gekostet. Nun werde ich schon etwas für zwei Mark zu essen finden. Das brauchte ich nicht. Walter lud mich zum Essen ein. Als wir aus der Gaststätte kamen, war es schon dunkel, und ich machte mir Gedanken, was die Alten denken, denn wir brauchten ja noch zwei Stunden um nach Hause zu kommen. Ich war sehr müde, blieb aber wach. Irgendwo hat Walter angehalten, weil er auf die Toilette musste.

Als er wieder ins Auto stieg, fragte er mich, kannst Du Dich erinnern, was Deine Mutter gesagt hat? Im Moment wusste ich nicht, was er meinte, aber er wiederholte ihre Worte: "Du machst alles was Dir Walter sagt." Es ging mir der ganze Tag wie Windeseile durch den Kopf, und ich konnte nichts Unrechtes an meinem Benehmen finden, was ich ihm auch sagte. Das meine ich auch nicht, sagte er. Was er wirklich meinte, zeigte er mir auch gleich. Dieses Schwein war in Sekunden in meinem Unterhöschen. Ich weiß heute nicht mehr ob etwas geschehen ist oder nicht. Ich weiß nur, dass ich mich mit aller Gewalt gewehrt habe.

Je näher wir nach Harburg kamen, desto weniger fiel mir ein, was ich machen könnte, dass niemand mir den Vorfall anmerkte. Was sollte ich tun? Wir erreichten das Haus und Gott sei Dank, alles war dunkel. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Walter sagte noch, glaube ja nicht, dass Dir irgendjemand glaubt. Deine Mutter kann mich viel zu gut leiden.

Leise schlich ich mich ins Haus und die Treppe hoch. Da hörte ich den Pfiff, und das Licht ging im Schlafzimmer an. Ich klopfte an die Tür und streckte nur meinen Kopf hinein. Wo kommst Du her mitten in der Nacht? Total verdattert glaubte ich, dass die Alte vergessen hatte, ihm zu sagen, wo sie mich hingeschickt hatte. Falsch, die Anschuldigung war, niemand glaubt Dir, dass Du die ganze Zeit mit Walter zusammen warst. Ängstlich und kleinlaut sagte ich, bitte frage ihn doch morgen selbst. Ich war so froh, dass er mir nicht angesehen hat, dass etwas passiert war.

Erleichtert ging ich in mein Zimmer. Das Licht weckte mich wieder auf, es war circa eine Stunde später, und meine Mutter sagte, ich solle ins Schlafzimmer kommen. Oh Gott, hilf mir! Ich musste mich in die Mitte legen, meine Mutter deckte mich mit ihrer Decke zu. Er wollte haargenau wissen, wie der Tag verlief und ob Walter etwas gemacht hätte. Ich erzählte an es sehr ausführlich bis auf den Zwischenfall. Er bohrte und drohte und wollte wissen, was auf der Heimfahrt gewesen sei. Ich log und beteuerte, dass ich den ganzen Weg geschlafen hätte und nichts anderes wüsste.

Jetzt wurde er drohend. Flehend und Hilfe suchend schaute ich meine Mutter an, die nur sagte, Du musst die ganze Wahrheit sagen. Ich werde Dich morgen zu Dr. Fuchs bringen, was mich aber in dieser Nacht nicht rettete. Gut, sagte er. Wenn Du nichts sagen willst, ich werde es herausfinden. Er setzte sich auf, knallte mir eine, schlug die Bettdecke meiner Mutter zurück, spreizte meine Beine und fing an mich zu untersuchen ob ich noch Jungfrau sei. Er befummelte mich mit den Fingern im Schambereich. Ich versuchte mich zu wehren, hatte aber keinen Erfolg damit, also schloss ich die Augen vor Scham und biss auf die Zähne vor Wut. Als er an einer bestimmten Stelle war, fragte er mich, ob dies mir gut täte. Alle meine Antworten waren immer nein, bitte hör' auf. Wenn Du mir nichts sagen willst, muss ich es selbst herausfinden, und er schob mir einen Finger in die Vagina. Da schnappte ich aus und wurde ohnmächtig. Was er herausfand oder nicht, weiß ich heute noch nicht, es wurde nie mehr darüber gesprochen.

Von diesem Tag an empfand ich nur noch Schande und Scham, und ich wollte nie mehr das Gesicht meines Vaters sehen. Sein Verhalten veränderte sich auf eine Weise, die mir mehr Angst machte als Prügel. Er versuchte bei jeder Gelegenheit mit mir alleine zu sein, aber irgendwie schaffte ich es, ihm aus dem Wege zu gehen. Seit dieser Zeit verschloss ich nachts meine Türe, was aber nicht viel half. Wenn die Alte nicht zu Hause war, musste ich ihm immer Fragen beantworten, die sehr peinlich waren und dann zeigen, ob meine Brüste schon gewachsen waren. Er wollte wissen, warum ich ihm nicht erzählt hatte, dass ich schon die Periode hätte. Wenn ich nicht antwortete schlug er zu.

Langsam verlor ich die Balance, die mir sagte was richtig oder falsch war. Mein natürliches Gefühl für Recht und Unrecht wurde durch solche extreme Situationen in Frage gestellt. Dann sagte ich mir, vielleicht bin ich doch nicht so intelligent wie ich glaubte, vielleicht haben meine Eltern wirklich das Recht all dies zu tun. Vielleicht haben Kinder wirklich kein Recht, weil Eltern sie in diese Welt brachten und sie deshalb auch das Recht beanspruchen mit ihren Kindern zu tun was sie für 'Recht' halten. Es wurde mir bewusst, dass Erwachsene ständig nach der sogenannten Wahrheit suchen und sich doch nicht einigen können; wie soll ein Kind dann rissen, was richtig oder falsch ist? Die Gesetze wurden von sogenannten intelligenten Erwachsenen gemacht und sind trotzdem fehl bar und widerlegbar. Wie wichtig kann dann mein 'Gefühl' für Recht und Unrecht sein, wenn jeder glaubt alles zu wissen.

  

12  Ins Rektorat 

 

Rektor Fielechner ermahnte mich zum zweiten Mal, mich richtig auf meinen Stuhl zu setzen. Ich versuchte es, aber es schmerzte zu sehr. Dabei kamen mir die Gedanken und eine Lösung. Immer wenn ich mich über den Waschküchentisch legen und mit meinen Händen am anderen Ende festhalten musste, und er (Vater -OD) immer an meiner linken Seite steht, weil er ja den Gummischlauch mit der rechten hält, immer schlägt er auf meine rechte Seite. Ich war sowieso überall geschwollen vom Treppensturz.

Wie könnte ich einen Unfall für ihn vorbereiten, damit er sich die rechte Hand bricht oder wirklich arg verletzt, damit er mit der linken Hand schlagen muss und somit auf meiner rechten Seite steht? Dann würde vielleicht meine linke Seite mehr abbekommen und meine rechte vielleicht abheilen.

Ich kam nicht mehr dazu einen Plan auszuarbeiten, da der Rex schon neben mir stand und mich mit der Hand auf den Rücken schlug. Ich schloss die Augen, biss mir auf die Zähne und versuchte, die gewünschte Sitzhaltung einzunehmen. Ich hörte hinter mir den Bauer Werner schreien, Herr Rektor, jetzt blutet sie.

Der Rex war ganz schön geschockt, weit er glaubte, er hätte mir etwas zugefügt. Ich musste ins Rektorat, und mehrere Lehrer waren um mich und fragten. Meine Lieblingslehrerin, Frau Böhm, fragte mich, ob ich meine Bluse ausziehen würde und ihr zeigen, wo ich blutete. Ich wehrte mich mit allen Ausreden, es sei nichts, und ich hätte mich nur gestoßen. Ich wusste, wenn die das sehen, gibt's Ärger. Die reden dann mit meinem Vater, und dann gibt's mehr Prügel, weil ich Familienangelegenheiten aus dem Haus getragen habe. Es waren soviele Stimmen im Rektorat; die zuerst lauter und dann immer leiser wurden, bis ich nichts mehr hörte.

Ich wachte auf und sah Dr. Fuchs, unseren Hausarzt, der mich zur Welt brachte, und im nächsten Moment war ich in einem Krankenwagen, auf dem Weg nach Donauwörth ins Rot Kreuz Krankenhaus. Nicht da hin, bitte, ich will heim; die pure Angst und Panik erfasste mich. Der Chefarzt, war der Ex-Chef meiner Mutter. Die waren zusammen im Lazarett in Riga, und alte Schwestern kannten meine Mutter. Irgendwas machte mich sehr müde, und als ich aufwachte, war ich in einem Zimmer allein. Noch sehr benommen suchte ich meine Kleider; ich konnte nur eines denken: Raus bevor die Alte oder Er kommt.

Immer wenn eine Schwester ins Zimmer kam, schaute sie mich sehr mitleidig an, und der Arzt, der nicht der Chefarzt war, stellte sehr unangenehme Fragen. Irgendwann, ein paar Tage später, wurde ich von meiner Mutter abgeholt, und sie erzählte mir, dass ich eine Kur machen müsste und mehr essen sollte.

Dein Vater hat auch mit dem Chefarzt gesprochen. Er war sehr ärgerlich, weil er sich als Fremder in Familienangelegenheiten mischen wollte.

Du musst verstehen, sagte sie, das, was in unserem Haus los ist, geht niemanden etwas an. Ich kann mir auch gar nicht vorstellen, wo Du eine Gehirnerschütterung her hattest. Da wollte ich ihr ins Gesicht hauen.

Statt dessen stellt ich mich schlafend und dachte über die Fragen nach, die mir der andere Arzt stellte. Warum wollte er wissen, wann ich zum letzten Mal gegessen hatte und ob ich weiß, was ein Hungerödem ist. Ob ich schon immer auf dem Bauch schlafen würde. Ich wollte ihm antworten, wenn Du Striemen am Rücken, Arsch und an den Oberschenkeln hättest, würdest Du diese blöde Frage nicht stellen. Anstatt dessen lag ich einfach da und sagte, ich wüsste es nicht. Dann fragte er mich, wieviele Freundinnen ich hätte und wo wir spielten. Spielen ist für faule Kinder; ich muss im Geschäft arbeiten. - Ob ich sonntags zur Kirche ginge. Ich dachte nur, der hat meine Alte noch nicht gehört, wenn sie sagt, Kirche ist für die Scheinheiligen, Faulen, Bigottischen eine Entschuldigung am Sonntag nicht zu arbeiten. Die tragen das ganze Geld den Pfaffen hin. Der wird davon fett, und dafür zahlt er den faulen voll gefressenen Köpfen zwei Stunden einen Schmarrn.

Jetzt hörte ich die Alte sagen, dass wir gleich zu Hause sind und mein Vater seit ein paar Tagen mit seiner Forschungsarbeit zu tun hätte. Du weißt schon welche - den Schallfrequenzanalysator. Gott sei dank, dass der nicht da ist. Ich hatte nämlich schon wieder das flaue Gefühl im Magen. Eines Tages, sagte ich zu mir selbst, überfährt ihn hoffentlich jemand. Er kommandiert alle Menschen herum, und vielleicht hat ja einer den Mut und schlägt ihn tot. Lieber Gott, Jesus hat gesagt: Lasset die Kindlein zu mir kommen! Wann darf ich?

Mehr und mehr dachte ich an unseren Plan, "ihn" zu beseitigen, aber wir sprachen nie mehr darüber. Nigg sagte manchmal, wenn ich erwachsen bin zahle ich ihm alles heim. Das half mir überhaupt nicht, denn bis dahin ist es ja noch eine Ewigkeit. Was wird in der Zwischenzeit noch alles passieren, und wir müssen es ohne Widerstand ertragen.

Niemand in der Schule sprach über den Vorfall. Jeder der Lehrer, die mit im Rektorat waren, schienen mir auszuweichen. Nur einige meiner Mitschüler fragten, ob ich es im Krankenhaus gut gehabt hätte. Damit war auch dieser Vorfall begraben.

 

   

13  Die unbezahlte Rechnung  

 

Es war noch eine Woche bis Weihnachten, und es war kalt im Haus, und wir hatten außer Haferflocken mit Kakao und Milch seit langem nichts mehr gegessen. Im Sommer wurde die Tankstelle geschlossen. Die einen sagten, Deine Mutter hat Bankrott gemacht, weil Dein Vater alles Geld für seine Forschungs­arbeiten verbraucht hat. Manche sagten auch, Dein Vater kümmert sich nur um sein Orchester und seinen Chor und wieder andere sagten, Deine Mutter hat das ganze Geld Detektiven bezahlt um Deinem Vater nachzuspüren.

Ich weiß es nicht, und ich wollte es auch nicht wissen. Dass meinem Vater die Musik und seine wissenschaftlichen Arbeiten wichtig waren, wussten ja alle, er hat bis heute in seinem Leben noch keinen Pfennig Geld verdient. Alles was wir hatten kam von meiner Mutter oder meinen Großeltern. Je älter ich wurde, desto weniger verstand ich meine Mutter. Heute bin ich fast vierzehn (? - 40? -OD) Jahre und weiss, dass sie alles, aber auch alles für meinen Vater tun würde, damit er sie nicht verlässt.

Sie war ihm willenlos verfallen und ertrug jede Art von Schmerz und Beleidigungen, die er ihr zufügte. Einmal zeigte er uns ein Bild von einer Frau in einer Schwesternuniform. Sie war schön im Gesicht und hatte eine makellose Figur. Er fragte uns, ob wir wissen, wer die Frau im Bild sei. Er erklärte es ganz einfach, das war die Frau, die ich nach dem Krieg kennenlernte, und heute ist sie eine voll gefressene schwabbelige fette Sau - Eure Mutter. Verlegen und beschämt schauten wir unsere Mutter an, sie sagte kein Wort, und ich fühlte zum ersten Mal Bedauern für sie.

Es machte mich auch ärgerlich, dass sie sich nicht wehrte, im Gegenteil, sie sagte, Euer Vater meint das nicht so. Am selben Abend, es war schon dunkel, zog meine Mutter Nigg und mich ins Schlafzimmer. Sie war sehr kleinlaut, als sie uns fragte, ob wir gerne ein gutes Essen haben möchten und ein schönes Weihnachten mit Geschenken und einer Weihnachtsgans auf dem Tisch.

Nigg und ich schauten uns an, und der Hunger in unserem Magen sagte ja. Wir wussten sehr wohl, dass wir etwas dafür tun müssten, was nicht sehr angenehm war. Sie erzählte, dass, als sie durch die Tankstellenunterlagen ging, sie einige Kundenrechnungen fand, die noch nicht bezahlt waren. Irgendetwas in mir warnte mich, aber Hunger und Weihnachten waren sehr realistisch. Sie sagte: Alles was Ihr tun müsst ist nach Mohnheim zu dieser Adresse zu fahren und zu kassieren. Lasst Euch nicht abwimmeln mit irgendwelchen Ausreden, denn die haben immer Geld im Haus. Ihr müsst sehr stark sein, denn das Heizöl reicht auch nur noch für zwei Tage. Ich fasste mir ein Herz und sagte, gib uns die Rechnungen mit, damit die Leute wissen, dass wir Deine Kinder sind. Sie gab sie uns, und die Rechnung zeigte tatsächlich ein Minus von

etwas über dreitausend Mark. Ich wollte nur sichergehen, dass alles seine Ordnung hatte und fragte, warum gehst Du nicht hin oder Er, und einer von Euch beiden kassiert? Sie knallte mir eine Ohrfeige und sagte, willst Du den Erwachsenen vorschreiben, was sie tun sollen? Gut, wenn Ihr nicht gehen wollt, habt Ihr und Eure armen Brüder nichts zu essen und Weihnachten fällt auch aus.

Nigg war dreizehn Jahre und der Fahrer. Wir nahmen den rot-weissen VW-Bus. Es sind ja nur vierzehn Kilometer, trösteten wir uns, aber es war Nacht, und die Strasse war stellenweise spiegelglatt. Auf halbem Weg fing es auch noch zu schneien an. Immer wenn ein Auto entgegenkam oder wir durch einen beleuchteten Ort fuhren, schob ich meine Beine unter Niggs Hintern, damit er größer aussah. Endlich, wir waren da, nach eineinhalb Stunden. Auf der Fahrt redeten wir nicht viel, aber jetzt mussten wir die Adresse finden. Nigg glaubte schon einmal dagewesen zu sein, aber da war es ja Tag. Wir suchten eine Stunde lang als wir uns entschlossen, in einer Gaststätte nach der Adresse zu fragen. Ich ging also zu dem Wirt und fragte. Das erste, was er sagte war, kleine Mädchen gehören um diese Zeit nicht mehr auf die Strasse, trotzdem gab er mir die Adresse, und wir fanden es auch gleich.

Ich weiß nicht mehr, wie viel Uhr es war, aber die Leute waren schon im Bett als wir klingelten. Es war mir so peinlich, als der Mann im Schlafanzug die Türe öffnete, und wir wollten schon umkehren. Er fragte uns was wir wollten, da zeigte ich ihm die Rechnung und versuchte, meine Stimme sehr erwachsen und selbstsicher klingen zu lassen. Er bat uns herein, und wir schnauften auf vor Erleichterung. Für uns war klar, wir bekommen das Geld, Essen, Heizöl, und Weihnachten war gerettet.

Da sagte er, ich muss meine Frau wecken, die kümmert sich um die Geldangelegenheiten. Wir hörten laute Stimmen, verstanden aber nicht was gesprochen wurde, wir aber wussten in diesem Moment, dass etwas nicht stimmte. Die Frau war sehr wütend, als sie ins Zimmer kam. Sie schlug mit der Hand auf den Tisch und schrie uns an. Was will denn Eure Mutter noch alles? Hier ist die Quittung, dass ich diese dreitausend Mark schon letzten Monat bezahlt habe und außerdem sagte ich letzte Woche zu Eurer Mutter, sie soll aufhören, mich um Geld anzubetteln.

Wir wollten vor Scham im Erdboden versinken. Nigg fasste sich schnell und sagte, wenn wir kein Geld heimbringen, gibt's wieder nichts zu essen, und das Heizöl ist auch schon fast alle. Die Stimme der Frau änderte sich, und sie sagte, setzt Euch an den Tisch, wann habt Ihr zum letzten Mal etwas gegessen? Ich fasste Nigg bei der Hand und sagte, wir müssen gehen, aber der Mann sagte, setzt Euch und gab uns ein Glas frische Kuhmilch, sie hatten ja einen Bauernhof. Die Frau brachte uns Brot und eine hausgemachte Leberwurst und sagte, esst erst einmal. Nigg war nicht so genant, er langte gleich zu; ich verstand es, es war der Hunger. Mein Stolz und die Scham, die ich empfand, schnürten mir den Hals zu. Da wurde mir auch klar, dass meine Mutter zu jeder Lüge bereit war. Nigg zischte durch die Zähne, sei nicht so blöd und iss, die Leute meinen es gut. Als wir fertig waren, bedankte ich mich und entschuldigte meine Mutter, dass dies vielleicht ein Versehen war. Die Frau packte uns auch noch zu essen ein und drückte mir einen Geldschein in die Hand. Bitte nehmen Sie das Geld zurück, es ist nicht recht, auch noch Geld zu nehmen. Nimm's, es ist ein Weihnachtsgeschenk.

In dieser Stunde wurde ich erwachsen und wusste, was das Wort Schande heißt. Der Weg nach Hause war schwerer als das Kommen. Es war aber nicht die Schuld des Schneetreibens. Was sollten wir sagen? Die Alte glaubt uns doch sowieso nicht. Sie wird sagen, Ihr wart gar nicht da und habt Euch nur solange herumgetrieben oder irgendsoetwas wird sie sagen. Wir beide wussten, was auch immer wir sagen würden, sie würde uns ja sowieso nicht glauben. Wir haben auf jeden Fall einen Beweis. Dabei stellten wir fest, was auch immer wir sagen, die Alten uns nie glauben und wir immer einen Beweis brauchen. Ich konnte mich nicht länger damit beschäftigen, da mein Magen rebellierte. Kein Wunder, seit Tagen nichts außer Haferflocken mit Kakao und Milch und heute die fette frische Milch und die schwere fette Leberwurst. Ich musste brechen und hatte zugleich Durchfall. Nigg hielt an, und ich schaffte es nicht weiter als bis zum Straßenrand als es losging, wieder im Bus merkte ich, dass ich durchnässt war und es mich fror. Wir sind ja bald zu Hause. Wir schafften es ohne Unfall oder irgendwelche Zwischenfälle. Ich gab der Alten den Geldschein und das Essen und sagte, ich muss wieder brechen. Sie sagte nur, ist das alles? Euch kann man zu nichts gebrauchen. Am nächsten Tag kaufte sie meinem Vater Fleisch, Zigarren und gute Butter. Wir bekamen eine Nudelsuppe ohne Fleisch und ein Margarinebrot.

Weihnachten war wie alle Jahre - keine Geschenke und dieses Jahre nicht einmal, wie sonst, wenigstens einen Pullover.

Egal ob wir Geld hatten oder arm waren, mein Vater bekam das Beste, wir die Überbleibsel. Mein Verstand und mein Gefühl rebellierten, denn wir wussten, dass in anderen Familien die Kinder besser versorgt wurden und vom gleichen Topf aßen wie die Eltern. Und deshalb wuchs mein Hass täglich.

 

  

14  Die Diebe  

 

Es war wie ich vermutete. Das Geld reichte gerade über die Weihnachtsfeiertage. Es war kein Essen mehr im Haus, und das Heizöl war gestern schon zu Ende. Wir saßen alle in der Küche und verschürten altes was brannte.

Die Alte kam nach Hause und erzählte, dass Er auf der Chorprobe sei und vielleicht Geld nach Hause bringe. Wir müssen etwas zu essen kochen für Euren Vater, aber was? Sie schaute Nigg und mich an. Ich kannte den Blick, der bedeutete nichts Gutes. Sie schickte Siegfried und Hans aus der Küche und sagte. Ich muss Euch etwas fragen, aber das brauchen die Kinder nicht zu hören, die sind noch zu klein.

Seit langem wurden wir als Erwachsene bezeichnet, sobald es ernst wurde. Die Prügel blieben die gleichen, und wir waren, laut Aussage unseres Alten genauso blöd wie vor Jahren. Wir würden jetzt nur mehr fressen und grössere Schuhe brauchen. Sie fing an Nigg zu manipulieren und fragte ihn, ob er auch gelernt hätte, wie man ein Schloss ohne Schlüssel aufmacht und ohne Spuren zu hinterlassen. Nigg, dessen Leben die Kfz-Werk statt war und der als Zehnjähriger mit den Mechanikern Motoren ein- und ausbaute, stellte sofort bildlich seine Fähigkeit dar. Hatte er nicht begriffen auf was die Alte hinaus wollte?

Als er dann wusste um was es ging, war ihm garnicht mehr wohl in seiner Haut. Sie überzeugte ihn, dass, wenn er das Schloss an der hinteren Lebensmittelladentür aufbräche ohne Spuren zu hinterlassen, wir alle etwas zu essen hätten, und morgen würde sie ja von dem Geld, das er heimbringe, einkaufen gehen.

Sie überzeugte ihn, dass, wenn sie es machen würde und dabei erwischt werden würde, sie ins Gefängnis käme, und dann müssten wir mit unserem Vater leben und hätten keine gute Stunde mehr. Ich fragte mich, hatten wir je eine, kann das noch schlimmer werden? Sie beruhigte Nigg und erzählte ihm, dass Kinder nicht ins Zuchthaus kämen, weil es als Mundraub gilt, wenn man Lebensmittel stiehlt. Nigg willigte ein, aber wir mussten warten, bis es mindestens zwanzig Uhr war, damit uns durch die grossen Glasscheiben niemand sehen konnte. Ich erfuhr gleich, was mein Teil an dieser Aufgabe war. Sie machte eine Liste, was wir brauchten, und ich musste sie auswendig lernen, weil wir ja kein Licht machen konnten. Sie erklärte uns haargenau den Plan. Sie machte alle Lichter im Haus aus. Sie stellte sich ans Schlafzimmerfenster, wo sie beide Strassenrichtungen einsehen konnte, weil der Laden genau darunter lag. Einmal klopfen o.k., zweimal klopfen Vorsicht. Wir gingen die Treppen hinunter. Vor der Ladentür kamen mir wieder grosse Bedenken, ich teilte sie Nigg mit. Er meinte, wir stehlen Essen und nicht nur für uns. Wir haben keine andere Chance. Diesesmal betete ich nicht, weil ich glaubte, Gott will ab heute nichts mehr mit mir zu tun haben.

Das Schloss im Dunkeln zu öffnen war schwer, aber Nigg schaffte es irgendwie. Er ging zur Haustüre und hielt Wache. Schnell schaltete ich ab, weil ich mir sagte, es gibt keine andere Mahl und ging durch die Tür, Da war es wieder: Die Übelkeit stieg vom Magen hoch, aber diesesmal bekam ich auch noch Kopfschmerzen. Ich konnte mich nicht mehr besinnen, was ich alles einpacken sollte.

Irgendwie schaffte ich es, die mitgebrachte Schachtel mit den benötigten Dingen voll zu machen und sie ohne Zwischenfälle nach oben zu schaffen. Das war zuviel für mich. Als Nigg zurückkam, sagte er, Du bist weiss wie die Wand, und ich war der Alten fast dankbar, dass ich gleich ins Bett durfte. Ich hatte keinen Hunger mehr, nur noch Kopfschmerzen und die Übelkeit im Magen. Trotzdem entwickelte ich immer mehr Widerstand gegen all das Verlangte und suchte Wege, die es mir möglich machten, Essen ins Haus zu schaffen ohne zu stehlen.

Die Nachbarin erlaubte mir, jeden Tag zwei Stunden auf ihre Kinder aufzupassen, und ich bekam drei Mark dafür. Ich glaube heute, sie wusste, was passiert war und wollte helfen. Das war freilich nicht genug, und wir mussten den Diebstahl noch zweimal wiederholen. Zu dieser Zeit war mein Gefühl für Recht und Unrecht vollkommen ausgeprägt, und ich suchte immer nach Gerechtigkeit, doch war es mir nicht gegönnt, sie zu erleben. Ich hielt trotzdem daran fest und festigte mich in dem Glauben, dass, wenn ich erwachsen wäre, ich Gerechtigkeit nicht nur predigen, sondern auch praktizieren würde.

Ich sah mich immer mit einem Strick um den Hals und einen Stuhl unter meinen Füssen. Immer wenn einer meiner Eltern den moralischen Stuhl umstieß, hielt ich mich mit den Händen am Strick fest und richtete den Stuhl wieder mit den Füssen auf. Eines war klar: Ich musste es selbst tun, da ich von niemandem Hilfe erwarten konnte, und da waren noch meine drei jüngeren Brüder. Die instinktive Verantwortung, die ich nie haben wollte, war da und zehrte mich aus.

Mein Vater sagte einmal, dass wir außer zum Betrug und Stehlen zu nichts zu gebrauchen wären, die Kriminalität sei uns angeboren, aber es käme nicht von seiner Genseite. Meine Eltern schafften es Verantwortung zu übertragen, indem sie Schuldgefühle weckten, damit sie für illegale Handlungen nicht verantwortlich gemacht werden konnten und somit nach außen hin eine weiße Weste behielten.

 

15  Der gefrorene Fluss  

 

Morgen ist Sylvester, und ein neues Jahr beginnt, ein Jahr, in dem alles anders wird. Im März werde ich vierzehn und im Juli komme ich aus der Schule. Jetzt ist es schon gar nicht mehr möglich, an die Mittlere Reife zu denken. Zuvor war es nur der Terror, den ich täglich erleben würde, wenn ich noch länger zur Schule gehe; heute kommt auch noch die Tatsache, dass die Familie kein Geld mehr hat dazu. Dass wir alle blöd und dumm sind, glaubte ich ja schon lange nicht mehr. Dumme Menschen denken nicht soviel über Recht und Unrecht nach und wehren sich auch nicht so wie ich es tue. Es kostet mich immer eine große Überwindung, an der hinteren Ladentüre vorbeizugehen oder der Frau im Laden zu begegnen. Meistens ging ich über den Garten zur Hintertüre ins Haus.

Meine Gedankenverlorenheit wurde wie immer unsanft durch den "Pfiff unseres Herrgotts" unterbrochen. Eure Mutter muss mit Euch reden. 'Euch' hiess immer Nigg und ich. Er verließ die Küche, und meine Alte fing weinerlich an zu fragen, was sollen wir machen, wir haben kein Heizöl mehr, und den Küchenofen können wir auch nicht schueren, weil das Holz bald zu Ende ist.

Wie ich Euch dann morgen etwas zu essen kochen soll, weiß ich nicht. Habt Ihr eine Idee? Nein - schon wieder stehlen, dachte ich, auf keinen Fall, da mach' ich nicht mehr mit. Ich machte den Vorschlag, dass sie ihren Schulfreund, den Lanzer Hans, fragt, ob er uns auf Kredit Heizöl gibt. Sie wurde bitterböse. Der gibt uns nichts mehr.

Ja, warum nicht, fragte ich. Weil wir ihm die letzten zwei Rechnungen nicht bezahlen konnten. Sie fing an, über den Mann herzuziehen und ihn alles zu heißen was schmutzig war. Wir waren total verwundert, da der Hans doch angeblich seit Jahren ihr bester Schulfreund war. Mittlerweile wussten wir, dass alle, die ihr keinen Gefallen mehr taten, schlechte Leute waren. Sie stellte es jedoch so hin, dass sie es war, die all denen geholfen hatte. Nigg und ich schauten uns an. Wir glaubten kein Wort, weil wir es besser wussten. Aber das Problem war nicht gelöst.

Vorsichtig fragte ich, was mit dem Geld sei, das der Alte heimbrachte. Ihre Antwort war, das geht Euch nichts an, überlegt lieber, was wir machen und verließ die Küche. Wir? Nigg und ich schauten uns an, und ich fragte, die Alte glaubt doch nicht wir gehen auch noch Heizöl stehlen, das geht doch gar nicht.

Falsch, sie hatte einen perfekten Plan, der erklärte, wie wir es zu machen hatten. Sie sagte noch dazu, Ihr müsst verstehen, dass Ihr kein Wort sagen dürft, dass ich etwas davon weiß, solltet Ihr erwischt werden. Es war unbegreiflich für mich, dass wir ausgerechnet diesen netten Mann bestehlen mussten. Sie sagte, legt Euch schlafen, ich wecke Euch, jetzt ist es noch zu früh.

Bevor ich einschlief, betete ich um ein Wunder, aber es kam nicht. Sie weckte uns, es war fast Mitternacht. Wir zogen uns warm an, denn es war bitterkalt. Geht bis zur Lutschack-Gaststätte und dann auf dem gefrorenen Fluss weiter bis zum Raiffeisen Lager. Im Hinterhof stehen die Heizöltanks, die haben sogar eine Pumpe. Nigg meinte, da bin ich aber froh, dass ich es nicht mit dem Schlauch absaugen muss. Wir hatten auf dem Schlitten zwei Zehn-Liter-Kanister festgebunden. Auf dem Weg hat Nigg eine echte Wut bekommen. Wir müssen das Heizöl stehlen, damit's der Alte schön warm hat, seine fette Zigarre rauchen kann und Radio hören. Der soll doch selber mitten in der Nacht stehlen gehen. Wenn der uns noch einmal schlägt, dann bringen wir ihn um. Das ist die einzige Lösung, sagte ich. Sofort hatte ich eine Idee. Wenn ich wieder koche, mische ich Rattengift in sein Essen. Das geht nicht, das schmeckt man, und vielleicht isst er es nicht und schüttet es zurück in den Topf, und dann isst es jemand anderes und stirbt.

Mittlerweile sind wir beim Lutschack angekommen. Soweit hat uns niemand gesehen. Wir gingen zum Wasser. Hoffentlich ist das Eis dick genug, Nigg testete es. Er war sich nicht so sicher, und wir suchten einen anderen Weg, aber da war keiner. Wir konnten mit dem Schlitten mit Kanistern nicht über den hohen Zaun und vor allem nicht zurück mit den vollen. Also keine Chance, wir mussten aufs Eis.

Vorsichtig und so nah wie möglich bewegten wir uns am Ufer entlang, hintereinander, damit die Betastung verteilt wurde, denn das Eis war wirklich nicht sehr dick. Bis jetzt hatten wir schwaches Licht von den Straßenlampen, aber weiter vorne war es kuhnacht, und das Ufer war steil. Wir schafften es und waren im Hinterhof des Lagerhauses.

Seit wir aufhörten Mordpläne zu schmieden, war die Angst wieder da. Wir mussten über die ständige Angst nicht reden, wir kannten sie und lernten damit umzugehen. Der Rest war fast mechanisch, ich war das nicht, die dort um Mitternacht stahl. Die Pumpe war eingefroren. Nigg sagte, wir müssen die Hände ein wenig dran halten, vielleicht taut sie auf. Meine Hände waren sowieso schon kalt. Dann versuchte Nigg es noch einmal; sie ging, aber quietschte fürchterlich.

Es war ja Totenstille überall. Nigg wickelte seinen Anorak über die Pumpe, und langsam bewegten wir den Hebel der Handpumpe hin und her. Luft - der Tank ist leer, was jetzt? Der Kanister ist nicht einmal halb voll und der andere noch leer. Es war noch ein zweiter und voller Tank daneben, aber wo bekommen wir einen Schraubenschlüssel her, der auch noch passt? Wir trennten uns, und wir fingen an zu suchen. Es war alles so gespenstig.

Nigg fand einen Franzosen (Schlüssel). Es war alles bloß nicht leicht, den Fassverschluss zu öffnen, da der Schnee angefroren war.

Endlich hatten wir beide Kanister voll und stellten fest, das das Eis das Gewicht nicht tragen wird. Wir lernten, durch solche Situationen, in denen wir waren, schnell und logisch zu denken. Ich ging zuerst an die Stelle zurück, an der wir aufs Eis gegangen waren. Dann kam Nigg zuerst mit einem Kanister und holte dann den zweiten, und wir machten uns auf den Heimweg.

Meine Gedärme rebellierten, ich hatte schon wieder Durchfall, und mir war es schlecht. Ich sagte nichts zu Nigg und unterdrückte es. Als wir kurz vor unseren Haus waren, sah ich unsere Schlittenspuren. Man konnte genau sehen, wo der Schlitten aus dem Haus ging und wo er zurück kam. Nigg! Ich zeigte nur auf die Spuren. Wir waren beide blass vor Angst. Komm', flüsterte er, und wir zogen den Schlitten am Haus vorbei bis ans Adlerhaus. Wir stellten die Kanister ab, und ich trug den Schlitten die gefrorenen Steintreppen hinauf, stelle ihn in die Fahrtrichtung, dann ging ich hinunter, um Nigg mit den Kanistern zu helfen. Sie waren schwer. Ich musste meinen mehrere Male abstellen, bevor ich oben war. Der Weg war zu schmal für uns beide zusammen.

Nigg zog, ich schob bis zu unserem Gartentürchen. Ich ging ins Haus und sagte, dass wir Hilfe brauchten. Wo bleibt Ihr solange? Das war alles. Mein Bruder und ich überlegten uns, was wir machen sollten wegen der Spuren. Die sind ja auch im Lagerhof bei den Ölfässern. Wir machten uns Vorwürfe, weil wir nicht gleich daran gedacht hatten. Wenn es nicht so dunkel gewesen wäre, hätten wir sie gleich gesehen und sie etwas verwischen können oder einen anderen Weg nehmen. Wir sahen uns schon in Gedanken auf der Polizei, denn die Alte hat ja gesagt, dass sie von nichts weiss, wenn wir erwischt werden. Als wir nicht mehr wussten, was wir tun könnten, hatte ich den Gedanken, vielleicht schneit es bis morgen früh.

Um sechs Uhr erwachte ich aus einem unruhigen Schlaf und ging zum Fenster. Frischer Schnee war gefallen. Alles was ich sagen konnte war "danke, lieber Gott?" Ich schlich mich hinauf zu Nigg und weckte ihn und wollte ihm den Schnee zeigen. Er sagte, ich hab's auch grad' gesehen. Die Alten schliefen noch, also ging ich auch wieder ins Bett, aber schlafen konnte ich nicht. Meine Gedanken zeigten mir Bilder von Familien in unserer kleinen Stadt. Da waren die Heinzelmayers mit vielen Kindern. Wie die Mutter das Baby brustfütterte und die kleinen Kinder, eng an sie geschmiegt, einfach dabei waren und sie mit der anderen Hand streichelte. Frau Reischel, unsere Nachbarin, die auch manchmal weinte, weil ihr Mann sie oft schimpfte, und sie hatte doch noch das andere Baby, das nicht ganz normal war, und trotzdem küsste sie ihr Mann immer, wenn er aus dem Haus ging. Da waren die Busers. Der eine war mein Buser-Papa, und der andere der Metzger Buser, und die hatten auch Kinder und Geld, und trotzdem waren sie sehr gut zueinander.

Geld war bei uns auf einmal sehr wichtig geworden, vorher war es halt da, weil es eben so war; das machte meine Eltern so einflussreich, und die Leute glaubten fast alles, was sie sagten. Jetzt ist es nicht mehr da, wir Kinder litten seelisch und körperlich mehr als zuvor darunter, da die Alten jetzt fast täglich zu Hause waren. Der Alte hat ja fast jeden Tag einen Tobsuchtsanfall wegen Nichtigkeiten, und es gab mehr Prügel als Essen. Trotz alldem sehe ich, dass sie anscheinend nicht mehr die Unantastbaren waren, und die Leute kehrten ihnen den Rücken.

Sie, diejenigen, die überall den Ton angaben, mussten stehlen, und sie sind so feige, dass sie es nicht einmal selbst tun. Sie schickten ihre Kinder. Ich spürte ihre Schwäche und irgendwie bekam ich dadurch Kraft. Langsam fing an mich stärker zu fühlen und sagte es auch. Als ich wieder einmal in die Waschküche musste und der Alte mich mit einem seiner "hergöttlichen" Sprüche einschüchtern wollte, wie "ich mach' Dich gehorsam", und zeigte dabei den Gummischlauch, da fasste ich allen Mut zusammen und sagte, das ist aber auch schon alles, was Du kannst.

 

  

16  Die Konfirmation  

 

Manchmal durfte ich in den Konfirmandenunterricht, den die Frau von unserem Stadtpfarrer unterrichtete. Je mehr ich den Katechismus kennenlernte, desto mehr fühlte ich mich schuldig und glaubte, dass Gott Kinder wie uns nicht in den Himmel lässt. Ich glaubte an die zehn Gebote, nur mit einem war ich überhaupt nicht einverstanden: 'Du sollst Vater und Mutter ehren'. Schritt für Schritt lernte ich, dass das, was ich fühlte, auch richtig war. Aber wie sollte ich mich wehren? Die zehn Gebote sind nur für die Christen, die alles haben was sie brauchen und nichts arbeiten wollen, sagte die Alte. Ich aber wollte christlich sein und arbeiten, weil ich die Gebote Gottes verstehen konnte und glaubte, dass das die einzigen richtigen Gesetzesparagraphen seien.

Wir waren mit einem Schulfreund, in dessen Vaters VW-Bus auf dem Weg um Holz für den Küchenofen zu stehlen. Ich erzählte Nigg, was ich im Konfirmandenunterricht gelernt hatte und dass das Stehlen eine Sünde sei. Er widersprach nicht, er sagte nur, wenn es einen Gott gibt, der alles sieht, dann sieht er auch, dass wir das alles nicht tun wollen. Was er sagen wollte, verstand ich wohl, egal wie man es verstehen oder auslegen wollte, es blieb trotzdem stehlen, und ich fühlte mich nicht besser. Seitdem wussta ich, dass Nigg ebenso dachte und garnicht stehlen wollte. In dieser Nacht mussten wir sehr weit fahren. Sie sagte, sie hätte einen großen Holzstoss in Amerdingen gesehen, das waren ja mehr als zwanzig Kilometer von Harburg. Wenn uns nur die Polizei aufhalten würde, dann müssten wir nicht andere Leute bestehlen.

Nigg verstand, was ich damit sagen wollte, aber er meinte, wie sollen wir dann kochen und die Küche heizen. Seit langem hatten wir den Gedanken aufgegeben, dass die Eltern etwas unternehmen um die Situation zu ändern. Wir kamen gar nicht auf die Idee, dass nicht die Kinder für die Familie sorgen müssen, sondern die Eltern. Egal für was, ich war immer für alles verantwortlich, weil ich die Älteste war. Sogar das Stehlen musste perfekt klappen. Auf unseren Fahrten waren wir meistens sehr still oder wir ermutigten uns gegenseitig, dass, wenn wir damit Erfolg hatten, der Alte endlich einsieht, dass wir gar nicht so blöde sind und auch etwas fertig bringen. Ein gutes Gefühl war es nicht zu stehlen, aber es half, den Alten ruhig zu stimmen. Außerdem meinte Nigg, wir müssen das nicht mehr lange machen, die Alte macht mit dem Yüldirimlar ein Ex- und Import-Geschäft. Die bringen dann Sachen aus der Türkei und verkaufen sie in Deutschland. Sie hat nur noch nicht das Geld.

Meine Gedanken waren in den letzten Tagen immer bei meiner bevorstehenden Konfirmation und dem Kleid, dass ich dazu brauchte. Ich fragte meine Handarbeitslehrerin, ob ich mir in der Schule ein Kleid nähen dürfte. Sie versprach mir sogar dabei zu helfen, weil sie immer sagte, ich hätte ein außer­gewöhnliches Talent für Farben und Design. Es wurde aber nichts daraus, denn ich bekam keinen Stoff für mein dunkelrotes Konfirmationskleid mit vielen kleinen Schlingen vorne, und die Knöpfe sollten weiße Kugeln sein wie Perlen, der Rock natürlich eng.

Ab der Konfirmation darf man ja enge Röcke und hohe Schuhe tragen, und man bekam die erste Dauer­welle. Wir Mädchen sprachen in der Schule nur noch von unseren Kleidern und den Schuhen. Heidi bekam zwei Paar wunderbare Stöckelschuhe, das eine Paar war schwarz mit einer Samtschleife, und das andere Paar war aus rotem Lackleder. Die roten Lackschuhe waren ein Traum und alles was ich mir wünschte. Eines Tages zertrennte ich einen weiten Rock, der rot-schwarz kariert war und nähte einen engen Rock daraus und versteckte ihn. Es war ein Sonntag, an dem ich in die Kirche musste, weil nur dann konfirmiert wurde, wenn wir mindestens zwei Mal im Monat in der Kirche waren.

Die Alten waren irgendwo unterwegs wegen des neuen Geschäftes das sie planten. Ein Festtag für mich. Nach der Kirche sagte Heidi mir, dass sie einen Freund habe, der bis von Neuburg jeden Sonntag kommt und sie dann mit ihm spazieren gehe. Heute würde er seinen Bruder mitbringen und ich solle doch mitkommen, damit der nicht alleine spazieren laufen müsse. Das war der Moment für mich. Ich willigte ein, aber nur, wenn sie mir ihre roten Schuhe borgte und ihren schwarzen Pulli. Wir holten die Schuhe und den Pulli, und ich zog mich um. Als ich fertig war, sagte Heidi, Du siehst ja toll aus und so erwachsen, der wird sich gleich in Dich verlieben. Ich fühlte mich auch so.

Nigg sah mich, er schüttelte den Kopf. Das sage ich den Alten, dass Du so rumläufst, dann kriegst Du es wieder. Wir Geschwister verstanden uns nur, wenn es gegen die Alten ging, ansonsten waren wir wie Hund und Katze. Es war mir in diesem Moment gleichgültig, was hinterher kam, ich fühlte mich unbeschreib­lich gut und toll, und ich wollte das auch zeigen. Wir gingen zuerst über den Marktplatz, wo immer die großen Buben standen. Langsam gingen wir in Richtung Kino, und die haben doch wirklich gepfiffen. Nie zuvor bekam ich ein Kompliment, und es hat mir auch keiner nachgepfiffen. Um ein Uhr gingen wir dann ins Gras, dort traf sich Heidi immer mit ihrem Freund.

Werner, sein Bruder, sah toll aus, aber was viel wichtiger war, er hatte wunderschöne blaue Augen und war sehr freundlich, gar nicht so frech wie die Jungen in unserer Stadt. Er war auch schon siebzehn Jahre alt und hatte viel Erfahrung. Er fragte mich, ob er beim Spazieren gehen meine Hand halten dürfte. Er

erzählte mir, dass er im Juli mit der Mittelschule fertig sei und dann in einem Hoch- und Tiefbaubüro als technischer Zeichner arbeiten werde. Wir sahen uns noch, bis ich aus der Schule kam. Es ist noch eine Woche bis Palmsonntag, und ich hatte kein Kleid, und es interessierte weder den Alten noch die Alte. Immer wenn etwas wichtiges in meinem Leben war, war ich auf mich all eine gestellt. So wie die Auszeichnung, die ich von der Schule bekam für mein Bildkunstwerk, das offiziell als das beste nominiert und an einem Elternabend vorgestellt wurde. Mein Vater bezeichnete es als modernen Kitsch, aber die Lehrer waren einer Meinung, dass es wert sei, meine Begabung zu fördern und mich aufmunterten, nie mein Talent verkümmern zu lassen.

Für mich war klar, dass, wenn ich kein Kleid habe, ich mich auch nicht konfirmieren lasse. Ich hatte schon einen Plan, wann und wie ich ausreiße an dem Sonntag Morgen. Am Freitag kam meine Patin und brachte mich zum Friseur, und ich bekam eine Dauerwelle. Ich sagte ihr, sie solle ihr Geld sparen, ich hätte ja auch kein Kleid. Sie beruhigte mich und erzählte mir, das meine Mutter das Kleid von der Margitt bekäme. Am selben Abend sah ich auch das Kleid. Es war aus schwarzem Samt und sah aus wie die Kleider der alten Bauernweiber. Der Rock war fast knöchellang und weit, und ich sah fett darin aus. Die Schuhe waren zu gross, da wurde halt Papier in die Spitze gestopft, und ich hatte auch keine Bibel. Ich hasste das Kleid, aber es war besser als keines, und ich konnte wenigstens zur Konfirmation. Was sollte ich am Tag der Vorstellung anziehen?

Alle hatten neue Kleider für diesen Samstag, an dem wir der Gemeinde als Konfirmanden vorgestellt wurden. Heidi hatte ihre roten Lackschuhe an, und alle waren so schön, nur ich musste in meinem alten Schul rock und den alten Schuhen gehen. Das verzeihe ich den Alten nie, dachte ich. Das war doch der wichtigste Tag in meinem Leben, und ich musste ihn mit soviel Wut im Leibe verbringen, nur weil denen nichts wichtig war, was uns Kinder am Palmsonntag betraf. Als die Bilder gemacht wurden, sträubte ich mich und wollte mich nicht fotografieren lassen. Habe es dann doch getan, aber nur weil meine Schulfreundinnen mich dazu überredeten und ich in der letzten Reihe stehen durfte und somit niemand das hässliche Kleid sah.

Nach der Kirche gingen dann alle zu ihren Festessen und zu den eingeladenen Gästen nach Hause. Die meisten feierten in einer Gaststätte dieses wichtige Ereignis mit ihren Familien, die schon in der Kirche dabei waren. Nur ich war alleine, und es gab auch kein Festessen und keine Geschenke, nur von meiner Patentante bekam ich vier wunderschöne Handtücher und eine schöne Tischdecke für meine Aussteuer. Von wegen Aussteuer. Die Konfirmation war außer der kirchlichen Zeremonie ein wichtiger Schritt im Leben

eines Mädchens. Das war der Tag, wo man anfing, für die Hochzeit Geld und die Aussteuer zu sammeln. Nicht in unserem Haus. Meine Handtücher wurden am nächsten Tag zum Eigentum meines Vaters erklärt, der darauf' hinwies, dass sie niemand außer ihm benutzen dürfe. Meine Tischdecke wurde verkauft, und die hundert Mark verschwanden auch. Ich musste mich aber für alles schriftlich und herzlich bedanken.

Eine Woche später sind Nigg und ich zum Opa gefahren, weil wir in der Nähe sowieso eine Rechnung kassieren mussten und die genauso falsch war wie die andere. Opa freute sich sehr. Er fragte gleich, ob unsere Mutter uns geschickt hätte. Wir sagten ihm, dass sie nichts davon wisse und er auch nichts sagen solle. Er meinte, Eure Mutter kommt sowieso nicht oft und wenn sie kommt, will sie nur Geld. Beim Essen, das uns die Tante gemacht hatte, fragte ich, warum er nicht zu meiner Konfirmation wenigstens in die Kirche gekommen sei. Er schüttelte nur den Kopf und fragte mich, ob ich ein schönes Kleid gehabt und viele Geschenke bekommen hätte.

Ich erzählte Opa, wie schlimm die Vorstellung gewesen war, weil ich im alten Schulkleid gehen musste und von dem scheußlichen geborgten Kleid und den zu großen Schuhen und dann noch, was sie mit meinen Geschenken gemacht hatte. Er hatte den Kopf gesenkt, aber ich sah Tränen in seinen Augen. Dann sagte er, das verstehe ich nicht. Ich habe Deiner Mutter 500 Mark gegeben, um Dich für die Konfirmation auszustaffieren und 1000 Mark für Deine Aussteuer und Du hast nichts davon bekommen?

Ich war sprachlos und hasste die Alte noch mehr. Opa sagte, das war das letzte Mal, dass ich Eurer Mutter Geld gegeben habe, und das Haus verkaufe ich auch. Das Geld vom alten Haus und vom Stadthaus wird für Euch auf eine Bank gebracht und wenn Ihr einundzwanzig seid, bekommt Ihr es. Ich werde es notarisch festlegen.

Er erzählte uns, wie oft sie da war und immer jammerte, dass Ihr Kinder nichts zu essen habt und soviel für die Schule braucht, und ich habe ihr immer gegeben. Nigg sagte, das ist doch gar nicht wahr. Wir haben seit mindestens einem Jahr nichts mehr Neues bekommen, und für Essen und Heizöl müssen wir auch selber sorgen. Da trat ich mit meinem Fuss gegen sein Schienbein und schüttelte den Kopf. Nigg verstand sofort was ich meinte. Es hätte Opa das Herz gebrochen, hätte er gewusst, dass wir stehlen gehen müssen, und trotzdem hatte ich das Gefühl, dass er irgendetwas wusste.

Er gab uns jedem 10 Mark, und wir mussten versprechen, sie nicht zu Hause herzugeben, was wir auch nicht taten. Nigg kaufte sich Angelzeug und ich einen Stoff und machte mir in der Handarbeit ein neues Kleid. Als die Alte das neue Kleid sah, musste ich lügen und sagte, ich hätte den Stoff von Heidi bekommen. Heidi war

schon informiert und bestätigte meine Aussage. Die hatte keine Angst vor meiner Mutter. Als sie Heidi fragte, woher sie den Stoff habe, sagte Heidi frech, das geht Sie überhaupt nichts an. Meine Mutter hat der Heidi doch wirklich eine runtergehauen. Da gab's dann Ärger, denn der Großvater von Heidi hat meiner Mutter gedroht, wenn sie nur in die Nähe seiner Enkelin kommt, dass er sie anzeigt. Das war für die Alte zuviel. Ab diesem Tag durfte ich mit Heidi nichts mehr reden, und Heidi wurde der Umgang mit mir auch verboten.

Zuvor hatte sie nie ein böses Wort über die Großeltern oder Heidis Mutter gesprochen, ab er jetzt wurden alle schmutzigen Namen gebraucht. Heidis Mutter sei eine Hure gewesen und sei durch Gottes Gerechtigkeit an einer schlechten Frauenkrankheit gestorben, und die Heidi wird auch nicht besser werden. Das alles scherte uns gar nicht. Wir blieben trotzdem Freundinnen, bis wir zusammen aus der Schule kamen.

Meine Mutter verurteilte all die, die ihr den Rücken kehrten. Anstatt nachzudenken, was sie falsch machte und warum die Leute, die vorher soviel Respekt vor Opa und Oma hatten und auch vor ihr, heute nicht mehr haben. Sie wurde in ihrem falschen Denken von meinem Vater unterstützt und entfernte sich von allen Menschen, die einmal ihre Freunde waren. Mit der Zeit veränderte sich das Bild der sogenannten Angesehenheit. Langsam wollte kein Mensch mehr etwas mit uns zu tun haben. Die Leute sagten immer, es ist nicht wegen Euch Kindern. Eure Mutter und Euer Vater haben dem ehrbaren Namen große Schande gebracht.

Kurz vor dem Ende des Schuljahres verkaufte Opa das Haus an den Schreinermeister Hertle, und die Alten mussten aus dem Haus. Als das geschah, war ich aber schon in Stuttgart und habe den Umzug gar nicht miterlebt. Ich war so froh, dass der Alte nicht mehr in Opas Haus wohnen durfte, jeder fremde Besitzer war mir lieber.

  

17   Der Sklavenhandel  

 

Es sollte besser werden, die Alten hatten vor, in die Türkei zu fahren. Das war ein Grund sich zu freuen. Sie waren ständig unterwegs, irgendwelche Visa und Papiere zu bekommen. Endlich wieder mehr Ruhe im Haus, und ich konnte mich auf meine Arbeitsstelle gedanklich vorbereiten. Die Alte hat gesagt, dass ich für ein Jahr in den Haushalt müsse. Das war noch so üblich, dass man lernte was man in einem Haushalt tun muss. Es gefiel mir überhaupt nicht, da ich Krankenschwester oder Arzt werden wollte. Die Tatsache, dass ich aus dem Haus kann und das für ein ganzes Jahr war Grund genug zu allem ja zu sagen. Wunschträume bezüglich Beruf hatte ich schon lange begraben. Es war nur noch wichtig aus dem Haus zu kommen und wenn möglich weit weit weg.

Es war soweit, sie fuhren los, wir waren alleine. Siegfried, der Jüngste, war in diesem Jahr in seinem ersten Schuljahr und ich in meinem letzten. Zwar war ich mit meinen Brüdern all eine und hatte die volle Verantwortung, die nicht leicht war, aber jede Gelegenheit ohne die Alten war besser und leichter. Dass wir das alles, jeder auf seine Art, voll ausnutzten, war verständlich. Wir gingen zwar zur Schule, aber hinterher tat jeder, was er schon lange tun wollte. Nigg und Hans gingen fast täglich zum Fischen oder fuhren mit dem Auto irgendwo hin. Ich verbrachte die meiste Zeit mit Heidi und endlich auch mit anderen Schulfreundinnen.

Die Mädchen in der Schule sagten, ich sei ganz anders seit meine Eltern weg sind, und sie wunderten sich, dass ich sogar lustig sein konnte. Von der Nachbarin bekam ich ein paar schöne Stoffreste, und eine andere Nachbarin half mir, ein paar schöne Kombinationen zu nähen, die ich natürlich am Sonntag, wenn Werner kam, anzog. Werner kannte nicht glauben, dass ich die Sachen selbst entworfen und genäht hatte. Er sagte immer, egal, was in Deinem Leben passiert, Du schaffst es. Das war unser letzter Sonntag zusammen, da meine Alten nach drei Wochen wiederkamen und Werner mit seinen Eltern am Montag in den Urlaub fuhr, bevor er seine Stelle als technischer Zeichner antrat. Er küsste mich zum erstenmal, und es war zugleich auch ein Abschiedskuss.

Die Schule war für mich für immer aus. Die meisten meiner Freundinnen fuhren mit den Eltern in den Urlaub oder durften die letzten Ferien bei Verwandten verbringen bevor sie ihre ersten Arbeitsstellen antraten. Fast alle durften einen Beruf erlernen, nur drei von uns - ich war eine von ihnen - mussten in den Haushalt.

Es war ein Sonntag, als ich von meinen Eltern nach Stuttgart gebracht wurde. Ich hatte nicht viel einzupacken, das war in einer Stunde geschehen. Auf der Fahrt hat der Alte ununter­brochen geredet und mir erzählt, dass er auf dem Killesberg ein Zimmer hatte, als er auf der Musikhochschule studierte, und dass auf dem Killesberg nur gebildete Leute wohnen. Er redete ununterbrochen. Ich hörte gar nicht mehr zu.

Die Alte hat dann angefangen, dass ich mich sehr benehmen muss und in keinem Fall widersprechen und auch alles tun muss, was die Familie Schatz von mir verlangt. Was soll das schon wieder heißen? Was auch immer, es kann ja nicht schlimmer sein als das, was ich zu Hause alles tun musste, und vor allem bin ich von den Alten weg. Dann sagte sie noch, dass ich mit der Stellung der Familie helfen würde, wieder auf die Beine zu kommen. Damit konnte ich im Moment schon gar nichts anfangen, aber ich fragte nichts, denn ich hatte ein sehr ungutes Gefühl. Ich dachte nur, was es auch immer heißen soll, ich werde es tun, damit ich nicht mehr nach Hause muss.

Nach drei Stunden Fahrt sind wir endlich angekommen. Die Alte fing vor dem Haus der Leute an, an mir herumzukämmen und mein Kleid glattzustreifen, das machte mich ganz nervös, da sie sich noch nie vorher dafür interessierte, wie ich aussah. Als wir die Treppen in dem Haus hinaufgingen, wunderte ich mich, ob ich wohl auch Geld verdienen würde. Ich war schon erstmal enttäuscht, weil ich dachte, dass die Leute in einem Haus und nicht in einer Wohnung wohnten. Es war auch das erstemal, dass ich ein mehrstöckiges Haus mit Mietswohnungen sah.

Wir wurden freundlich empfangen und ins Wohnzimmer geführt. Der Alte machte von vornherein klar, dass er Stuttgart kenne, da er ja als Student hier lebte. Er musste immer den Leuten erzählen, dass er ein wichtiger Mann sei. Ich hasste diese Angeberei. Meines Erachtens ist es nicht notwendig zu sagen, wer man ist, denn was man tut spricht für sich selbst. Die Familie Schatz war von meinen Eltern sehr beeindruckt, nach einem langen und ausführlichen Gespräch, das ausschließlich von meinem Vater geführt wurde und speziell auf seine wissenschaftlichen Arbeiten hinwies.

Dann kam endlich der Vertrag. Jetzt verstand ich, was die Alte meinte, als sie sagte, ich würde der Familie helfen. Sie hatten ja schon seit langem brieflichen und telefonischen Kontakt. Ich fand heraus, dass es alles nur noch eine Formalität war. Es ging um 1.000,- DM, die meine Eltern für mich bekamen. Ich sollte solange bei der Familie Schatz arbeiten, bis die Summe abbezahlt war. Kost und Wohnung frei, und ein Taschengeld von 2,- DM pro Monat sollte ich bekommen, wovon ich mir die Fahrkarte zur Hauswirtschaftsschule kaufen konnte, die jeden Mittwoch sei von acht bis dreizehn Uhr. Den restlichen Tag hätte ich dann auch frei.

Als ich das alles verdaut hatte, war ich innerlich gestorben. Sollte ich trotz allem, was zu Hause passiert war im Laufe der Jahre, noch ein Gefühl für meine Eltern gehabt haben, ist es in diesen zwei Stunden in diesem Haus gestorben. Zugleich wusste ich auch, dass ich denen einen Strich durch die Rechnung machen musste. Aber wie? Mir wurde auch klar, dass die Familie Schatz genauso schuldig war, weil sie sich auf den Handel eingelassen hatten.

Der erste Monat war vorüber und nicht ohne Probleme. Egal, was ich tat, die Frau war nie zufrieden, und der Mann fing an, mich immer mit in sein Apothekenlager zu nehmen, um dort den Versand an die Apotheken fertig zu stellen. Immer, wenn wir all eine waren, wurde er so süßlich nett, aber meine Antenne für Gefahr hielt mich auf dem Laufenden. Richtig, er wollte mich auch betatschen. Seit diesem Tag war ich auf der Hut.

Eines nachts wachte ich auf, als er in mein Zimmer kam. Er sagte, er wolle sich nur ein Buch holen. Ich schlief in einem Zimmer, dass das Frühstückszimmer und eine Bibliothek war. Fast jede Nacht tat er dasselbe und fragte immer, ob ich schlafe. Natürlich habe ich mich schlafend gestellt und hoffte, dass er mich in Ruhe liess. Ich hatte mir schon ausgemalt, was ich tun würde, wenn er sich näherte. Als er eines nachts dann tatsächlich seine Hand unter die Bettdecke schob, schrie ich und seine Frau erschien und fragte, was vorgefallen sei. Er sagte, er wäre im Wohnzimmer gewesen, als ich einen Alptraum hatte, und er wollte nur nach mir sehen.

Von diesem Tag an drohte er mir und erinnerte mich, dass meine Eltern Geld für mich bekommen hatten. Eines nachts kam er wieder, und ich hatte anscheinend gut geschlafen, denn ich merkte nicht, dass er schon in meinem Bett lag, als seine Frau das Licht anschaltete und ihn sah. Sie hat nicht mir die Schuld gegeben, nur gesagt, jetzt weiss ich, warum unsere Hausmädchen immer nur kurze Zeit bei uns waren. Sie stritten sich laut, und ich fühlte mich schuldig, was soll ich tun? Sie wird mich nach Hause schicken. Es war auch so. Am nächsten Tag kam ihre Tochter, und ich wurde mit der Bahn nach Hause geschickt. Sie gab mir einen Brief mit, dessen Inhalt ich nie erfuhr.

 

  

18  Der Absprung 

 

Als ich zu Hause war, musste ich mir anhören, dass ich ein Tu-nicht-gut sei und sie mich in eine andere Arbeit stecken würden. Ein paar Tage später arbeitete ich in der SWF-Fabrik in Wemding. Es war eine Maschinenfabrik, die Autoteile herstellte in Akkordarbeit. Es waren nur sehr wenige Frauen dort beschäftigt und wenn ich mich recht erinnere, nur drei junge Mädchen, und ich war eines davon. Wir waren mehr damit beschäftigt, uns die Männer vom Hals zu halten als mit der Arbeit. Das fing schon am Morgen an, wenn der Firmenbus alle Arbeiter aus dem Umkreis zusammen holte. Es war immer wie ein Spießrutenlaufen, wenn ich in den Bus einstieg. Die Bemerkungen und die lüsternen Blicke flößten mir Angst und Hilflosigkeit ein. Ganz selten gelang es mir, auf die hintere Sitzbank zu kommen, ohne dass mich einer dieser lüsternen Schweine anfasste. Wenn ich mich wehrte wurde ich zum Mittelpunkt, denn alle fanden es nett wie ich mich schämte; zugleich wurde mir erklärt, dass das eben so sei in der Welt, und ich solle doch endlich erwachsen werden und begreifen, dass die Welt von Männern regiert werde und sie es seien, die es den Frauen erlaubten zu arbeiten.

Dann ging es am Arbeitsplatz weiter mit den Belästigungen. Der Meister, der die Abteilung leitete, in der ich war, fand immer einen Grund mich zu belehren, wobei ich dann in sein Büro kommen musste. Seine Belehrungen fanden dann in Form von Einschüchterungen statt, die mit betatschen endeten.

Seit einiger Zeit merkte ich, dass mich einer der Gesellen beobachtete und mich dann schließlich auch ansprach. Er war nicht wie die anderen, so dass ich mich von diesem Augenblick an etwas geschützt fühlte. Wenn ich mit ihm zusammen die Mittagspause verbrachte, ließen mich die anderen in Ruhe. So entstand eine sehr enge Freundschaft, die mir Hoffnung gab und mir die Angst, in die Arbeit zu gehen, fast genommen hatte. Wir trafen uns auch außerhalb der Arbeit. Nach ein paar Monaten fragte er mich, ob ich mich mit ihm verloben würde, er würde auch meinen Vater fragen. Ich erzählte ihm im Laufe der Zeit wie mein Leben zuhause ablief, aber es schreckte ihn nicht ab mit meinem Vater zu reden; er konnte sich nicht vorstellen, dass es tatsächlich so schlimm war.

Als er meinen Vater dann kennenlernte, wurde es ihm klar: Er warf ihn mit der Bemerkung "primitiver Arbeiter" aus dem Haus. Wir trafen uns aber trotz aller Drohungen und Verbote weiter. Eines Tages fragte ich ihn, ob er wüsste, wie man ein Kind machte. Er antwortete ja, aber er wollte wissen warum ich fragte. Ich erklärte ihm, dass, wenn ich ein Kind bekäme, er mich heiraten könnte und ich nicht mehr nach Hause müsste. Er sagte, er würde es sich überlegen.

Von Anfang an, als die wöchentlichen Lohntüten verteilt wurden, bekam ich nur einen Lohnabschnitt, der besagte, dass der Lohn als Vorschuss ausbezahlt worden war. Die Unterschrift meiner Mutter auf dem Papier zeigte, dass sie mein Geld schon eine Woche vorher abgeholt hatte. Das ging so für vier Monate, bis ich eines Tages in der Pause ohnmächtig und ins Krankenhaus gebracht wurde. Es wurde festgestellt, dass ich aus Schwäche und Unterernährung zusammengebrochen war. Daraufhin wurde mir fristlos gekündigt. Das schüchterte meine Eltern nicht im geringsten ein, denn sie fanden gleich wieder eine andere Stelle, bei der ich versklavt wurde; ich landete in der Gaststättenküche des Kaufhauses Steingass. Die Lohntüte war jedesmal genauso leer. Sie hatte den Lohn, wie zuvor, als Vorschuss abgeholt.

Eines Sonntag nachmittags, wir waren in der Zwischenzeit an einen anderen Ort gezogen, bekamen wir Besuch. Wie so oft, musste ich etwas zur Gelegenheit Passendes anziehen. Diesesmal sollte ich erwachsen aussehen und durfte sogar Lippenstift benutzen. Was ich aber am meisten hasste, war das Zurschaustellen meiner Stimme. Ich musste immer ein besonderes Lied, das drei verschiedene Oktaven erreichte und mehrere Male das hohe C beinhaltete, vorsingen. Das war der Tag, an dem ich betete, lieber Gott, ich will keine Singstimme mehr haben. Das war aber nicht alles. Die erwachsene Verkleidung hatte einen ganz anderen Grund, der mich so ziemlich zum niedrigsten Geschöpf Gottes machte. Ich sollte als Vierzehn-, fast Fünfzehnjährige mit einem Mann von fünfundsechzig Jahren verheiratet werden.

Als der Gast wieder gegangen war, wurde mir erklärt, dass er sehr vermögend sei, und die ganze Familie, wie es sich gebühre, in Wohlstand leben könne. Ich solle mir keine Sorgen machen, da ich mit Sicherheit bald Witwe sein würde, weil er Leberzirrhose habe und nur noch wenig Zeit zum Leben. Danach würde ich sein ganzes Geld besitzen, und wir alle hätten für immer ausgesorgt. Das war das Ende. Ich fing an mich zu wehren, indem ich eines Tages nicht mehr zur Arbeit ging.

Es war Montag und ich fuhr per Anhalter zu meinem Freund anstatt zur Arbeit. Er war aber schon in der Fabrik, so dass ich den Mann am Werktor bat ihn zu benachrichtigen, dass ich da sei und er bitte sofort kommen solle. Er kam und ich erzählte ihm, was am Wochenende vorgefallen sei. Er nahm sich sofort frei und brachte mich zu seiner Mutter nach Hause. Ich freute mich über den herzlichen Empfang in seinem Elternhaus, und seine Mutter sagte dann noch, es wird alles gut werden. Anscheinend wusste sie über alles Bescheid. Noch am selben Tag beschlossen wir, dass ich ein Kind bekommen müsse und dass dies die einzige

Lösung sei. Dabei kam das große Erwachen und auf einmal begriff ich, was ich vorher alles erlebt hatte. Bis zu diesem Zeitpunkt verstand ich gar nicht, dass all die sexuellen Belästigungen etwas zu tun hatten mit Kinder kriegen und trotzdem war mir noch nicht klar warum mein Bruder Lutz und alle anderen es taten, denn für mich war es pure Tortur.

Als wir fertig waren mit dem Kindermachen wurde er sehr böse und fing an mich eine Lügnerin zu heißen, und er würde jetzt auch verstehen, warum die anderen mich eine Schickse nannten, ich sei ja keine Jungfrau mehr. Für mich brach die Welt zusammen, denn ich verlor in diesem Moment den einzigen Menschen dem ich vertraute und wusste noch nicht einmal warum. Im Streit verließ ich sein Haus.

Ich war für ein paar Monate in ganz Deutschland per Anhalter unterwegs. Danach wurde ich krank und immer schmaler. Deshalb ging ich zur Polizei und bat um Hilfe. Sie informierten jemand von Jugendamt, die mich wiederum nach Hause schicken wollten. Ich wehrte mich mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln und erzählte, dass wir Kinder geprügelt wurden, dass meine Mutter mich verkauft hatte und jetzt auch noch an einen alten Mann verhökern wollte. Ich schämte mich zu sehr zu sagen, dass ich mehrere Male sexuell belästigt wurde.

Die Leute vom Jugendamt sagten mir sie könnten nichts dagegen tun, und ich müsste wieder nach Hause. Sie hätten mit meinen Eltern gesprochen, und die hätten sie gewarnt vor den Geschichten, die ich erzählen würde und dass ich eine sehr ausgefallene Phantasie hätte. Daraufhin wusste ich, dass ich die Leute nicht überzeugen konnte, also blieb mir nur noch drohen. Gut, sagte ich, wenn ich wieder nach Hause muss, werde ich alles tun, stehlen oder auch jemanden umbringen, damit ich wenigstens ins Gefängnis darf. Das war dann schockierend genug. Ich wurde in ein Mädchenheim in Augsburg gebracht, was aber nur die Zwischenstation für meine spätere Lehrstelle war.

Dort wurde ich erst einmal ins Krankenhaus gebracht, da ich seit längerer Zeit starke Unterleibs­schmerzen hatte. Ich hatte eine Operation, und als ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, erklärte mir die Heimleiterin, dass ich eine Eileiterschwangerschaft gehabt hätte. Mir war dann klar, dass mich mein Freud, dem ich vertraute, auch belogen hatte, als ich ihn fragte ob er wüsste wie man Kinder macht. Seinetwegen hatte ich eine Operation, seinetwegen hatte ich all diese Schmerzen. Selbst danach hatte ich noch immer keine Ahnung von menschlicher Fortpflanzung, und es klärte mich auch niemand auf.

Mehr über meine Lehrzeit im Mädchenheim Weiher

Ich bin dabei diese Geschichten in ein Buch zu indigrieren und habe deshalb nicht alles aus dem Manuskript publiziert.

  

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