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Offener Brief an
Psychologen, Therapeuten und Psychiater
von Sieglinde W. Alexander
Übersetzung von Reinhold W. Rausch
vom Original text in Englisch: „ Letter to:
Psychologists, Therapists and Psychiatrists“
Ich
will meinen Appell an Sie von einem menschlich gefühlten Standpunkt aus
formulieren und berichte daher zuerst über meine persönlichen
Erfahrungen als Klientin.
Nachdem ich 1993 die in meiner Kindheit erlittenen Kindesmisshandlung
beschrieben hatte litt ich unter Depressionen. Das ging so weit,
dass ich lieber sterben wollte als dem Schmerz und dem Entsetzen meiner
Kindheitserinnerungen und ihrem Wiedererleben ausgeliefert zu sein. Ich
wusste, ich brauche Hilfe und so machte ich einen Termin bei Kassen-
Therapeuten. Die Warteliste für einen Gesprächstermin war damals 12
Wochen. Ich war völlig deprimiert und mein Durchsetzungsvermögen war von
Angstzuständen derart lahmgelegt, dass mir keine andere Wahl blieb, als
mich mit der Situation, wie sie war, abzufinden. Und zusätzlich zu dem,
dass ich mich hilflos fühlte, beschuldigte und schalt ich mich auch noch
dafür, überhaupt Hilfe zu brauchen. Wie schon als Kind ergab ich mich
der Macht übermächtiger Autoritäten, von Experten, von denen ich doch
annehmen konnte, dass sie wissen, was sie tun.
In
diesen 12 Wochen des Wartens vollzog sich ein tiefgreifender heilender
Wandel in meinem Gehirn. Trotz meines depressiven Gesamtzustands empfand
ich damals zum ersten Mal so etwas wie ein heilsames Auftauen. Irgendwie
rührte das mit dem Aufschreiben verbundene Wiedererleben der
Traumatisierung an meiner Depression und brachte einen Heilungsprozess
in Gang. Ich konnte fühlen, wie eingefrorene und weggesperrte Bilder von
traumatischen Erinnerungen begannen aufzutauen und ins Bewusstsein zu
kommen. Die Wucht der vor dreißig Jahren schockgefrosteten Traumata
begann an Gewalt zu verlieren um statt dessen einen unabgeschlossenen
Prozess zuende zu bringen. Endlich fühlte ich, wie lose Enden ( Neurone
) in meinem Gehirn dabei waren, ihre Verbindungen zu suchen. Jedes
Ereignis, an das ich, versunken in meinen Kindheitserinnerungen,
rührte, führte mich in ein Flashback. Ich begann zu verstehen, warum ich
mein Leben lang Angst gehabt hatte. Dieses blitzlichtartige
Wiedererleben machte es möglich, viele der traumatischen Erlebnisse der
Vergangenheit zu verarbeiten und hinter mir zu lassen. Ich begann zuerst
mit einem kognitiven Einstieg, der mich in den Bereich des Ursprungs
und, auf einem Trampelpfad des Gefühls, schließlich an die Quelle
meines über vierzig Jahre alten Traumas und meiner Angst führte. Danach
war die eingeprägte Angst nicht mehr vernichtend; sie hatte ihre Kraft
verloren, weil der entsetzliche Schmerz und die Angst, die mit der
Erinnerung verbunden waren, zuerst gefühlt - und dann verschwunden
waren. Ich hatte aufgehört, ständig weiter die kindlich hilflosen
Empfindungen zu fühlen ( eines Kindes, das keine Worte besaß, sie aus zu
drücken ). Die losen Enden hatten endlich Verbindung zu einer
funktionierenden linken Hemisphäre aufgenommen und ich konnte das Gefühl
jetzt mit den Worten einer Erwachsenen ausdrücken, was ich als Kind
nicht konnte. Meine Hoffnung, in diesem Heilungsprozess Unterstützung zu
finden, war entsprechend beträchtlich.
Als
ich dann endlich meinen Therapeuten das erste mal sah, wurde dieser
Heilungsprozess gewaltsam unterbrochen. Ich wurde an eine Psychiaterin
überwiesen und was dabei raus kam war Wellbutrin und Verhaltenstherapie.
Ich
brachte meine Bedürfnisse zum Ausdruck, nämlich dass ich mit der
Regression und mit dem Fühlen weitermachen will, aber ich wurde nicht
gehört. Nach etwa 10 Sitzungen konnte ich dann ihre Hilflosigkeit
angesichts dessen fühlen, dass ich nicht bereit war, ihre Theorie der
Schmerz- „Managements“, also der Unterdrückung, zu schlucken. Ich wollte
heilen, wie ich ihr sagte, nicht erneut unterdrücken, aber sie verstand
gar nichts. Nach der zwanzigsten Sitzung streckte sie hilflos ihre Hände
in die Luft und fragte mich: “Welche Theorie passt denn nur auf Sie?“
„Ich brauch’ gar keine Theorie,“ sagte ich ihr, „ich will nur, dass sie
mir helfen zu heilen, indem sie meine Fragen zu all den Gefühlen, die
ich habe, ohne sie zu verstehen, beantworten“. Worauf sie meinte, ich
würde, da nicht psychologisch ausgebildet wie sie, ihre Erklärungen
sowieso nicht verstehen. Anstatt Hilfe zu bekommen wurde ich also
wiederum abgewürgt und beleidigt. Nicht lange danach schaute ich mich
nach einer anderen Therapeutin um. In der ersten Sitzung mit ihr teilte
ich ihr meinen Wunsch mit, Antworten zu finden und in meinem
Heilungsprozess Unterstützung zu bekommen. Ich legte ihr dar, dass es
für mich wichtig ist, die Verbindungen zu meinen Panikattacken und zu
den andauernden Angstgefühlen zu finden. Gelangweilt ließ sie mich
wissen: „Sie brauchen nicht zu wissen wie man versteht“. Daraufhin,
wieder mit dem Gefühl völliger Hilflosigkeit, verließ ich auch sie und
machte weiter mit Wellbutrin.
Nach und nach machten sich die Nebenwirkungen der Antidepressiva
bemerkbar und ich erwähnte meine Gewichtszunahme und andere neue
Symptome, wie Muschel- und Schokoladen- Allergie, Schlaflosigkeit und
Atemnot gegenüber meinem Psychiater. Er fertigte mich knapp damit ab,
dass die Gewichtszunahme von der Menopause käme und ging auf die anderen
von mir erwähnten Nebenwirkungen gar nicht erst ein. Nach 4 Jahren
Wellbutrin hatte ich 65 Pfund zugenommen obwohl ich weniger denn je zu
mir nahm.
Ich
wechselte 1998 wieder den Psychiater und der Neue setzte mich dann auf
Effexor.
Zusätzlich schöpfte ich 1999 neue Hoffnung als ich das erste Mal von
EMDR hörte und mich also auf Therapiesitzungen mit einem EMDR-
Spezialisten einließ. Nach etlichen privat bezahlten Sitzungen gelang es
mir, einen anderen, kassenbezahlten EMDR- Therapeuten zu finden und
wechselte auf finanziellen Gründen zu diesem.
Nach anderthalb Jahren stellte ich zu meiner Enttäuschung fest, dass
EMDR, was die Heilung meiner Angst und Panikattacken angeht, wirkungslos
war. Es half einzig zur momentane Unterdrückung. Die Symptome kamen,
kurz nachdem ich die EMDR Therapie beendet hatte, wieder.
Im
Jahr 2000 dann nahm ich alle mir noch zur Verfügung stehenden Kräfte
zusammen, beendete alle meine sogenannten „Therapien“ und hörte auf, die
Antidepressiva zu nehmen. Nachdem ich drei Monate lang unter den
Effexor- Entzugserscheinungen gelitten hatte, hoben sich daraufhin
langsam die Schleier in meinem benebelten Gehirn und ich fing an, wieder
als fühlender Mensch zu leben. Was mich am meisten ernüchterte war die
Feststellung, dass, nach zusammen 7 Jahren Einnahme von Antidepressiva,
sich rein gar nichts geändert hatte. Alle Symptome, die ich am Anfang
hatte, plagten mich noch immer. Die Panikattacken und die Traumata
meiner Kindheit waren noch immer genau so vorhanden wie 1993, als ich
anfing, diese Antidepressiva zu nehmen. Alles, was sie bewirkt hatten
war, dass ich, ohne die Depressionen losgeworden zu sein, sieben Jahre
lang als wandelnde Zombie herumgelaufen war.
Der
einzig wirkliche Effekt der Antidepressiva war ein Nachlassen des
Kurzzeitgedächtnisses, 65 Pfunde extra und neuerworbene Allergien. Die
Auswirkungen meiner traumatischen Kindheit aber waren immer noch sehr
spürbar vorhanden und beeinträchtigten meine Lebensqualität dramatisch.
Warum um alles in der Welt, fragte ich meinen Psychiater, musste ich all
diese gefährlichen Drogen schlucken? Stille war die Antwort und einen
guten Rat, wie ich meine seelischen Qualen los werden könnte, hatte er
erst recht keinen.
Wie
ich nur all zu spät herausfand, hatte Wellbutrin alle Vorgänge in meinem
Körper verlangsamt, inklusive die Funktion der Schilddrüsen. Abgesehen
von kurzen Unterbrechungen war mein Cortisol- Spiegel bei 4,8. Eines
meiner Symptome, die Atemnot, verschwand zwar, aber geblieben sind mir
die Muschel- und die Schokoladen- Allergie bis heute.
Die
Spitze des Eisbergs, 60 Stunden Gesprächstherapie ( mit vier
verschiedenen Therapeuten ) waren vergeudete Jahre und hatten nichts
anderes bewirkt als enttäuschte Hoffnungen und waren nicht mehr gewesen
als Schmerz- Verwaltung, mit anderen Worten, erneutes Unterdrücken,
Verdängen und Bevormunden des Bewusstseins des seelischen Leidens. Ich
wollte aber meinen Schmerz nicht „managen“, ich wollte nichts weniger
als die Wunden gravierenden Missbrauchs in der Kindheit auf Dauer zu
heilen. Und natürlich konnte das weder Wellbutrin noch
Gesprächstherapie. Wie jeder Patient war ich abhängig von den
Professionellen der Zunft und musste ihnen vertrauen. Aber meine Sorge
über die Gewichtszunahme und die immer noch verbliebenen Angstattacken
wurde glatt überhört. Was kann ein Patient, der unter ständiger
Depression, Angst und Schrecken leidet, denn auch anderes tun als denen
zu glauben, denen zu vertrauen, deren Aufgabe es ist, zu helfen? Nach
drei Monaten Effexor hatte ich einen ganz erheblichen Anteil meines
Kurzzeitgedächtnisses eingebüßt.
Als
klar war, dass ich die Hilfe, die ich benötigte, nicht bekommen würde,
habe ich die meisten meiner Symptome selbst in Angriff genommen. Ich
entschied mich dafür, mich bewusst auf meine Vergangenheit ein zu lassen
und meine unterdrückten Kindheitstraumata in einer Regressions- Selbst-
Therapie an zu gehen. Ich schuf [ u. a. durch Schreiben ] den Raum, in
dem unterdrückte Erinnerungen auftauchen konnten und ich reiste zwei mal
in meinen Heimatort um mich der realen Vergangenheit zu stellen. Ich
fühlte den Schmerz und drückte ihn aus und konnte dadurch die
festsitzende Traumatisierung verarbeiten. Mittels diesem natürlichen und
schrittweisen Verfahren und unterstützt von emphatischen Freunden, die
mir keine Etiketten aufdrücken und die mich nicht mit Theorien
abfertigen und die auch nicht ihre eigenen Beschränkungen auf mich
projizierten, fand eine natürliche Heilung statt. Nach jetzt drei
weiteren Jahren kann ich mich als eine seelisch gesundes und starkes
menschliches Wesen bezeichnen, und als frei von den Auswirkungen der
frühen Traumatisierung.
Nur
womit ich mich jetzt noch herumschlage, das sind die Spätfolgen von
Wellbutrin und Effexor, darunter ein erheblich verlangsamter
Stoffwechsel und ein teilweiser Verlust des Kurzzeitgedächtnisses.
Zum
Schluss möchte ich berichten, dass ich inzwischen von sehr vielen
anderen Missbrauchsopfern, Besuchern der Homepage Adults Abused as
Children [ Erwachsene, die als Kind Missbrauch erfahren hatten ]
kontaktiert wurde, die mir nicht allein von den erlittenen frühen
Traumatisierung sondern auch von ihren schmachvollen Erfahrungen mit
Psychiatern, Psychologen und Therapeuten berichtet haben. In ihrer
Hilflosigkeit hatten sie sich an die verschiedensten Organisationen,
nicht zuletzt auch an kirchliche Stellen gewandt. Von diesen Opfern
haben einige über zehn Jahre Therapie hinter sich – ohne den geringsten
Fortschritt. Die meisten von ihnen nehmen Antidepressiva und / oder
wurden mittels verschiedener Ansätze hauptsächlich dahingehend
„umprogrammiert“, neue Techniken zur Unterdrückung ihrer Traumata zu
erlernen. Einige von ihnen wurden religiös indoktriniert und sind nun
der festen Überzeugung, dass der blinde Gehorsam gegenüber einem
allmächtigen Gott ihr Leben ändern und sie heilen wird.
Aber die Auswirkungen der Kindheitstraumata, die Angstzustände und die
Depressionen, werden nicht verschwinden, wenn nicht die Traumatisierung
selbst verarbeitet wird. Weitere Störungen und Nebenwirkungen werden das
Leben all derer prägen, denen keine Gelegenheit zu heilen geboten wird.
Ich
habe aber nur sehr wenige Therapeuten kennen gelernt, die wie ich davon
überzeugt sind, dass die verletzte Seele heilen kann, wenn wir es nur
zulassen, wenn wir nur diesen Prozess emphatisch, und ohne zu urteilen
oder zu etikettieren, menschlich begleiten und wenn wir darauf
verzichten, demjenigen, der sich selbst sucht, unsere Theorien über zu
stülpen. Leider fehlt den meisten therapeutisch tätigen Professionellen
das Rüstzeug für eine derartige Herausforderung. Oft ist es mein
Eindruck, dass gerade Therapeuten, aufgrund ihrer eigenen Kindheits-
Traumatisierung, zu diesem emphatischen Beistand am wenigsten in der
Lage sind. Oft genug führt das dazu, dass sie vielmehr ihre eigenen
unbewussten Kindheitsgefühle ausagieren als tatsächlich Wegbegleiter der
Heilungsreise des Klienten zu sein.
Meine dringende Bitte an alle Professionellen ist:
Respektieren Sie den Menschen. Unterstützen Sie die Klienten darin,
ein Gefühl für ihr inneres Selbst zu bekommen und beantworten Sie deren
Fragen - ohne für sich selbst Überlegenheit zu beanspruchen.
Wenden Sie ihre Professionalität mit großer Behutsamkeit an und nur
als Mittel zum dem Zweck, Freiheit zu ermöglichen und nicht, um
auf der Grundlage vorgefasster Theorien neue Hilflosigkeit und
Abhängigkeit zu schaffen.
Lehren Sie dem psychologischen Nachwuchs, neben dem übrigen
Lehrplan, auch die wichtigste Lektion von allen: dass jeder Mensch mit
einer vollständig intakten rechten Gehirnhälfte auf die Welt kommt und
also zeit seines Lebens ein unveräußerliches Recht auf seine Gefühle
besitzt.
Vor allem aber rufe ich alle diejenigen, die Psychologie oder
Psychiatrie aufgrund persönlicher Erfahrungen als Fach gewählt haben,
zuerst das eigene Trauma zu fühlen und zu heilen, bevor Sie mit dem
Wissen Ihrer linken Gehirnhälfte Menschen gegenübertreten, die im
Schmerz sind. Die Heilung seelischen / emotionalen Schmerzes kann nicht
einzig und allein aus der Wissen der linken Gehirnhälfte heraus
erfolgen, wir alle wurden auch mit einer perfekt funktionierenden
rechten Hemisphäre geboren, als fühlende Wesen. Dieser emotionale Leib
ist es, der durch Missbrauch und Trauma beschädigt und zerstört wird.
Sieglinde W. Alexander
Adults Abused
as Children Worldwide
www.aaacworld.org
Kommentar
von Siegfried Petry
"Ich wundere mich nicht, dass du kein Echo erhalten hast, sie sind
offenbar mit Blindheit geschlagen und wären tief verunsichert, wenn sie
deine Klagen wirklich ernst nehmen würden".
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