Verdrängung und Bewusstsein
von Sieglinde W. Alexander
Es ist der 29. Mai
und ich bin seit 4. April in den Vereinigten Staaten. Meine Flucht aus einem
Land und seinen Menschen, die meine Seele mit ihrer einfühlungslosen
Selbstgerechtigkeit quälten, schien meinem Gemüt hilfreich zu sein. Das
Leben mit einer neuen Freundin und ihrem Ehemann in einem Haus der oberen
Mittelklasse, in einer Nachbarschaft von Direktoren, CEOs und anderen
intelligenten und finanziell wohlsituierten Leuten hatte mir ein Gefühl von
Sicherheit gebracht.
Der Blick aus dem Fenster
um 10 Uhr nachts, der Anblick des gut gepflegten Rasens, die leere Straße
und die unheimliche Ruhe klopften an ein Gefühl an, das ich verdrängt hatte.
Wie undankbar ich bin, hatte ich gedacht. Hier ist alles, wonach ich gesucht
habe, Wohlstand, Glanz, Anerkennung, der Aufstieg auf der Leiter zum
perfekten Leben. Dafür kam ich hierher, mahnte ich mich selbst. Ich muss
mein eigenes Geschäft aufbauen, genau wie in Deutschland, und in einer
Nachbarschaft wie dieser leben, wo die Leute einander respektieren und wo
jeder ‚wer' ist. Ich unterdrückte ein nagendes aufsteigendes Gefühl, das
Schmetterlinge in meinem Bauch freigesetzt hatte, als ich zu Bett ging.
2 Uhr morgens. Ich wachte
schweißgebadet von einem Traum auf, in dem ich in der Mitte eines sehr
großen weißen runden Raumes ohne Wände, aber mit Hunderten von Türen stand.
Eine Stimme sagte mir, dass mein Leben von dem Geheimnis und dem Wissen
abhänge, das hinter all diesen Türen ruhe. "Welche Tür soll ich zuerst
öffnen?", fragte ich die Stimme, die mir nicht antwortete. Als keine Antwort
kam, ging ich auf die Tür vor mir zu. Aber als ich den ersten Schritt in
Richtung der Tür tat, begannen alle Türen sich nach links im Kreise zu
bewegen. Mit jedem Schritt näher auf die Tür zu begann sich die Wand
schneller zu drehen. Benommen und verängstigt griff ich nach der Tür. Dann
hörte das Drehen auf. Langsam öffnete ich die weiße Tür, konnte aber nicht
sehen, was dahinter lag. Statt dessen begann der Raum sich wieder zu drehen,
diesmal nach rechts, wobei ich mich an der offenen Tür festhielt. Der
Angstpegel wurde unerträglich. Ich wachte auf.
Der nächste Tag war ein
Sonntag und ich begleitete meine Freundin Bennie zu ihrer Kirche; ihr Mann
blieb zu Hause. Unterwegs im Wagen fragte mich Bennie, ob ich gut geschlafen
habe. "Nein", antwortete ich ehrlich, "ich hatte einen Alptraum. Ich muss
zuviel von dem guten Essen, das du gekocht hast, zu mir genommen haben",
beruhigte ich sie mit meinem gebrochenen, meistens gestikulierendem Englisch,
in der Hoffnung, dass sie nicht enttäuscht war. "Ach ja", antwortete sie,
"das kann jedem von uns passieren. Vergiß' es einfach und vergnüge dich." "Ja,
genau das brauch' ich", sagte ich, "Spaß haben hilft uns den Unsinn
schauriger Träume zu vergessen."
Und es hatte geholfen,
wenigstens für die nächste Stunde. Ich begegnete vielen Menschen, die
neugierig darauf waren, diese deutsche Lady zu treffen, die gerade eine
schwarze Kirche besuchte, obwohl ich ihre Willkommensworte nicht verstand.
Als der Gottesdienst
begann, versuchte ich zu verstehen, was der Pastor sagte, aber meine
Gedanken wanderten ab zu der offenen Tür in meinem Traum. Der Chor sang, und
dann begann ein Solist zu singen. Wiederum verstand ich die Worte nicht, die
er sang, aber seine gütige Stimme und die sanfte Melodie schalteten das
Licht an in dem Zimmer der offenen Tür aus meinem Traum.
Ich hörte die Worte ‚Lieber
Geist komm' über meine Seele', und ich verstand sie, als mich eine rollende
Woge von Schmerz in den Kirchenstuhl hineinpresste. Jäh sprang ich auf. Ich
war verblüfft von meiner eigenen Reaktion, fühlte mich peinlich berührt und
löste den unangenehmen Moment schnell, indem ich Bennie zuflüsterte: "Tut
mir Leid, aber ich muss zum WC." Verwirrt über das, was mit mir geschah,
stand ich draußen vor der Tür und befahl mir selbst, jeden möglichen
emotionalen Ausbruch zu kontrollieren und spottete solange über mich selbst,
bis ich wieder volle Kontrolle über mich hatte.
Nach der Kirche scharten
sich einige aus der Gemeinde um mich, und viele fragten, ob mir das Lied
gefallen habe. Verlegen sagte ich "ja", aber mit einer Entschuldigung für
mein störendes Verhalten. "Oh, keine Ursache", versicherten alle mit einem
empathischen Lächeln. "Es ist der Heilige Geist, der dich in Bewegung setzte".
Sie bestanden darauf, dass ich von religiöser Erkenntnis erleuchtet worden
sei. Ich hätte wirklich gerne ihre Version der Ereignisse übernommen.
Es wäre eine Erklärung
gewesen für das, was ich gefühlt hatte, aber etwas in mir wollte ihre
religiöse Erklärung, worum es sich bei meinem Gefühl gehandelt hatte, nicht
ganz akzeptieren. Es war keine spirituelle Art von Gefühl, was ich gehabt
hatte. Es war ein reales Gefühl, ein tiefes Empfinden frühen Schmerzes, der
viele Jahre lang aufbewahrt und durch einen emotionalen Auslöser freigesetzt
worden war. Das Gefühl hatte sich nach den Feierlichkeiten noch nicht gelegt,
und ich spürte das Verlangen alleine zu sein, als ich von der fröhlichen,
lachenden Menge fortging, um eine Zigarette zu rauchen.
Ich stand verborgen
hinter einem Oleander - Busch, als ich plötzlich begann, ein Lieblingslied
aus meiner Kindheit zu hören: So Nimm Denn Meine Hände. In meinem Geist
erklang dieses Lied als Teil eines Duetts mit Lieber Geist Komm Über Meine
Seele, und es erschien das Bild, wie ich gerade in der Kirche meiner
Heimatstadt saß.
Ich sah mich selbst als
12jährige, die ein Lieblingslied mit der Gemeinde sang und leise weinte,
hoffend, Jesus werde meine Sünde und meinen Schmerz vom Tag zuvor von mir
nehmen. Nachdem ich in den Schulferien den ganzen Tag an der Tankstelle
meiner Eltern gearbeitet hatte, hatte mich ein Bekanter meiner Eltern auf
seinem Weg nach Hause mitfahren lassen, während meine Eltern
weiterarbeiteten.
Er hatte mich um 22 Uhr
an der Hauptstraße abgesetzt und ich hatte die gewohnte Abkürzung nach Hause
durch den Friedhof genommen. Wie in einer Live - Videoaufzeichnung sah und
fühlte ich den quälenden Schmerz, die qualvolle Angst und Schuld, als ich
vor Jahrzehnten auf dem Friedhof nahe dem Grab meiner Großmutter von einem
jungen Mann aus der Stadt vergewaltigt worden war. So überwältigend und
schmerzvoll die Erinnerung auch war, so fühlte ich doch, wie eine plötzliche
wohltuende Gemütsruhe meinen Körper durchdrang. Ohne Worte hatte ich die
Botschaft vollkommen verstanden, die in der Finsternis meines Alptraums
hinter der Tür verborgen war. Es war das Tor zu Schmerz und Schuld, die ich
in meinem Traum geöffnet hatte. In Gedanken sagte ich zu mir selbst: "Es war
nicht dein Fehler, kleine Sieglinde."
Im gleichen Augenblick
fühlte ich, was mein früherer Traum in Italien und dieser gemeinsam hatten.
Beide umfassten dasselbe furchteinflößende Gefühl einer heilsamen
Wiederverknüpfung zwischen dem Spalt in mir selbst, der durch ein Trauma
viele Jahre früher geschaffen worden war.
Bennie unterbrach meine
emotionale Reise. "Komm", sagte sie, "ich möchte dich dem Burschen
vorstellen, der Lieber Geist.... gesungen hat". Freundlich schüttelte ich
seine Hand, als ich sein Gesicht erforschte und den wirklichen Grund zu
begreifen versuchte, warum er diese Hymne gesungen hatte und warum gerade an
diesem Tag.
Vierzehn Monate später
sollte der Solist mein Ehemann werden. Seit dem Tag, an dem ich Lieber Geist
Komm Über Meine Seele hörte, fragte ich mich, ob die emotionalen Ausbrüche
von Kirchengängern - besonders von schwarzen - gefühlvolle Religiösität
benutzen, um unbewusst tief verborgenen Schmerz auszulösen. Ich sehe die
Emotionen, die bei diesen Zeremonien aufgewühlt werden, als Tür zum Primalen,
aber auf einer völlig anderen Ebene.
Obwohl während solcher
religiöser Zeremonien tiefe Emotionen ausgedrückt werden, wird keine
Verknüpfung zur ursprünglichen Quelle des Schmerzes hergestellt. Folglich
wird der Primärprozess nicht vollendet, und der gleiche oder ähnliche
Schmerz wird immer wieder‚ aufgetischt.
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Übersetzung: Ferdinand Wagner
Ich
bedanke mich bei Ferdinand Wagner für seine ausgezeichnete Übersetzung, die
mit sehr viel Einfühlungsvermögen und Wissen geschieben ist.
Sieglinde
W. Alexander
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