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Besprechung von John A. Speyrer
Uebersetzung von
Ferdinand Wagner
„Sehr früh in meiner Kindheit lernte ich, meine Gefühle und Bedürfnisse zu
ignorieren. Später als Zwölfjährige stempelte ich mich sogar als schmutzig
und unwürdig ab. Im Alter von 16 wollte ich nicht mehr leben. Ich fühlte
mich so wertlos und unvollkommen, und – was mein Elend noch mehrte- ich
hatte Psoriasis.“
Aus Quälende Schatten aus der Vergangenheit , Kapitel 3 – Die
Weigerung sich selbst zu lieben
---Sieglinde
W. Alexander
Sieglinde W.
Alexander, gegenwärtig eine Einwohnern Kaliforniens, hat eine Autobiographie
über den Schmerz und das Leiden geschrieben, das ihr widerfuhr, als sie im
Nachkriegs – Deutschland aufwuchs.
Die Autorin war von Kindheit an und ihr gesamtes Jugendalter hindurch
entsetzlichem Misshandlungen ausgesetzt. Auf ihrer Buch – Website schreibt
sie: „Es ist meine Schlussfolgerung, dass die Langzeit – Konsequenzen von
Missbrauch in der Kindheit ein Tabugegenstand sind, der von der Gesellschaft
und den Führern in der Regierung vernachlässigt, ja beinahe gänzlich
gemieden wird.“ Sie ist entmutigt von der verfügbaren Hilfe, die von Organen
der Regierung und der Psychiatrie angeboten wird, und glaubt, dass „wir
zuerst den bereits existierenden Schaden reparieren müssen, um weiteren
Missbrauch zu verhindern. Andernfalls werden Opfer fortfahren, noch mehr
Opfer zu erzeugen. Wenn keine Hilfe bereit gestellt wird, werden sich die
als Kind erlernten Verhaltensmuster wiederholen. Ich würde gerne das Wissen,
das ich habe, dazu benutzen, beim Aufbau der Organisation‚
Adults Abused
as Children Worldwide
http://www.aaacworld.org (Erwachsene
Misshandelt als Kinder – Weltweit) zu helfen.“
Manche Leser könnten glauben, das Material in diesem Buch habe für
sie keine besondere Bedeutung, da sie niemals frühe körperliche
Misshandlungen erlebt haben. Sie könnten sich irren. Sie werden es
eindrucksvoll finden, wie die Autorin schreibt, dass sie überrascht war von
der Intensität der Langzeiteffekte, auch wenn es nur darum geht, ständig
angeschrieen zu werden.
Quälende Schatten aus der Vergangenheit
ist zur Zeit vergriffen. Aber die Autorin hat großzügigerweise ihr Buch für
die Lektüre im Internet unter
www.boxbook.com in Englisch zur Verfügung gestellt.
Nachdem
sie im Alter von 47 Jahren eine Journalistenschule besucht hatte, begann
Sieglinde W. Alexander über ihre von Misshandlung und Missbrauch geprägte
Kindheit zu schreiben. Sie litt ein Leben lang unter Depressionen, und ihre
Symptome verstärkten sich, als immer mehr Erinnerungen aus ihrer deutschen
Kindheit ans Tageslicht kamen. Während sie einen Herausgeber suchte,
überarbeitete sie ständig ihr Manuskript. Das stellte sich für sie als
therapeutischer Durchbruch heraus, zumal der Prozess des Überarbeitens
weitere aufschreckende Erinnerungen hervorbrachte.
Ohne je davon
gehört zu haben begann sie mit einer regressiven Selbst - Primal – Technik.
Erst viel später erfuhr sie, dass J. Konrad Stettbacher damit berühmt
wurde und diese Therapie in seinem Buch ‚Making Sense of Suffering' (Wenn
Leiden einen Sinn haben soll')
beschreibt. Stettbacher spricht sich für eine biographische Schreibtechnik
aus, die er „Schreibtherapie“ nennt, wenn die Umstände die „Live-Arbeit“verhindern,
die er - für ihn eher typisch- empfiehlt.
Nun begann Sieglinde W. Alexander Psychologie zu studieren und gelangte zu
der Überzeugung, dass es notwendig sei, den Ursachen ihrer Symptome weiter
nachzuspüren, wenn sie von einem ganzen Leben voller neurotischer Symptome
befreit werden wollte.
Und sie spürte, dass ihre Nachforschungen die Rückkehr in ihre Heimatstadt
Harburg/Schwaben in Deutschland einschließen mussten. Die Stadt datiert
zurück ins Jahr 950 und ist wohl bekannt wegen ihrer berühmten Burg.
Die Rückkehr in die Stadt ihres frühen Lebens, gekoppelt mit intensivem
Schreiben, löste in ihr Wiedererlebnisse von Traumen ihrer Kindheit aus.
Erinnerungen, die verdrängt waren, begannen zurückzukehren. Die immer neuen
Details, die sich aufzuschließen begannen, ließen sie erkennen, dass ihre
Kindheit sogar noch schlimmer war als sie vermutet hatte.
Die Autorin fing an, ihre Erinnerungen abzutasten, wie sie häufig mit einem
schweren Wasserschlauch geschlagen wurde, wie sie sexuell missbraucht und
gezwungen wurde, mit ihren Brüdern für die Familie zu stehlen.
Als sie in ihre Heimatstadt in Deutschland zurückkehrte, war die berühmte
Burg die erste Ansicht der Stadt Harburg. Die Burg und ihre Anlagen waren
für Sie ein Ort, der Sicherheit gewährte, wenn sie sich verstecken musste.
Alleine schon in die Stadt zu fahren hatte sie in Panik und Angst geraten
lassen. Viele Erinnerungen und Gefühle von Scham und Furcht kamen zu ihr
zurück – und genau das hatte sie während eines Großteils ihrer Kindheit
verspürt - immer im Ungewissen, wann die nächsten Prügel folgen würden. Sie
war in Versuchung, an der Tür des Hauses ihrer Kindheit zu klingeln,
entschied sich aber dagegen, da sie ängstlich war.
Ein Besuch auf dem Friedhof brachte Erinnerungen an ihre Lella zurück, ihre
Lieblingsgroßmutter. Auf dem Weg zur Molkerei hatte Lella mit der Milchkanne
in der Hand nach der Tür gegriffen um sie zu öffnen. Die fiel plötzlich
scheppernd zu Boden, wobei das blaue Emaille der Kannen – Außenseite
absplitterte und sich auf dem ganzen Boden verstreute. Dann sackte s i e zu
Boden. Alle kamen gerannt und man trug Großmutter Lella in ihr Schlafzimmer.
Lella verstarb augenblicklich. Aber die kleine Sieglinde konnte es nicht
verstehen und fragte sich, warum denn der Doktor nicht kam und Lellas Kopf
verband? Warum waren da Leute, die sie nie zuvor gesehen hatte, überall im
Haus? Sie schlich ins Schlafzimmer, kuschelte sich eng an ihre Großmutter
und dachte „Lella, schlaf’ du nur weiter, ich werde mich neben dich legen
und deine unterkühlte Hand wärmen.“
Ein Arzt traf ein. Klein – Sieglinde wollte bei der Großmutter bleiben,
damit der Doktor ihr nicht weh tun würde, aber man brachte sie aus dem
Schlafzimmer. Großvater weinte und erklärte ihr, dass Lella in den Himmel
aufgefahren sei.
Die kleine Sieglinde schaute durch die Schlafzimmertür und sah, wie Männer
ihre Lella in eine lange schwarze Kiste legten. Als sie den Deckel des
Sarges schlossen, begann Klein – Sieglinde zu schreien. „Lella kann nicht
atmen,“ jammerte sie. Dann fiel sie in Ohnmacht. Nach dem Tod der Großmutter
änderte sich alles.
Am Tag der Beerdigung lief sie zum Grab, als der Sarg gerade in die Erde
gesenkt wurde. Just als sie in das frisch ausgehobene Grab hinabspringen
wollte, zog sie jemand weg. Wieder fiel sie in Ohnmacht und wachte in ihrem
Haus auf, nachdem die Beerdigungszeremonie vorbei war. Man erlaubte
Sieglinde nicht, ihren Großvater noch einmal zu besuchen. Niemand sorgte
sich um den Verlust, den diese Vierjährige erlitten hatte. Ihr Vater sagte,
dass sie sich nun an SEINE Methoden gewöhnen müsse.
Das war der Anfang von Misshandlungen, die sie schwer traumatisierten und
sie mit lebenslangen psychischen Narben zurückließen.
Bald danach wurde die Autorin Zeuge, wie Ihr Vater ihren Opa schlug und
trat, unmittelbar bevor der Großvater aus seinem eigenen Haus genötigt
wurde.
So hatten sich im Leben der Vierjährigen mit dem Verlust ihrer verehrten
Lella und dem Weggang ihres Großvaters zwei drastische Umwälzungen
abgespielt. Und nachdem ihr geliebter Großvater das Haus verließ, das
ursprünglich sein eigenes Heim gewesen war, gestattete man der kleinen
Sieglinde nie mehr, ihn zu besuchen.
Nachdem sie ein paar dieser entsetzlichen Erinnerungen in einem
therapeutischen Prozess entdeckt und gefühlt hatte, der durch das konkrete
Niederschreiben ihrer Autobiographie ausgelöst worden war, schrieb die
Autorin:
„Ich empfand
ein Gefühl der Erleichterung, als hätte ich endlich die schwere Last
abgelegt, an der ich trug. Ich war nicht das Kind , das über den Tod seiner
Lella weinte. Ich war nun die Erwachsene, die vor Erleichterung für das Kind
in mir aufschrie, das nach all diesen Jahren endlich von Trauer und Schmerz
losgelassen hatte und sie durch eine liebevolle Erinnerung ersetzte. Die
Tränen hatten eine Stelle in meinem Inneren entleert, die nun nach Füllung
verlangte.“
Sieglindes Mutter hatte noch ein Brüderchen zur Welt gebracht. Sieglindes
Vater zwang sie Reissuppe zu essen, die sie verabscheute. Ihr Vater pflegte
mit einem Bambusstock neben ihr zu stehen und zu warnen: „Das wird dich
wirkliche Disziplin und Ordnung lehren.“ Auch wenn sie sich in das Teller
erbrach, schlug er sie mit dem Stock.
Sofort schöpfte er eine frische Portion obenauf und bestand darauf, dass sie
es esse. Sie aß es, musste aber bald in den Waschraum laufen und übergab
sich erneut.
In Quälende Schatten aus der Vergangenheit schreibt sie, dass ihr
Leben vielleicht nicht gänzlich schlecht war aber dass das Schlechte
vorherrschte. Als sie und ihr Bruder es einmal versäumten, den Käfig ihres
Meerschweinchens zu reinigen, tötete ihr Vater das Haustier. „Wir schauten
einander an, machtlos, als die Tränen in unserer Kehle erstickten.“ Sie
schrieb: „Wir hatten zuviel Angst zu weinen.“ Dann mussten sie ihr geliebtes
Haustier wegräumen und begraben.
Ihr Vater brüllte: „Ich hab’ euch faulen Bälger
nie gewollt. Es war der Fehler eurer Mutter, dass ihr geboren wurdet, nur
meine Gnade erlaubte euch zu leben. Ich hätte euch schon lange zu Tode
geprügelt,. Aber es wäre sicherlich nicht wert gewesen, dafür ins Gefängnis
zu gehen.“
Über die Jahre hatte ihr Vater ihr eingebläut, dass „sie unwürdig, blöd,
nicht gut und des Essens nicht wert sei“, das sie zu sich nahm.
Als sie ihre Selbsttherapie fortsetzte, kehrte Erinnerung um Erinnerung
zurück:
„Ich würde
Erinnerungen aus der Vergangenheit und der Gegenwart vergleichen. Je näher
ich dem Schmerz kam, desto mehr versuchte meine Psyche sich zu verschließen.
In meinen Gedanken sagte ich meinem Vater all das, was ich ihm gerne gesagt
hätte, als ich ein Kind war.“
„Die
Vergangenheit war gegenwärtig, die Zeit dazwischen hörte auf zu existieren
und alles, was ich fühlte, war nun so real als ob es gerade geschähe. Wie
konnte ich all die Jahre existieren, fragte ich mich selbst. Wie konnte ich
so viele deprimierende Gedanken mit mir herumschleppen? Wie haben sie mich
beeinträchtigt? So viele Fragen, auf die ich keine Antworten finden konnte,
genau wie ich sie zu jener Zeit nicht finden konnte, als sie geschahen.“
Als Kind, schreibt sie, fürchtete sie, durchdrungen von Schuldgefühlen, alle
zehn Gebote gebrochen zu haben. Für sie war es angemessen zu glauben, sie
habe schwer gesündigt, um so eine fortwährende brutale Unterjochung verdient
zu haben. Sie sagt, sie konnte niemals einem Gebot gehorchen: „Du sollst
Deine Mutter und Deinen Vater ehren.“ Sie glaubte, dass dieses Gebot nur auf
Kinder zutreffen würde, deren Eltern sie liebten.
Ein Problem, das eine lange Fortdauer haben sollte, war aufgetreten, als ihr
Vater beschloss, ihr einen Lesetest vorzusetzen. Nachdem sie über ein Wort
im zweiten Absatz des Textes gestolpert war, schlug er sie mit dem
Bambusstock. Nach der zweiten falschen Aussprache schlug er sie auf den
Kopf. Sie war so verwirrt, dass sie nicht weitermachen konnte. Er sagte, sie
sei nutzlos und zum Lernen zu dumm.
Von jenem Tag an bis zur Gegenwart war sie unfähig, laut zu lesen, und sie
schreibt, dass es ihr half, die Ursprünge der Dyslexie (Leseschwäche, Anm.
d. Ü.) zu begreifen.
Ihr Großvater hatte ihr Geld gegeben; Geld, um Konfirmationskleider und
Schuhe zu kaufen, aber ihre Mutter hatte ihr nichts davon gesagt und das
Geld behalten. All die anderen Mädchen in ihrer Konfirmationsklasse hatten
neue Kleider für das Ereignis, aber sie musste in Schmach und Verlegenheit
ein älteres, unattraktives Kleid tragen.
Weil sie es eines Tages versäumt hatte, frische Milch in einen steinernen
Behälter zu gießen um sie frisch zu halten, wurde die Milch sauer. Als ihr
Vater diesen Lapsus herausbekam, brachte er sie zum Waschraum, wo er die
Milch über ihren Kopf goss und ihr dann einen ungleichmäßigen „Haarschnitt“
verpasste, wobei er sie manchmal sogar in die Kopfhaut schnitt. „ Ich werde
dir beibringen, Sachen zu respektieren, die Geld kosten,“ sagte er und
spülte sie dann mit eiskaltem Wasser ab. In der Schule war sie entsetzlich
erniedrigt, bis ihr Haar schließlich nachwuchs. Später im Leben sollte sie
dieses Trauma extrem unbehaglich fühlen lassen, wenn sie einen Haarschnitt
erhielt. Einmal musste sie wegen tiefer Qual sofort aus einem
Schönheitssalon heraus, als sie der Friseur unbeabsichtigt in die Kopfhaut
ritzte.
Einmal gab ihr ein Freund eine als Andenken aufbewahrte Halskette, die sein
Vater seiner Mutter gegeben hatte. Als sie nach Hause kam, rief sie ihr
Vater. Als sie das Zimmer betrat, sah ihr Vater die Halskette und schrie:
„Da ist sie, unsere kleine Neger – Hure!“
Die Autorin fährt fort:
„Noch ehe mir
klar wurde, wovon er sprach, spürte ich seine Hand an meinem Hals, wie sie
mich gegen den Türrahmen drückte und mich würgte. Mit seiner anderen Hand
griff er nach der Halskette und riss sie herunter, bevor er mich mit seiner
Faust von oben auf den Kopf schlug. Alles, woran ich mich erinnere, bevor
ich umkippte, war, dass ich nach hinten fiel, gerade ein paar Zentimeter von
der Treppe entfernt.
Ich erwachte,
als er wieder die Tür öffnete. Er war außer sich vor Wut und benahm sich wie
ein Wahnsinniger. „Bist du noch immer hier?“, brüllte er, „Geh zum Teufel!“
Ein rascher Tritt mit seinem Fuß, und ich purzelte die Treppe hinab.
In Panik
sprang ich auf und rannte aus dem Haus. Ich hielt erst an, als ich das Wehr
erreicht hatte. Dort versteckte ich mich bis zum nächsten Morgen. Die ganze
Nacht musste ich daran denken, was geschehen war und wie sehr ich meinen
Vater hasste. Seine kalten grau – grünen Augen ließen mich erschaudern. Sein
schwarzes Haar und auch sein Schnurrbart waren glatt gekämmt, um Hitler zu
ähneln. Ich schwor, dass ich niemals auf so kaltherzige, arrogante,
selbstgerechte Weise handeln würde, wie er es tat.
Ich schlich
mich zum Haus zurück, nachdem mein Vater gegangen war. Ich wechselte meine
Kleidung, wusch mein Gesicht und trank ein Glass Milch, bevor ich meine
Brüder aufweckte, um sie für die Schule fertig zu machen.“
Bei einer Gelegenheit schwang ihr Vater einen Gummischlauch nach ihr und
schlug sie vom Fahrrad. Dann verdrosch er sie weiter mit dem Schlauch, bis
sie das Bewusstsein verlor. Bei einer anderen Gelegenheit schlug er sie,
„bis das Blut (an ihren Beinen) herunterlief“ und ließ sie auf dem
kalten Beton Boden des Waschraums
liegen. Als sie schließlich wegen der Brutalität ihres Vaters von Zuhause
floh, ging sie zu einem türkischen Freund, der ihre Wunden verband , sie
tröstete und dann als Gegenleistung sexuelle Gefälligkeiten wollte. Er
drohte damit, ihren Vater zu rufen, um sie zu verleiten und ‚rumzukriegen’.
„Früh am
nächsten Morgen zeigte sich meine Mutter. Ich konnte den Auftritt, den sie
vor Hassan inszenierte, nicht glauben. Sie hatte Tränen in den Augen und
heuchelte, mein Vater habe mich niemals zuvor geschlagen. Mein Hass auf alle
Leute war an jenem Tag unbeschreiblich und wuchs ständig. Alles, woran ich
denken konnte, war, dass ich von Zuhause fort musste.“
In derselben Nacht, als sie von einem Angestellten vergewaltigt worden war,
befahl man ihr, ins Schlafzimmer ihrer Eltern zu gehen und: „Leg dich
zwischen uns und erzähl uns, was heute geschah.“ Dies war das Vorspiel zu
extremer sexueller Berührung durch ihren Vater.
„Dies stieß
meine Hoffnung und meinen Glauben an moralische Gerechtigkeit oder einen
Gott um. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich das Recht hatte, mich selbst
zu beschützen, zumal das Wort „Nein“ keine Macht besaß. Diese
unbeschreibliche menschliche Schmach und Erniedrigung hinterließ Narben, die
ich bis zum heutigen Tage noch nicht überwunden habe.“
Sieglinde schreibt, dass der Anblick eines Mädchens, das im Fernsehen auf
dem Schoß ihres Vaters sitzt, Erinnerungen an ihren frühen Missbrauch
auslöst. Nach dem doppelten sexuellen Missbrauch jenes Tages entwickelte sie
überall am Körper Psoriasis, die noch immer anhält.
Sogar das Spielen mit den Kindern in der Nachbarschaft war verboten. Wenn
ihre Mutter gefragt wurde, ob sie mit den anderen Kindern spielen könnten,
antwortete sie gewöhnlich: „Habt ihr nichts Besseres zu tun? Ich werd’ euch
von eurer Faulheit kurieren.“ Dann machte sie eine Liste mit Dingen, die sie
geradewegs erledigen mussten.
„Mein ganzes
Leben ging all meine Energie in Selbstverteidigung auf. Als Erwachsene
erkannte ich, dass ich eine Mauer um mich errichtet hatte. Was ich zu jener
Zeit nicht wusste, war, dass dieselbe Mauer jedes Vergnügen und jeden Genuss
von meinem Leben fernhielt. Ich konnte nicht auf richtige Weise reagieren,
weil meine Einprägung mir sagte „wenn jemand nett ist zu mir, muss ich etwas
als Gegenleistung geben.“ Ich war sehr ängstlich Männern gegenüber, weil
meine Erfahrungen als Kind mir sagten, dass sie nur meinen Körper wollten.
Diese Erinnerungen verfolgten, ja, peinigten mich. Könnte ich jemals
Erleichterung finden?“
Als Sieglinde etwa zehn Jahre alt war, zog ihr Halbbruder Lutz mit der
Familie ein. Er war der Sohn ihres Vaters aus einer früheren Ehe, 18 Jahre
alt und
gutaussehend. Auch Lutzs Großmutter zog ein, denn sie sollte die neue
Haushälterin werden. Sieglinde schlief in der Küche, und es war ihr nicht
erlaubt, sich auf die drei Jungs einzulassen. Wenn sie von der Schule
zurückkam, erledigte sie die Bügelarbeiten, aber sie räumt ein, dass die
Situation besser war als die Prügel, die ihr Vater ihr zu verabreichen
pflegte, trotz der Tatsache, dass Frau Jauernik, die Haushälterin, herrisch
und kritisch war.
Da sie auch an der Tankstelle arbeiten musste, sagte ihre Mutter zu
Sieglindes Lehrer: „Meine Tochter muss arbeiten und kann keine Zeit an
nutzlosen Dingen wie Hausaufgaben verschwenden.“ Nichtsdestotrotz schaffte
es Sieglinde, eine „Zwei“ im Durchschnitt in ihren Proben zu erreichen. In
der Tat waren ihre Noten so gut, dass die Lehrer sie fürs Gymnasium
empfahlen.
Eines Nachts zwang ihr Halbbruder sie zum Sex, sodass ihre Hoffnung, einen
großen Bruder zu haben, der ihr beistand, durch diese Erfahrung völlig
zunichte gemacht wurde. Sie war erst zehn Jahre alt und glaubte noch daran ,
dass der Storch die Babys bringe. Alles, was sie wusste, ist, dass sie
nachher „Ekel, Bestürzung und Schuld fühlte“ und von da an immer versuchte,
ihren Halbbruder zu meiden. Da sie in der Nacht befürchtete, Lutz könnte
sein unerklärliches Verhalten wiederholen, konnte sie oft erst einschlafen,
als die Turmuhr zur Mitternacht schlug. Sie dachte, was geschehen war sei
vielleicht ihr Fehler. „Je mehr Fragen ich mir selber stellte, desto
verlorener und verwirrter fühlte ich mich.“ Sie spürte, dass da niemand war,
den sie nach einer Erklärung des Geschehenen fragen konnte oder den sie um
Hilfe bitten konnte.
Manchmal waren die Prügel ihres Vaters so häufig, dass die alten Wunden
keine Chance hatten zu verheilen. Einmal als sie erneut eine „verdiente
Lektion“ ihres Vaters erhalten hatte, waren Sieglindes „Beine, Kopf und
Hände geschwollen.“ Wegen der offenen Wunden musste sie ihren Schulranzen
mit der Hand tragen anstatt auf dem Rücken. Sie versuchte, den Druck des
Klassenpultes auf ihren Rücken so gering wie möglich zu halten und setzte
sich mit der linken Seite ihres Körpers gegen die Rückseite des Pults. Ihr
Lehrer merkte, dass sie nicht richtig dasaß, aber sie konnte es nicht, weil
sie von ihrer rechten Schulter bis hinab zu den Waden voller Blutergüsse
war. Der Lehrer schlug sie auf den Rücken, um ihren Tagtraum zu
unterbrechen. Nahezu gleichzeitig schrie ein Mitschüler auf, dass sie blute.
Natürlich war der Lehrer verstört und besorgt über sie, da er dachte, er
habe die Verletzung verursacht. Er entschuldigte sich dafür, sie geschlagen
zu haben. Man rief den Hausarzt. Hurtig wurde sie für den Transport ins
Krankenhaus in eine Ambulanz verfrachtet. Sie beschreibt die wenigen im
Krankenhaus verbrachten Tage als Erholungsurlaub. Als sie wieder zu Hause
eintraf, bestand ihre Mutter darauf, dass die Geschehnisse daheim nicht
erwähnt werden sollten, da es niemanden was angehe.
Eines Tages wurde sie gezwungen, einen neuen BH und Petticoat vorzuführen
und zu tanzen, während ihre Eltern im Bett lagen. Schließlich „wusste ich,
dass es eine Lebensart ist, als Kind Leute befriedigt zu haben.“ Komm’ her
und zieh’ den BH aus, ich will sehen wie groß sie sind“, befahl ihr Vater.
„Als er meine Brüste anfasste, kreuzte ich meine Arme.“...“Mein Vater
blickte finster: ‚Sie wird nicht perfekt sein, die Warzen sind zu niedrig
und ihre Beine sind zu kurz.’ Er wandte sich mir zu. ‚Du kannst nun gehen’,
sagte er.“ Sie schreibt, dass sie auf Grund dieser Erfahrung für den Rest
des Tages krank war, aber sie musste sowieso arbeiten, weil Krankheit nie
eine Entschuldigung für sie war, sich vor der Arbeit zu drücken.
Beeindruckend ist, wie sie darüber schreibt, wie sich ihr Ich aufspaltete
und die Verletzung aufnahm um sie zu schützen: „Mein anders Ich litt für
mich und half mir durch schmerzvolle, unangenehme Situationen. Es war wie in
Ohnmacht fallen und in einem Körper aufwachen, der keine Gefühle hat.“
Die Ankunft der Eltern zu Hause war eine spannungsgeladene Zeit für die
Kinder. Manchmal mussten sich die Kinder ungeachtet der Uhrzeit wie Soldaten
in Reih’ und Glied stellen um sich ihre „gerechte Strafe“ abzuholen. Eines
Nachts, als sie noch unter der Tracht Prügel litt, die sie in der Nacht
zuvor erhalten hatte, wurden die Kinder aufgeweckt und sollten erklären,
warum das Fenster unten im Lager zerbrochen war. Die Unschuld zu beteuern
war immer nutzlos. Ihr Vater nannte sie verlogene „Bande“ und sagte: „Auch
wenn es diesmal nicht eure Schuld wäre, ihr bräuchtet die Strafe sowieso.“
Es ging so weit, dass zu lügen oder die Wahrheit zu sagen keinen Unterschied
machte. Die Kinder entschieden, dass sie die Misshandlungen nicht mehr
ertragen könnten und beschlossen, ihren Vater zu töten. Sie erwogen
verschiedene Methoden von Mord, konnten aber keine Methode präsentieren, die
garantiert funktioniert hätte, und so wurde der Plan aufgegeben.
Als sie ein Kind war, schreibt sie, wurde es nicht als bedeutendes Problem
angesehen, wenn man angeschrien wurde. Sie schreibt: „Wie starke
Auswirkungen gerade das Anschreien auf mich hatte, fand ich später heraus.“
Und gerade als ihre wunderbare Großmutter starb und das Meerschweinchen
getötet wurde, bemerkte sie, wie besänftigend das Gefühl der Ruhe war , das
der Tod ihr vermittelte .Sie fand, dass es der Tod in sich selbst war, der
ihr und ihren Geschwistern den Ansporn gab, den Schmerzverursacher in ihrem
Leben zum Schweigen zu bringen.
Sieglinde schreibt, dass die Worte ihres Vaters noch immer in ihrem Kopf
widerhallen: „Um ein Ziel zu erreichen, musst du alles beseitigen, das dir
in den Weg kommt. Ich hoffe jemand wie Hitler wird sich erheben und
Deutschland wieder zu Ruhm und Ordnung führen.“ Und: „Wenn Hitler
zurückkommt, gehören die (diejenigen, die er als Unterklasse bezeichnete –
die Nachbarn) zu der Sorte, die als erste im Konzentrationslager landen.“
„Nachdem ich
konstanten psychischen Stress Tag für Tag erfahren habe, weiß ich, dass jede
Reaktion, die ein Kind zeigt, jenseits von Logik liegt. Emotional hat das
Kind überschritten, was ich die‚ Kreuzung der Entscheidung’ nenne.
Unterbewusst trifft das Kind eine Entscheidung, welchen Weg es gehen soll,
gemäß seinen Erfahrungen und gemäß dem, was es von Eltern und anderen
Erwachsenen gelernt hat.“
„Ich
wunderte mich über die Kindheit meines Vaters. Warum war er so voller Hass
anderen Rassen gegenüber? Es war nicht nur die schwarze Rasse, sondern auch
jüdische Menschen und jede andere Rasse außer der arischen (sic).
Wie konnte er glauben, Hitler habe ein Recht, ein anderes menschliches
Leben zu vernichten? Fortwährend stellte ich mir Fragen.
Dann
erinnerte ich mich an seine Mutter, eine gehässige, beherrschende,
verurteilende Frau. Sie glaubte tatsächlich, dass sie besser und
aristokratischer sei als der Abschaum, mit dem sie gezwungenermaßen dieselbe
Straße teilen musste. Sie verweigerte meinen Cousins, die mit ihr im selben
Haus lebten, oder uns den kleinsten Gefallen, es sei denn, wir gehorchten
ihr blind.
Die Erklärung
„Wir brauchen Heizöl“ wurde unmittelbar so verstanden, dass man es stehlen
müsse. Es war kurz vor der Neujahrsnacht und die ganze Kohle war auch aus.
Nachdem sie um Mitternacht von ihrer Mutter aufgeweckt worden waren, nahmen
Sieglinde und ihr Bruder Nigg zwei Zehn-Liter-Kannen auf ihrem Schlitten
mit, um ‚das Ding zu drehen’. In jener Nacht marschierten sie zwei Kilometer
im tiefen Schnee. Das Lagerhaus lag direkt am Fluss und war auf drei Seiten
eingezäunt, so dass es notwendig war, sich dem Gebäude vom zugefrorenen
Fluss aus zu nähern.
Nach einer
Reihe von Komplikationen gelang es ihnen, das Öl an sich zu nehmen, aber
wegen des dünnen Eises auf dem Fluss mussten sie ein Seil benutzen, um den
Schlitten und die Ölkannen lenken zu können, ohne ihre wertvolle Fracht
begleiten zu müssen. Niemand hatte sie gesehen. Sie hatten einen
erfolgreichen Einbruch begangen. Jedoch waren sie voller Angst, dass der
Schnee verräterisch sein könnte, da ihre Schlittenspuren die Route
aufzeigten, die sie auf dem Weg nach Hause genommen hatten. Nachdem sie
weitere Hindernisse überwunden hatten, kehrten sie schließlich mit ihrer
Beute nach Hause zurück. Als sie aufwachten, freuten sie sich, dass ihr
Glück anhielt, da Neuschnee ihre Spuren nach Hause überdeckt hatte.
Sieglindes
Großmutter (die Mutter ihres Vaters) war „genauso böse wie er“. Die Autorin
schreibt, dass sie sogar Kontrolle über die Nachbarschaft ausübte! Krankhaft
neugierig spionierte sie jedem von ihrem abgedunkelten Wohnzimmer aus
hinterher. Ihre vierzehn Kinder erhielten alle ihre „Besserungstherapie“ mit
dem Ledergürtel ihres Schuster – Vaters. Was konnte man unter diesen
Umständen anderes von den Kindern des Schusters erwarten? Wie die Autorin
schreibt, „wurde (ihr) Vater deswegen zu dem, was er war.“ Dennoch
bevorzugte es die Autorin immer, im Haus Ihrer Großmutter zu sein als bei
sich zu Hause. „Ich war immer erstaunt, wenn andere Kinder keine Angst vor
ihren Eltern hatten. Das war gewiss nicht wahr in unserem Haus. Mein Vater
beantwortete jeden Ungehorsam mit einem Schlauch im Waschraum.“
Die Autorin
ging schließlich von zu Hause fort und arbeitete als Hausmädchen, wobei das
Geld direkt an ihren Vater ging. Nach sechs Monaten unternahm der „Herr des
Hauses“ einen Versuch sie sexuell zu belästigen. Als sie nach Hause
zurückkehrte, nannte man Sieglinde einen „Taugenichts“, weil sie aufgehört
hatte, obwohl ihre Eltern wegen des Vorfalls für das gesamte Jahr bezahlt
wurden. Die Ehefrau des „Hausherrn“ verstand jetzt, warum die früheren
Hausmädchen ebenso gegangen waren, bevor ihr Vertrag ausgelaufen war.
Sie arbeitete
dann im Akkordlohn in einer Fabrik für Autoteile, wo sie einem
Arbeitskollegen begegnete, mit dem sie sich regelmäßig verabredete und bei
dem sie sich sicher fühlte. Er war nicht wie die anderen Arbeiter, die sie
ständig sexuell belästigten.
Der
Arbeitskollege hielt bei Sieglindes Vater um ihre Hand an. Ihr Vater
beleidigte ihn, indem er ihm ins Gesicht sagte, er sei ein Arbeiter aus
unterstem Stand, und dann „warf er ihn aus dem Haus“. Ihre Mutter wies sie
an, ihn nie wieder zu sehen.
In der SWF
(Autoteilefabrik) in Wemding erhielt sie für ihre Arbeit wiederum keinen
Lohn. Wenn sie ihren Lohn abholen wollte, erhielt sie einen Beleg, der sie
darüber informierte, dass das Geld für sie von ihrer Mutter geholt wurde.
Eines Tages fiel sie während der Arbeit in Ohnmacht und wurde ins
Krankenhaus gebracht. Die Ärzte diagnostizierten Mangelernährung und sagten
ihr, sie sei zu schwach für harte Arbeit. Sie wurde sofort gefeuert. Ihre
Eltern fanden Arbeit für sie in einem Hotel – Kartoffeln schälen und
Geschirr spülen. Wieder erhielt sie keine Bezahlung, nur einen Beleg, dass
das ihr zustehende Geld an ihre Mutter ausbezahlt worden war.
Ihre Eltern
fanden einen Heiratskandidaten für sie, als sie sechzehn war. Ihr Ehegatte
in spe war fünfundsechzig, aber man sagte ihr, sie solle sich keine Sorgen
machen, da „du alles erben wirst, wenn er stirbt“. Man sagte ihr, das sei
bald der Fall, da er Leberkrebs habe. Sieglinde beschloss, dass ihre einzige
Möglichkeit darin bestand, das Heim ihrer Eltern sofort zu verlassen. Der
Freund, den sie in dem Autoteile – Werk kennen gelernt hatte, kam zu der
Überzeugung, dass ihr Vater nichts gegen die Ehe einwenden werde, falls sie
schwanger werde. Jedoch sollte er bald entdecken, dass sie keine Jungfrau
mehr war: Sie war von ihrem Halbbruder vergewaltigt worden. Er setzte sie
vor seine Tür und schrie sie an: „ Du hast mich angelogen......Ich werde
niemals eine Hure wie dich heiraten.“
Sie wusste
nicht, was sie tun sollte. Per Anhalter fuhr sie nach Harburg zurück und
ging zur Burg, die für sie in der Vergangenheit eine Zufluchtsstätte war,
wenn sie Kummer hatte. Sie beschloss, Selbstmord zu begehen und benutzte
eine Schere aus ihrer Handtasche für den Versuch, sich eine Ader in ihrem
linken Handgelenk aufzuschneiden. Aber der Blutfluß stockte beinahe
augenblicklich nach dem Schnitt in die Ader.
Sie trampte
dann durch Deutschland für ein Monat oder so, bis sie eine Frau traf, die
ihr einen Platz zum Wohnen bot und ihr half, Arbeit als Kellnerin zu
bekommen. Bald wurde sie krank und schwach und ihre Eltern wurden über ihren
Aufenthaltsort informiert. Da sie sich jedoch eisern weigerte, zu ihren
Eltern nach Hause zurückzukehren, waren die Behörden in Verlegenheit, was
sie tun sollten, und so brachte man sie in ein Heim für unverheiratete
werdende Mütter.
Während ihrer
Zeit begann sie eine Schneiderlehre, obwohl sie an dieser Art von Arbeit
nicht interessiert war. Sie lernte schnell und konnte den drei Jahre
dauernden Kurs in nur zwei Jahren beenden., obwohl ihre Schulung durch einen
einmonatigen Klinikaufenthalt wegen schwerer Schuppenflechte unterbrochen
worden war. In einer Klasse von 140 Mädchen schaffte sie einen
Spitzenabschluss im praktischen Teil des Kurses.
Im Alter von
fünfunddreißig beendete sie ihre Meisterausbildung in Schneiderei und
Modedesign, arbeitete dann als Innenausstatterin und war Teilhaberin in
einer Top-Modeboutique. Sie erwähnt, dass sich in dieser Zeit ihre
Selbstachtung verbesserte.
Als sie in
die USA kam, um ein neues Leben zu beginnen, so schreibt die Autorin, habe
sie geglaubt, es sei genug, Deutschland einfach zu verlassen, aber das war
falsch. Es war für sie offensichtlich, dass ihre ungelösten Probleme mit ihr
ins neue Leben reisten. Sie gelangte zu der Überzeugung, dass sie noch
einmal die Konfrontation mit ihrer Kindheit suchen müsse, um Fortschritte zu
machen. Intuitiv wusste sie, dass sie ihren gespeicherten Schmerz fühlen
musste.
„Es war
das Kind in mir, das um Anerkennung flehte, das all die Jahre darauf
gewartet hatte, geliebt und umsorgt zu werden. Es war das Kind in
seelischem Schmerz, das sich selbst ablehnte, weil ich von meinen Eltern
abgelehnt wurde.
Ich weiß nun, dass ich mich selbst nicht lieben oder respektieren konnte,
weil ich niemals dergleichen erhalten hatte. Niemand gab dem Kind jemals das
Recht zu weinen oder Arme, in die es sich flüchten konnte.“ --Quälende
Schatten aus der Vergangenheit- Kapitel 3 – Die Weigerung sich selbst
zu lieben
Mit der
Unterstützung ihrer Freunde und ihres Ehemanns wählte sie die „Schreibform“
als Therapie, und sie hält es für sehr bedeutend, fähig zu sein, mit der
Verleugnung ihrer Misshandlungen aufhören zu können. Es war dieser
Entschluss, so glaubt sie, der sie auf den Weg der Heilung brachte.
Ihr Vater war
bis zu seinem Tod 1998 überzeugt, dass er seine Kinder richtig erzogen habe.
Ihre Mutter
war stark fettleibig, als sie 1979 nach einer Herzattacke verstarb. Ihr
ganzes Leben hatte sie damit zugebracht, das Leben ihrer Tochter zu
kontrollieren. Vor ihrem Tod war sie vereinsamt und erzählte ihren Nachbarn
ständig Lügengeschichten über die Undankbarkeit ihrer Kinder.

Verdrängung
und Bewusstsein
Sieglinde
W. Alexander
Es ist der
29. Mai und ich bin seit 4. April in den Vereinigten Staaten. Meine Flucht
aus einem Land und seinen Menschen, die meine Seele mit ihrer
einfühlungslosen Selbstgerechtigkeit quälten, schien meinem Gemüt hilfreich
zu sein. Das Leben mit einer neuen Freundin und ihrem Ehemann in einem Haus
der oberen Mittelklasse, in einer Nachbarschaft von Direktoren, CEOs und
anderen intelligenten und finanziell wohlsituierten Leuten hatte mir ein
Gefühl von Sicherheit gebracht.
Der Blick aus
dem Fenster um 10 Uhr nachts, der Anblick des gut gepflegten Rasens, die
leere Straße und die unheimliche Ruhe klopften an ein Gefühl an, das ich
verdrängt hatte. Wie undankbar ich bin, hatte ich gedacht. Hier ist alles,
wonach ich gesucht habe, Wohlstand, Glanz, Anerkennung, der Aufstieg auf der
Leiter zum perfekten Leben. Dafür kam ich hierher, mahnte ich mich selbst.
Ich muss mein eigenes Geschäft aufbauen, genau wie in Deutschland, und in
einer Nachbarschaft wie dieser leben, wo die Leute einander respektieren und
wo jeder ‚wer’ ist. Ich unterdrückte ein nagendes aufsteigendes Gefühl, das
Schmetterlinge in meinem Bauch freigesetzt hatte, als ich zu Bett ging.
2 Uhr
morgens. Ich wachte
schweißgebadet von einem Traum auf, in dem ich in der Mitte eines sehr
großen weißen runden Raumes ohne Wände, aber mit Hunderten von Türen stand.
Eine Stimme sagte mir, dass mein Leben von dem Geheimnis und dem Wissen
abhänge, das hinter all diesen Türen ruhe. „Welche Tür soll ich zuerst
öffnen?“, fragte ich die Stimme, die mir nicht antwortete. Als keine Antwort
kam, ging ich auf die Tür vor mir zu. Aber als ich den ersten Schritt in
Richtung der Tür tat, begannen alle Türen sich nach links im Kreise zu
bewegen.
Mit jedem
Schritt näher auf die Tür zu begann sich die Wand schneller zu drehen.
Benommen und verängstigt griff ich nach der Tür. Dann hörte das Drehen auf.
Langsam öffnete ich die weiße Tür, konnte aber nicht sehen, was dahinter
lag. Statt dessen begann der Raum sich wieder zu drehen, diesmal nach
rechts, wobei ich mich an der offenen Tür festhielt. Der Angstpegel wurde
unerträglich. Ich wachte auf.
Der nächste
Tag war ein Sonntag und ich begleitete meine Freundin Bennie zu ihrer
Kirche; ihr Mann blieb zu Hause. Unterwegs im Wagen fragte mich Bennie, ob
ich gut geschlafen habe. „Nein“, antwortete ich ehrlich, „ich hatte einen
Alptraum. Ich muss zuviel von dem guten Essen, das du gekocht hast, zu mir
genommen haben“, beruhigte ich sie mit meinem gebrochenen, meistens
gestikulierendem Englisch, in der Hoffnung, dass sie nicht enttäuscht war.
„Ach ja“, antwortete sie, „das kann jedem von uns passieren. Vergiß’ es
einfach und vergnüge dich.“ „Ja, genau das brauch’ ich“, sagte ich, „Spaß
haben hilft uns den Unsinn schauriger Träume zu vergessen.“
Und es hatte
geholfen, wenigstens für die nächste Stunde. Ich begegnete vielen Menschen,
die neugierig darauf waren, diese deutsche Lady zu treffen, die gerade eine
schwarze Kirche besuchte, obwohl ich ihre Willkommensworte nicht verstand.
Als der
Gottesdienst begann, versuchte ich zu verstehen, was der Pastor sagte, aber
meine Gedanken wanderten ab zu der offenen Tür in meinem Traum. Der Chor
sang, und dann begann ein Solist zu singen. Wiederum verstand ich die Worte
nicht, die er sang, aber seine gütige Stimme und die sanfte Melodie
schalteten das Licht an in dem Zimmer der offenen Tür aus meinem Traum.
Ich hörte die
Worte ‚Lieber Geist komm’ über meine Seele’, und ich verstand
sie, als mich eine rollende Woge von Schmerz in den Kirchenstuhl
hineinpresste. Jäh sprang ich auf. Ich war verblüfft von meiner eigenen
Reaktion, fühlte mich peinlich berührt und löste den unangenehmen Moment
schnell, indem ich Bennie zuflüsterte: „Tut mir Leid, aber ich muss
zum WC.“
Verwirrt über das, was mit mir geschah, stand ich draußen vor der Tür und
befahl mir selbst, jeden möglichen emotionalen Ausbruch zu kontrollieren und
spottete solange über mich selbst, bis ich wieder volle Kontrolle über mich
hatte.
Nach der
Kirche scharten sich einige aus der Gemeinde um mich, und viele fragten, ob
mir das Lied gefallen habe. Verlegen sagte ich „ja“, aber mit einer
Entschuldigung für mein störendes Verhalten. „Oh, keine Ursache“,
versicherten alle mit einem empathischen Lächeln. „Es ist der Heilige Geist,
der dich in Bewegung setzte“. Sie bestanden darauf, dass ich von religiöser
Erkenntnis erleuchtet worden sei. Ich hätte wirklich gerne ihre Version der
Ereignisse übernommen.
Es wäre eine
Erklärung gewesen für das, was ich gefühlt hatte, aber etwas in mir wollte
ihre religiöse Erklärung, worum es sich bei meinem Gefühl gehandelt hatte,
nicht ganz akzeptieren. Es war keine spirituelle Art von Gefühl, was ich
gehabt hatte. Es war ein reales Gefühl, ein tiefes Empfinden frühen
Schmerzes, der viele Jahre lang aufbewahrt und durch einen emotionalen
Auslöser freigesetzt worden war. Das Gefühl hatte sich nach den
Feierlichkeiten noch nicht gelegt, und ich spürte das Verlangen alleine zu
sein, als ich von der fröhlichen, lachenden Menge fortging, um eine
Zigarette zu rauchen.
Ich stand
verborgen hinter einem Oleander – Busch, als ich plötzlich begann, ein
Lieblingslied aus meiner Kindheit zu hören: So Nimm Denn Meine Hände.
In meinem Geist erklang dieses Lied als Teil eines Duetts mit Lieber
Geist Komm Über Meine Seele, und es erschien das Bild, wie ich gerade in
der Kirche meiner Heimatstadt saß.
Ich sah mich
selbst als 12jährige, die ein Lieblingslied mit der Gemeinde sang und leise
weinte, hoffend, Jesus werde meine Sünde und meinen Schmerz vom Tag zuvor
von mir nehmen. Nachdem ich in den Schulferien den ganzen Tag an der
Tankstelle meiner Eltern gearbeitet hatte, hatte mich ein Bekannter meiner
Eltern auf seinem Weg nach Hause mitfahren lassen, während meine Eltern
weiterarbeiteten.
Er hatte mich
um 22 Uhr an der Hauptstraße abgesetzt und ich hatte die gewohnte Abkürzung
nach Hause durch den Friedhof genommen. Wie in einer Live -
Videoaufzeichnung sah und fühlte ich den quälenden Schmerz, die qualvolle
Angst und Schuld, als ich vor Jahrzehnten auf dem Friedhof nahe dem Grab
meiner Großmutter von einem jungen Mann aus der Stadt vergewaltigt worden
war.
So
überwältigend und schmerzvoll die Erinnerung auch war, so fühlte ich doch,
wie eine plötzliche wohltuende Gemütsruhe meinen Körper durchdrang. Ohne
Worte hatte ich die Botschaft vollkommen verstanden, die in der Finsternis
meines Alptraums hinter der Tür verborgen war. Es war das Tor zu Schmerz und
Schuld, die ich in meinem Traum geöffnet hatte. In Gedanken sagte ich zu mir
selbst: “Es war nicht dein Fehler, kleine Sieglinde.“
Im gleichen
Augenblick fühlte ich, was mein früherer Traum in Italien und dieser
gemeinsam hatten. Beide umfassten dasselbe furchteinflößende Gefühl einer
heilsamen Wiederverknüpfung zwischen dem Spalt in mir selbst, der durch ein
Trauma viele Jahre früher geschaffen worden war.
Bennie
unterbrach meine emotionale Reise. „Komm“, sagte sie, „ich möchte dich dem
Mann vorstellen, der Lieber Geist.... gesungen hat“. Freundlich
schüttelte ich seine Hand, als ich sein Gesicht erforschte und den
wirklichen Grund zu begreifen versuchte, warum er diese Hymne gesungen hatte
und warum gerade an diesem Tag.
Vierzehn
Monate später sollte der Solist mein Ehemann werden. Seit dem Tag, an dem
ich Lieber Geist Komm Über Meine Seele hörte, fragte ich mich, ob die
emotionalen Ausbrüche von Kirchengängern - besonders von schwarzen -
gefühlvolle Religiosität benutzen, um unbewusst tief verborgenen Schmerz
auszulösen. Ich sehe die Emotionen, die bei diesen Zeremonien aufgewühlt
werden, als Tür zum Primalen, aber auf einer völlig anderen Ebene.
Obwohl
während solcher religiöser Zeremonien tiefe Emotionen ausgedrückt werden,
wird keine Verknüpfung zur ursprünglichen Quelle des Schmerzes hergestellt.
Folglich wird der Primärprozess nicht vollendet, und der gleiche oder
ähnliche Schmerz wird immer wieder ‚aufgetischt’.

Übersetzung
Ferdinand Wagner
Ich bedanke
mich bei Ferdinand Wagner für seine ausgezeichnete Übersetzung, die mit sehr
viel Einfühlungsvermögen und Wissen geschrieben ist.
Sieglinde W.
Alexander
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